Der neue Shaft-Film mit Samuel L. Jackson verkommt auf Netflix zur Karikatur

Jessie Usher, Samuel L. Jackson und Richard Roundtree als Shaft
© New Line Cinema
Jessie Usher, Samuel L. Jackson und Richard Roundtree als Shaft
Community Autor
folgen
du folgst
entfolgen
Berichtet am liebsten über Gangsterstreifen und Werke, in denen sich Literatur und Filmkunst vereinen. Weiß, wo Leute hinkommen, die guten Scotch verschwenden.

Auch wenn der Mantel ein ähnlicher ist, kommt es in Shaft nicht zum insgesamt 12. Auftritt von Samuel L. Jackson als Nick Fury. Jackson schlüpft vielmehr 19 Jahre nach Shaft - Noch Fragen? erneut in die zumindest in den USA kultige Rolle des John Shaft. Die alten Shaft-Filme und auch das Remake mit Jackson aus dem Jahr 2000 behandelten bei aller überspitzten Coolness unterschwellig wichtige gesellschaftliche Themen.

Der neue Shaft-Film hingegen, der außerhalb der USA und Kanadas auf Netflix ausgestrahlt wird, verkommt dem gegenüber zu einer enttäuschenden Karikatur.

Das Shaft-Franchise unter der Lupe

Richard Roundtree, der 1971 als erstes in die Rolle des Shaft schlüpfte, wurde zum ersten schwarzen Actionhelden der USA und der Film einer der bedeutendsten Einträge des Blaxploitation-Kinos. Es war damals geradezu revolutionär, wie sich der coole schwarze Privatdetektiv John Shaft, von allen ethnischen Gruppen in New York respektiert, mit Witz, Charme und Härte durch die Unterwelt Harlems arbeitete. Schwarzes Selbstbewusstsein und der legendäre Soundtrack vom Isaac Hayes verhalfen zum Kult.

Dabei spielte er die von Weißen dominierte Polizei, die italienische Mafia und rassistische Sklavenhändler ebenso aus wie schwarze Gangster, radikale Bürgerrechtsgruppen und rückständige afrikanische Staatschefs. Shaft war in seiner Unabhängigkeit gegenüber Rassenklischees wegweisend. Die Figur in den zugrunde liegenden Romanen von Ernest Tidyman ist dabei eigentlich weiß, Regisseur Gordon Parks entschied sich 1971 jedoch für Roundtrees als Hauptdarsteller.

Eine neue Herangehensweise in Shaft

Nach den drei Shaft-Filmen Shaft, Liebesgrüße aus Pistolen, Shaft in Afrika und einer erfolglosen Shaft-Serie war für Roundtrees "schwarzen James Bond" erst einmal Schluss. 2000 übernahm Samuel L. Jackson dann in einer Mischung aus Sequel und Remake den Shaft-Mantel als John Shafts gleichnamiger Neffe. Der Film mit Jeffrey Wright und Christian Bale wurde sehr erfolgreich und behandelte einen rassistisch motivierten Mord.

Der neue Shaft-Film auf Netflix baut den Shaft-Familienbaum derweil noch etwas weiter aus und dient als Update des fast 50-jährigen Franchises. Im Mittelpunkt steht John Shafts Sohn, der natürlich für die Klarheit auch John Shaft heißt und von Jessie T. Usher dargestellt wird. Jacksons Shaft wird in der Retrospektive trotz nur 7 Jahren Altersunterschied zu Richard Roundtrees Sohn erklärt.

Im Gegensatz zu vorherigen Filmen setzt der neue Netflix-Shaft nun auf Comedy und das Aufeinanderprallen zweier Generationen, um sich vermeintlich den Bedürfnissen der aktuellen Generation gegenüber Actionhelden anzupassen.

Probleme des Shaft-Franchise

Und genau hier liegt eines der großen Probleme des Shaft-Films. Zentral ist die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Usher und Jackson, während der zugrunde liegende Fall rund um den Gangster Gordito (Isaach de Bankolé) zur bloßen Randnotiz verkommt. Dabei sind die behandelten, brandaktuellen Themen nicht weniger interessant: Drogenhandel, traumatisierte Soldaten, islamistischer Terrorismus und Islamophobie.

