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Ein filmischer Spaziergang auf der Nippon Connection

Die emotionale Filmwelt des Kiyoshi Kurosawa

21.06.2016 - 12:01 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Kiyoshi Kurosawa
© Nippon Connection 2016
Kiyoshi Kurosawa
Angst, Zorn, Verzweiflung und Hoffnung sind nur einige der vielen Emotionen, welche mich während der Filme Kurosawas begleitet haben.

Die Nippon Connection ist leider seit geraumer Zeit vorbei und ich hatte genug Zeit meine Gedankenstränge zu sortieren, um mir darüber im Klaren zu werden, was ich alles erlebt habe und welche Wirkung auf mich dadurch entstanden ist. Kiyoshi Kurosawa war mir bis zu diesem Festival nicht bekannt. Zwar kannte ich einen Film von ihm, nämlich Tokyo Sonata, doch wusste ich bis dato nicht, wie faszinierend die Filme dieses Regisseurs sind. Rückblickend durfte ich drei seiner Filme auf dem Festival betrachten: Journey to the Shore, Creepy und den bereits erwähnten Film Tokyo Sonata. Für mich persönlich haben diese Werke durch ihr Zusammenspiel ein großartiges Gemälde ergeben, worüber ich im Folgenden erzählen werde. Beginnen möchte ich mit Journey to the Shore, welcher zugleich auch mein erster Film auf dem Festival war.

Wie lange muss man tot sein, um sterben zu können?

Journey to the Shore

Yûsuke (Tadanobu Asano) ist in Journey to the Shore seit drei Jahren vermisst und tot. Nach all diesen Jahren taucht er überraschend wieder auf und steht vor der Haustüre seiner Frau Mizuki (Eri Fukatsu). Was dann geschieht, ist eine Reise durch die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eine surreale Auseinandersetzung mit dem Tod. Kurosawa konfrontiert uns dabei mit dem Unausweichlichen, wovor keiner fliehen kann, denn früher oder später müssen wir uns alle damit abfinden, dem Tod. Wie lange müssen wir demnach tot sein, um sterben zu können?

Diese Frage ist der essentielle Kern dieses Films, zumindest für mich. Die Art und Weise mit der verschiedene Charaktere eingeführt werden, die Licht- und Musikverhältnisse die uns offenbart werden, erschaffen eine Pforte zwischen dem Jenseits und dem Hier und Jetzt. Es gibt Gute gründe, weswegen Martin Scorsese Kurosawa als einen Meister des Lichts betitelt. Die ganze "Mise en Scène" ist nicht nur stimmig, sie ist makellos. Dazu kommt die wunderschöne und Gänsehaut verursachende Musik. Wenn ihr euch diesen Film anschaut, achtet auf die Klavier-Szene. Mehr möchte ich nicht verraten.

Journey to the Shore ist eine Reise, eine Reise in das innere Ich und zeigt uns, wie mit dem Tod umgegangen wird und wie nicht mehr lebende Menschen ebenfalls mit diesem umgehen müssen. Nicht nur der Lebende muss hier loslassen können, sondern der Verstorbene auch.

Der einzige Punkt, der vermutlich den westlichen Zuschauer zum Grübeln bringen könnte, ist der der Symbolik. Nicht jeder wird die Anspielungen und die Bedeutungen der detailliert dargestellten Symbole verstehen, so ging es mir zumindest. Dadurch entsteht eine Lücke, eine Lücke welche mit Unwissenheit gefüllt wird, was wiederum stört. Glücklicherweise ist dieser Störfaktor nur ein Dekadenzproblem, sodass dieser Film letztendlich eine wunderbare und philosophische Erscheinung bleibt.

Zufälle sind da, um Ausnahmen zu bestätigen.

Creepy

Der ehemals als Kriminalbeamter arbeitende Takakura (Hidetoshi Nishijima) ist, nach einem problematischen Serienkiller-Fall, auf die Universität gewechselt und unterrichtet als Dozent Kriminologie. Nebenher ist er mit seiner Frau Yasuko (Yuko Takeuchi) in ein neues Haus umgezogen. Als er von einem alten Arbeitskollegen darum gebeten wird sich mit einer Akte über einen vergangenen Fall vertraut zu machen, ist ihm noch nicht bewusst, dass sein Nachbar Nishino (Teruyuki Kagawa) eine weitere Gefahr für ihn beherbergt.

Macht und Unterdrückung, der Genuss der Erniedrigung anderer Personen und die damit verbundene Ambivalenz der Opferrolle dirigiert den Film Creepy von Kurosawa. Sehr sympathisch wirkt dieser Film von vornherein nicht, da fast ausschließlich alle Charaktere ihre Probleme präsentieren, wodurch häufig, dem Zuschauer nach, falsche Entscheidungen getroffen werden. Doch selbst wenn eine Entscheidung richtig oder falsch ist, eine Person schlau oder gutgläubig ist, die Charakterzeichnung lenkt immer wieder zur gleichen Antwort: Die Handlungsmuster der Charaktere und ihre Beweggründe sind verständlich und zum Teil unumgänglich.

