Dschungelcamp 2018 – Langsam lodern die Flammen

Dschungelcamp 2018: Des einen Leid ist des anderen Freud
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Dschungelcamp 2018: Des einen Leid ist des anderen Freud
moviepilot Team
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Meint es gut mit den Menschen.

Das Grauen kommt auf leisen Sohlen, so viel haben wir in 12 Staffeln Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! gelernt. Seit jeher geht es im Dschungelcamp erst einmal um Konsolidierungen: Bevor der Wahnsinn seinen freudigen Lauf nimmt, müssen die Verhältnisse oder eben Nichtverhältnisse geklärt werden. Das kann auf entspannte Art knöchern und manchmal auch heillos trist sein. Zumal sich die langsam lodernden Flammen nicht immer zum großen Dschungelbrand ausweiten, sondern als kleine Häufchen Asche der im Unterholz erstickten Konflikte zurückbleiben. Natürlich bedauern wir, die in den vergangenen Jahren mindestens zwei Mal erleben durften, was in diesem Format möglich ist, wenn Mathieu Carrière eine Kulturrevolution ausruft oder Winfried Glatzeder zum unfreiwilligen Protagonisten des Krokodieselfuß-Gates avanciert, entsprechend verpasste Chancen. Wir fühlen uns nicht um zänkische Höhepunkte betrogen oder vom angeblichen Voyeurismus der Show im Stich gelassen, das wäre auch albern. Es geht um Erkenntnis! Denn idealerweise macht uns das Dschungelcamp zu klügeren Menschen. Und klug werden wir nicht, wenn die in Stellung gebrachten Positionen einfach wieder versanden.

Andererseits folgte der immer schon gemächlichen ersten Woche oft genug eine umso beweglichere und eben jene Verhältnisse auf den Kopf stellende zweite. Es ist ja nicht so, dass die Kandidaten der aktuellen Staffel keine dafür nötigen Voraussetzungen mitbrächten. An akkurater Selbsteinschätzung fehlt es ihnen nicht (Tatjana Gsell: "Ich habe viel polarisiert, also bin ich noch da"), und die Zielsetzung wurde unmissverständlich aufgezeigt (ebenfalls treffend von Gsell, die so sehr möchte, dass man sie "endlich mal lieb hat"). Erstaunlich ist lediglich, wie sich der Wunsch nach endlich mal Liebe und vielleicht sogar Anerkennung in diesem Jahr Ausdruck verschafft. Nicht getarnt als falscher Ehrgeiz mit ausgestelltem Tatendrang, nicht als dessen Gegenteil, der larissahaften Sabotage, und auch nicht als siegessichere Selbstinszenierung von Anteilnahme. Stattdessen badet das Dschungelcamp 2018 in einem Tal der Tränen, offenherzig ausgeschüttet von Medienprodukten, die ihr Medienproduktsein über haben. Darin liegt sicherlich die andere große Qualität der Show, abseits lustvoller (Selbst-)Demontage: das Dschungelcamp als Bühne unerschöpflich kommunizierter Rehabilitationssehnsüchte.

So präsentiert sich Jenny Frankhauser, eine der Überraschungen dieser Staffel, von ständigen Selbstzweifeln geplagt. Nicht "die Schwester von" will sie sein, sondern als eigenständige Person wahrgenommen werden. Hinter den Fallstricken familiärer Prominenz aber wird im Gegenzug gerade kein für sich stehender Mensch sichtbar – die Teilnahme von Jenny Frankhauser ist ein TV-Roman über das Erwachsenwerden, der die ersehnten Eigenschaften mühsam herausschält: So leicht es fällt, nicht mit Daniela Katzenberger assoziiert werden zu wollen, so schwer gestaltet sich die Suche nach einem anderen Ich. Bei Tatjana Gsell geht es hingegen um Programmatik, nicht weniger tragisch, aber eigentlich schon zu spät. Ihr Bedürfnis, mit Dschungelcamp und zeitgleich erscheinender Autobiographie Korrekturen am eigenen Image vorzunehmen, mag aufrichtig sein, die passgenau getriggerten Erinnerungen der Millionärsgattin an den Mord ihres Ehemanns und das grausliche Comeback mit Prinz Foffi sind es eher nicht. Vielleicht markiert die grüne Promihölle von RTL einen Punkt, an dem der Zug für all die Tatjana Gsells und Djamila Rowes dieser Welt schon abgefahren ist. Im Tal der Tränen wartet auf sie das Nichts.