Statt sich auf die genannten Punkte zu konzentrieren, setzt Shaft auf Comedy und den Generationenkonflikt, der von Klischees nur so strotzt. Shafts Sohn wird als Millennial-Weichei und Comptuter-Nerd eingeführt, was ihm folgende Charaktereigenschaft verleiht: Er ist langweilig, zurückgezogen, an Gewalt nicht interessiert und schüchtern gegenüber den Frauen. Das alles liegt laut Shaft Sr. daran, weil ihn seine Mutter (Regina Hall) allein erzogen und ihn vor John Shafts Abenteuern bewahrt hat. Kurzum, er ist dem Vater zu "weiß".

Sicher, ein Film über die moderne Männerrolle und die gesellschaftlichen Probleme damit ist auch interessant und sehenswert. Das Thema wird in Shaft jedoch nicht ernsthaft behandelt - dafür sorgen Witze über Homosexualität, Kokosnusssaft, spießige Inneneinrichtungen und das Internet. Selbst wenn der Film versucht, Ernsthaftigkeit zu gewissen Themen zu bringen, etwa warum John Shaft seine Familie verlassen hat, wird das gleich durch Jacksons Karikatur-Tiraden umterminiert.

Der coole John Shaft

Dem Weichei-Sohn gegenüber steht nämlich der coole Vater der alten Schule - bei den Frauen erfolgreich, gewaltbereit, immer einen flotten Spruch auf Lager. Er ist gegen das Gesetzt, um 11 Uhr schon betrunken und stets ohne Führerschein am Steuer. Im Laufe des Films entwickelt sich der Sohnemann zu einer zweiten Version seines Vaters, um so seine große Liebe (Alexandra Shipp) trotzt aller Schüchternheit endlich zu erobern.

Frauen stehen eben doch auf harte Kerle und nicht auf Respekt. Fairerweise muss dazu angemerkt werden, dass auch die originalen Shaft-Filme in ihrer Darstellung weiblicher Figuren allesamt zutiefst frauenfeindlich waren. Frauen dienten im Grunde nur dazu, zu zeigen, wie anziehend John Shaft war - und das trotz seiner betont miesen Umgangsformen. Der 2000er Shaft-Film war hier eine Ausnahme, der Netflix-Shaft von Tim Story fällt hingegen wieder zurück in alte Muster.

Shaft ohne Bedeutung

Auch die starken Frauencharaktere von Alexandra Shipp und Regina Hall können am Ende nicht anders als Shafts Herangehensweise zu verfallen. Sicher, man muss das alles nicht so ernst nehmen - der Film mit seinen vielen Witzen und flotten Sprüchen tut es auf jeden Fall nicht. Richard Roundtrees Cartoon-Auftritt am Ende des Films kann dann auch als Belächeln und Entschuldigung für die alten Tage interpretiert werden. Alles nur Spaß und halb so wild.

Aber es ist schon interessant, wie ein Franchise, dass damit begann, Klischees zu bekämpfen, nun selbst in Klischees gefangen ist. Der neue Shaft-Film ist eine Actionkomödie um einen Generationenkonflikt, nett anzusehen, etwas aus der Zeit gefallen und mit Szenen zum Schmunzeln, aber eine größere Bedeutung wie seine Vorgänger, die bei weitem auch nicht perfekt waren, hat er nicht.

Shaft mit Samuel L. Jackson, Richard Roundtree und Jessie T. Usher ist ab dem 28.06.2019 auf Netflix zu sehen.

Wie hat euch der neue Shaft-Film auf Netflix gefallen?

Community Autor
folgen
du folgst
entfolgen
Berichtet am liebsten über Gangsterstreifen und Werke, in denen sich Literatur und Filmkunst vereinen. Weiß, wo Leute hinkommen, die guten Scotch verschwenden.
Deine Meinung zum Artikel Der neue Shaft-Film mit Samuel L. Jackson verkommt auf Netflix zur Karikatur
Ab 17. Oktober im Kino!Parasite
A2331e51e96f4eb99461ff002a00ba32