Wenn mangelnde Aufmerksamkeit und ein vermindertes Selbstwertgefühl auf einen sympathischen und verständnisvollen Psychopathen trifft, welcher Empathie heucheln kann, entsteht in diesem Film das Stockholm-Syndrom und das Opfer übernimmt eine Doppelrolle. Das Opfer wird zum Täter und zugleich wieder zum Opfer, ein nie endender Kreislauf, der nur schwer gebrochen werden kann. Genau diese Problematik wird von Kurosawa sehr eindringlich gezeigt. Auch hier ist das Licht ein dominantes Werkzeug, welches den Film erst zu einem bedrückenden Psycho-Thriller macht. Die Räume wirken düster, eng und beängstigend, sodass die Schauspieler ihr Umfeld adaptieren, wodurch sie sich in Rage spielen können.

Mich persönlich hat dieses Werk an zwei andere Filme erinnert: The Chaser und Nackt. Während die Stimmung dem ersten Film ähnelt, sind die Charakterzüge im zweiten wiederzufinden. Creepy ist ein seltsamer Film, einer der Sorte die man Hassen will, weil die Charaktere Emotionen beim Zuschauer erzeugen, die man selbst nicht fühlen will, aber genau darum geht es. Die Abgründe sind tief, sodass in jeder Sekunde mitgefiebert wird.

Der eigentliche Horror ist der alltägliche Trott!

Tokyo Sonata

Tokyo Sonata: Ryuhei (Teruyuki Kagawa) hat seinen Job verloren, sein jüngster Sohn Kenji (Kai Inowaki) will Klavierspielen lernen, doch das Geld ist knapp, sein ältester Sohn Takashi (Yû Koyanagi) will zum amerikanischen Militär und seine Frau Megumi (Kyôko Koizumi) wandelt verloren in dem familiären Chaos umher. Im Grunde ein gewöhnliches Familiendrama könnte man meinen, doch leider und glücklicherweise zugleich ist dem nicht so.

Obwohl ich diesen Film bereits kannte, wollte ich ihn mir noch einmal ansehen, da jeder Film je nach Ort und Zeit anders wirkt, denn damals hatte ich ihn alleine gesehen. Was diesen Film prägt, sind die Abgründe, die auch bei Creepy zu finden sind. Allerdings verpackt Kurosawa diese nicht mit Psycho-Horror-Elementen und einer Kriminal-Story, sondern mit alltäglichen, fast schon banalen Alltagshandlungen. Wir sehen eine Familie, die bis zum finanziellen Dilemma stabil schien, doch ist dem so? Geld ist häufig ein wichtiger Faktor, doch im Verlaufe des Films offenbart sich, dass diese Familie davor schon gebrochen war, sodass der arbeitslose Vater "nur" als Auslöser dient.

Generell ist die Stille ein wichtiger Faktor in Tokyo Sonata. Es gibt keine rasanten Abfolgen oder schnellen Schnitte. Alles ist gut durchdacht und soll eine distanzierte Intimität zeigen. Teruyuki Kagawa schafft es hierbei den Film zu kontrollieren. Er ist der Familienvater, der Versager, der sich schämt. Er sieht, wie die Familie immer noch versucht, ihn zu respektieren, wobei die Mauer des Respekts langsam aber sicher einreißt und fällt. Dazu kommt der Kontrollverlust, wodurch er zusehen muss, wie seine Familie sich auseinander lebt. Kagawa ist ein Diamant und eine Bereicherung für diesen Film.

Tokyo Sonate ist ein Horrortrip, eine mit Echtheit geladene und emotionale Achterbahnfahrt der Gefühle. Der Zuschauer fühlt mit, die Empathie ist groß, weil die Welt in der dieser Film spielt, authentisch ist. Am Ende lässt er durch ebendiese den Zuschauer verstummen und überträgt die Stille mit welcher er gefüllt ist, auf die Person, die sich auf ihn einlässt.

Kiyoshi Kurosawa

Warum also diese drei Filme? Wie bereits erwähnt finde ich, dass diese drei zusammen ein atemberaubendes Gemälde ergeben. Sie sind so unterschiedlich und vielfältig, aber im Endeffekt doch stark homogen. Sie ähneln sich, sie verbinden wertvolle Themen und gehen mit den Emotionen unverfälscht, vor allem aber rücksichtslos um, sodass der Zuschauer am Ende stets sprachlos resignieren muss.

Kiyoshi Kurosawa war die Entdeckung für mich auf der Nippon Connection 2016. Mir ist bewusst, dass viele bereits im Vorfeld seine Werke kannten, doch wenn ich es schaffe, mit diesem Artikel nur eine Handvoll Menschen auf diesen wunderbaren Regisseur aufmerksam zu machen, kann ich glücklich und zufrieden sein.

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