Mein Herz für Serie

Dominik Grafs Krimiserie Im Angesicht des Verbrechens

15.11.2013 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Im Angesicht des Verbrechens
ARD
Im Angesicht des Verbrechens
Von Kritikern hochgelobt, aber von den Fernseh-Zuschauern verschmäht, zeigt Dominik Grafs Kimiserie Im Angesicht des Verbrechens, welche Möglichkeiten im Serienformat steckt. Daher geht mein Herz für Serie an Im Angesicht des Verbrechens.

Im Gegensatz zu den US-Serien locken deutsche Serie kaum einen Zuschauer zur besten Sendezeit vor den heimischen Bildschirm. Während die US-Serien als das große Erzählmedium unserer Zeit ausgerufen werden, floriert in Deutschland aus eigener Produktion gerade mal die Telenovela als Retortenware im Vorabendprogramm, die die ewig gleichen Pseudo-Gefühlskonflikte aufwärmt. Die einzige Serie, die es mit den US-Vorbildern – wollte jemand diesen Vergleich ziehen – hierzulande aufnehmen kann, ist Im Angesicht des Verbrechens von Regisseur Dominik Graf. Die Kritiker riss es 2010 zu wahren Begeisterungsstürmen über das Krimi-Epos hin. Nur am Fernsehzuschauer ging das alles völlig vorbei. Der ohnehin spät angesetzte Sendetermin wurde in die tiefste Nacht verschoben und die letzten Episoden des 10-Teilers in einem Block ausgestrahlt, so als sollte die Sache ihre schnelles Ende nehmen.

Die Mafia, die Polizei und die Prostituierten
Worin geht es in Im Angesicht des Verbrechens? Zwei Welten, die unvereinbar scheinen, prallen aufeinander: die russische Mafia und die Polizei, Deutschland und die Ukraine, Westberlin und Ostberlin. Die Kontraste zerfasern in mehrere Handlungsstränge, die Dominik Graf parellel laufen lässt und am Ende wieder zu einem Ganzen bündelt. Auf der einen Seite stehen zwei russischen Mafiaclans auf der anderen die Polizisten Sven Lottner (Ronald Zehrfeld) und Marek Gorsky (Max Riemelt). Während die einen Villen und Restaurants im noblen westlichen Teil der Stadt besitzen, leben die Polizisten in düsteren Mietwohnungen im Osten der Stadt. Daneben erfahren wir von ukrainischen Mädchen, die nach Berlin gelockt werden, um dort als Zwangsprostituierte in Clubs zu arbeiten, welche wiederum unter dem Schutz der russischen Mafia stehen.

Zusammengehalten wird der Plot durch die Figur des Polizisten Marek. Er steht auf der Schwelle zwischen den verschiedenen Welten. Zu Beginn sehen wir, wie eines der ukrainischen Mädchen (Alina Levhsin, Kriegerin) in einem See ihrer Heimat schwimmt, während ihre Stimme im Off von einer alten Volksweisheit erzählt. Dernach sollen die ukrainische Mädchen unter Wasser ihren zukünftigen Ehemann sehen. Also taucht sie hinab und erkennt das Gesicht Mareks. In Berlin sehen sich die beiden wieder, die Geschichte ihres Zusammenkommens zieht sich wie ein roter Faden durch die Serie. Marek ist zudem familiär mit der Mafia verbandelt, ist doch seine Schwester (Marie Bäumer) die Frau des Clanchefs Mischa (Dominik Grafs Stammschauspieler Misel Maticevic), die als nominelle Inhaberin des Lokals “Odessa” dem illegalen Geschäft ihres Mannes einen seriösen Anschein gibt. Marek wählte den Polizistenberuf, da er als Kind mit ansehen musste, wie sein älterer Bruder von einem Mafiosi erschossen wurde. Der ungesühnte Mord treibt ihn an.

Chaos in die Ordnung zu bringen
Das Drehbuch von Rolf Basedow weist über 140 Sprechrollen auf, sodass Dominik Graf das Erzähltempo stark anzieht und die Story in mehreren Ebenen übereinander schichtet. Ein Erzählverfahren, das gleichzeitig das Geschehen vorantreibt und verdichtet, statt zwischen den Erzähltempi zu wechseln. Verfolgungsjagden und Dialogszenen weisen dieselbe Schnittfrequenz auf und atemlos wird uns das Leben der Polizisten, Mafiosi und Prostituierten geschildert, sodass die Figuren durch eine Unmenge an rasend schnell bebilderten Szenarien plastisch aus dem gewohnten Krimipastiche hervortreten. Die Ästhetik von Im Angesicht des Verbrechens erinnert nicht von ungefähr an die Polizeistreifen der Hollywood- und B-Filme der 1970er Jahre. Splitscreens, Handkamerafahrten und flirrende Zooms reißen den Zuschauer zu jedem Zeitpunkt aus der Kontemplation. Aus bekannten Kriminal- und Mafiafilmszenarien nimmt Dominik Graf sich die schönsten Stereotypen heraus: der Cop, der in mehr in seinem Auto lebt und als Sturkopf und Einzelgänger markige One-Liner von sich gibt; die Generosität des Mafiosis, der zum Geburtstag seiner Frau tausende Blüten aus einem Helikopter auf den heimischen Rasen schütten lässt oder das ständige Zigarettenqualmen auf allen Seiten – Dominik Graf verschwurbelt Klischees zu einer beinahe manieristischen Bildsprache, die dem die Geradlinigkeit des Erzählten gewöhnten Tatort- und Polizeiruf-Abonnenten gehörig in die eingefahrenen Sehgewohnheiten grätscht.

Was Im Angesicht des Verbrechens dann doch zu einem ganz großen Stück Unterhaltungskunst macht, ist der Authentizitätsdrang des Drehbuchs, dem Dominik Graf konsequent seinen am an us-amerikanischen Serien- und Spielfilmformaten geschulten Inszenierungsstil entgegen wuchtet. Alle vorgestellten Nationalitäten sprechen in ihrer eigenen Sprache – Russisch, Ukrainisch, Vietnamesisch – nur das Berlinerische wird nicht untertitelt. Rolf Basedow soll intensiv in allen Milieus recherchiert haben und dennoch nutzt Dominik Graf den schnoddrigen Ton des Noir-Thrillers, das Flair des Mafia-Genres und die Rotzigkeit des Halb- und Unterweltenfilms, um dem genrefesten Zuschauer seine Vorstellung vom Großstadtdschungel Berlin zu offenbaren.

Habt ihr euch Dominik Grafs Kimiserie Im Angesicht des Verbrechens angeschaut? Wenn ja: Wie fandet ihr sie?

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