Breaking Bad: Niemand braucht El Camino - außer Aaron Paul

Aaron Paul in El Camino: Ein Breaking Bad-Film
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Aaron Paul in El Camino: Ein Breaking Bad-Film
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Breaking Bad hat diesen Film nicht gebraucht, Aaron Paul aber schon. El Camino: Ein Breaking Bad-Film päppelt ein paar Szenen aus dem Finale der Serie zu Spielfilmgröße auf, obwohl wir uns das weitere Schicksal von Jesse Pinkman auch so gut vorstellen konnten.

Für Jesse-Darsteller Aaron Paul ist El Camino jedoch eine willkommene Bühne, um uns nochmal daran zu erinnern, wie integral Jesses Story für die Serie war. Das Finale von Breaking Bad war Pauls Karriere-Höhepunkt. Mit dem Kino wollte es danach nicht klappen und ein vergleichbarer TV-Erfolg blieb aus.

Beim Festival des phantastischen Films im spanischen Sitges wurde er gestern trotzdem gefeiert wie ein Superstar, was Paul auf äußerst sympathische Weise entgegennahm.

Achtung, es folgen Spoiler für El Camino und Breaking Bad.

Für immer Mitte 20: Aaron Paul im Breaking Bad-Film El Camino

"I miss you, man!" ertönte es im Publikum, als ein geliebter und verhasster Glatzkopf auf der Leinwand erschien. Während das Publikum beim Filmfestival in Sitges den Flashback-Auftritt von Walter White beklatschte (wie übrigens fast jeden "Cameo" im Film), bekundete Paul seine Freundschaft zu Bryan Cranston. Mit dem brennt er mittlerweile Mezcal, den mexikanischen Agavenschnaps, statt in der Meth-Küche zu stehen.

Da saßen also der mittlerweile 40 Jahre alte Paul und der mit einer von Greg Nicotero (The Walking Dead) beigesteuerten Glatzen-Kappe versehene Cranston, um ihre Rollen aus der 2. Staffel von Breaking Bad aufzunehmen. Schon die Rückblenden in der 5. Staffel strapazierten die Glaubwürdigkeit des "Mittzwanzigers" Aaron Paul.

In El Camino wird sich kaum mehr bemüht zu verbergen, wie Jesse Plemons, Paul und andere gealtert sind. So wirkt der Film wie eine verzerrte Version der Serienrealität. Es ist eine Erinnerung, in der wir uns beim besten Willen nicht mehr besinnen können, wie unsere Freunde oder Feinde damals ausgesehen haben. Die Situationen aber haben wir glasklar im Kopf.

Aaron Pauls Jesse in El Camino: ein traumatisierter Held

Die Erinnerungen verfolgen den traumatisierten Jesse Pinkman in El Camino. Er erwacht und wähnt sich im Käfig der Neonazi-Gang, die ihn versklavt hatte. Unter der Dusche oder beim Wiedersehen eines vertrauten Gesichts blitzen die Bilder schmerzhaft auf. Ein Wasserstrahl, der auf die Haut schießt, oder die Funken eines Schweißgeräts.

Vince Gilligan lässt Jesse einige Stationen seines Martyriums aus fünf Staffeln Breaking Bad verfolgen auf der Suche nach dem Geld für die Flucht. Erst landet er bei seinen Kumpels Badger und Skinny Pete, treue Verkörperungen seines alten Lebens, ebenso wie seine Eltern.

Er kehrt zur Wohnung von Todd Alquist (Jesse Plemons) zurück. Der Folter-Prakti der Neonazi-Gang hatte Walters Beziehung zu Jesse grauenerregend zugespitzt. Die Vaterfigur wird durch einen Bruder oder Freund ersetzt, der die Bindung von Jesse an Walters Meth-Geschäft durch echte Ketten manifestiert.

Der Flashback mit Todd, Jesse und der Waffe wirkt dann tatsächlich wie eine verlorene Breaking Bad-Szene, während andere Cameos in El Camino an Fan-Fiction grenzen. Allen voran der von Jesses Meth-Mentor, welcher primär bestätigt, wie riesig Walter Whites Ego und Narzissmus war (falls einem das in Breaking Bad nie aufgefallen ist).

In El Camino darf Jesse sich aus dem Gefängnis von Breaking Bad befreien

Jesse jedenfalls erhält von Gilligan seine Auseinandersetzung mit dem Trauma, für die es im Finale von Breaking Bad keine Zeit gab. Dort war er gefangen und gebrochen. Hier wird er zum Agenten seines Schicksals, als er aufs Gelände der Kandy Welding Co. eindringt wie damals Walter White bei Onkel Jack.

In zwei überhöhten Genre-Szenen erschießt er erst den Ingenieur seines Gefängnisses per Western-Duell, bevor er dessen Werkstatt in die Luft jagt. Am Ende von El Camino steckt ein Stück Walter White in Jesse. Der war in Breaking Bad unser Gradmesser für die gravierende Bedeutung des Todes, ob er nun selbst morden musste oder sah, wie ein Junge erschossen wurde.

Walter und Todd waren Ausdruck einer Desensibilisierung, Jesse dagegen ein moralischer wie emotionaler Kompass. Im Finale von El Camino fährt da auch ein kleines Stückchen Walter White nach Alaska, aber die Erinnerung an Jane (Krysten Ritter) und alles, was gut ist in Jesse, überwiegt.

Aaron Paul macht den Breaking Bad-Film erst sehenswert

Aaron Paul ist der eine Grund, El Camino zu schauen, wenn man mehr erwartet als das Schwelgen in der Atmosphäre der Serie. Er braucht Bryan Cranston nicht, um uns durch die Befreiung Jesses zu führen.

Paul macht sich gut als Leading Man, der über eine Hürde nach der anderen stolpert, am Boden liegt und wieder aufsteht. Eines der Grundprobleme seines gescheiterten Kino-Ausflugs Need for Speed war schließlich gewesen, dass ihm da alles viel zu leicht fiel. Er wirkte arrogant. El Camino betont, wie wichtig die Story Jesses war, auch wenn der Film im Grunde nur ausbuchstabiert, was Jesses Tritt aufs Gaspedal im Serienfinale ausreichend angedeutet hatte.

In Sitges wusste das Publikum Aaron Pauls Einsatz zu schätzen. Beim Q&A im Anschluss des Screenings rief er zur Standing Ovation für den kürzlich verstorbenen Robert Forster auf, der in El Camino einmal mehr zum Fluchthelfer Ed wird.

Paul wirkte gerührt. Er führte das Q&A fort, gab Autogramme und kostete jede Minute des Events aus. Es gibt schlimmere Schauspielschicksale, als für immer Jesse Pinkman zu bleiben.

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