Befeuert wird das Heule-Camp auch durch Sydney Youngblood und Kattia Vides, wobei sich nicht genau sagen lässt, ob tatsächlich Heimweh oder fortwährende Grundtraurigkeit ausschlaggebend ist. Anders als viele Zuschauer, möglicherweise auch die Macher der Show und ganz bestimmt ihre abstimmenden Anrufer glauben, bilden die größte Herausforderung im Dschungelcamp nicht strapaziöse Prüfungen oder publikumswirksame Streitereien. Am schwierigsten ist es für die Kandidaten, sich selbst auszuhalten. Giuliana Farfalla konnte das augenscheinlich nicht, sie rief den berüchtigten Satz noch vor der Halbzeit. Als eine der wenigen Kandidatinnen mit Profil wäre das "Transgender-Model" sehr wahrscheinlich ins Finale eingezogen. Ihr freiwilliger Ausstieg beendete die bisher einzige Geschichte der diesjährigen Staffel, auf der sich nicht nur emotional aufbauen ließ. Dass Transsexualität ein noch in weiten Teilen der Gesellschaft denkbar unsensibel verhandeltes Thema ist, machten die dämlichen Fragen der Mitcamper allzu deutlich. Schade, dass nicht David Friedrich, der Superlangweiler mit dem albernen 90er-Jahre-Nasenpiercing, das Handtuch warf. Wie sagte Giuliana Farfalla im Dschungeltelefon so treffend? "Ich kann mit dir auch nichts anfangen, geh doch bitte wieder".

Die wenigen tränenlosen Momente im Dschungelcamp 2018 teilt der Rest unter sich auf. Ansgar Brinkmann, so steht es zu befürchten, wird die Staffel als kantenloser Konsenskandidat relativ spät verlassen. Kombiniert mit lieb verpackter Markigkeit war Konfrontationspanik schon im letzten Jahr das Gewinnerrezept, traditionell belohnt das Publikum gern Dschungelcamper, die nichts Wesentliches zum Ge- oder Misslingen einer Staffel beigetragen haben. Natascha Ochsenknecht wiederum spielt fast so unerwartet gegen ihren Favoritenstatus an wie Brigitte Nielsen während ihres zweiten Dschungelaufenthalts. Und Daniele Negroni ist schlicht anwesend, abzüglich des gelegentlichen Charmes, den die unscheinbare Sandra Steffl immerhin mitbrachte (sie wurde als erste rausgewählt). Wenn Natascha Ochsenknecht im diesjährigen Camp eine "Stimmung auf dem Nullpunkt" diagnostiziert, hat das vor allem mit Selbstbeherrschung zu tun: Angst vor Kontrollverlust, weil RTL die Zigarettenrationen streicht, anstandsgemäß durchgeführte Essensprüfungen, obwohl Stress "mit meinem Verlag" droht, und ständiger Seelenstriptease, der doch ohne Konsequenzen bleibt. "Man lebt", antwortete Sydney Youngblood auf die Frage, wie es ihm geht. Das trifft es gut. Zu gut.

Bleiben zwei Kandidaten, die ich aus unterschiedlichen Gründen nicht missen will. Matthias Mangiapane füllt die von Dschungelcampern wie Desirée Nick oder Georgina Fleur nachhaltig geprägte Rolle des kontinuierlich Prüfungsgeplagten so unelegant aus wie keine seiner Vorgängerinnen. Verstanden die es noch gewinnbringend, das Voting der Zuschauer, die sie offensichtlich leiden oder wenigstens herausgefordert sehen wollten, irgendwie nutzbar zu machen, es positiv zu drehen oder mit etwas Restwürde zu absolvieren, genügt Matthias sich ganz allein. Er ist die verkappteste Showdiva des Formats seit mindestens Peter Bond, obendrein herrisch wie Giulia Siegel und cholerischer als Markus Majowski. Tiefer waren die Gräben zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung im Dschungelcamp selten, bei Matthias verschlingen sie gnadenlos jeden Anflug von Sympathie, Mitleid und sogar Schadenfreude. Den wieder einmal Sagenhaftes vollbringenden Cuttern der Show liefert er damit natürlich viel dankbares Material. Unter seine wahlweise dramatischen Prüfungsschilderungen oder koketten Dschungelexegesen schneiden sie klammheimlich Tina York, die sich beherzt den öligen Pony kämmt. Das ist dann wieder einmal großes Fernsehen, auch im Kleinen.

Dschungelarchiv:

2018: Der Mythos vom Fake // Dschungelcamp 2018 - Das versprechen die Kandidaten
2017:
Dschungelcamp 2017 - Was die Kandidaten versprechen // Hanka und Kader, sonst nichts // Das Publikum hat keine Ahnung
2016:
Das erwartet uns in Staffel 10 // Don't fuck with Helena Fürst! // Alles, nur nicht Thorsten Legat
2015:
Was uns in Staffel 9 erwartet // (K)ein Herz für Walter Freiwald // Das leidige Ende vom Lied // IBES-Spezial Sommer-Dschungelcamp
2014:
Der Kandidatencheck // Larissa, die Dschungelkönigin // Das war das Dschungelcamp 2014
2013:
Das Dschungelcamp – Eine kulturelle Sensation // Dschungelcamp 2013 - Das Resümee

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