Fahrenheit 451 ist ein echter Netflix-Film - von HBO

Fahrenheit 451
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Fahrenheit 451
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the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Alexa, Emojis und Michael B. Jordan werden in der Neuverfilmung von Fahrenheit 451 zu Werkzeugen eines dystopischen US-Staates, der statt Hungerspielen öffentliche Datenverbrennungen zur Unterhaltung betreibt. Auch Bücher brennen in der Ray Bradbury-Verfilmung, der neue Guy Montag ist aber meist damit beschäftigt, Computergehäuse zu schmelzen und Festplatten zu zerstören, auf denen Romane, Malerei oder Musik geschmuggelt werden. Beim Festival Cannes feierte Fahrenheit 451 außer Konkurrenz Premiere, einer der wenigen Hollywood-Filme im offiziellen Programm. Vielleicht wurde er deswegen eingeladen. Oder weil die angerissenen Themen rund um die Bewahrung analoger Datenträger, die Bedeutung einer pluralistischen Meinungsbildung oder der Kampf gegen die Manipulation von Fakten zeitgemäß sein könnten - würde das Drehbuch sich ihrer widmen. Stattdessen legt ausgerechnet Konkurrent HBO einen idealen Film für den Schlund des Netflix-Katalogs vor. Auf dem Papier prestigeträchtig in jedem Department, im Endprodukt Frame für Frame austauschbar. Berufsprovokateur Gaspar Noé stellte indes in der Directors' Fortnight - mit gewohntem Schnauzer und Holzfällerhemd - seine höllische Tanzeskapade Climax vor.

Fahrenheit 451 wird für das Social-Media-Zeitalter runderneuert

Im Gegensatz zur Verfilmung von Francois Truffaut betont Ramin Bahranis Version von Ray Bradburys Fahrenheit 451 die Science-Fiction-Elemente der Vorlage und runderneuert sie für das Social Media-Zeitalter. An dieser Stelle ein Plädoyer an alle angehenden Dystopen da draußen: Schön und gut, dass eure Zukunftsvision schlechte Laune verbreitet. Aber wie wäre es mal, sie in einem Dorf spielen zu lassen? Oder in einer Kleinstadt? Oder auf einen Kreuzfahrtschiff? In einem Möbelmarkt? Auf einem Highway? Unter der Erde? In der Wüste? So viele Möglichkeiten… Es muss trotzdem die Großstadt sein? Dann kreiert doch eine, die in die Breite wächst, nicht in die Höhe. Jedenfalls wirken die dunklen Häuserschluchten mit LED-Werbung und Hologrammen nur noch wie ein einfallsloses Klischee, das bedient werden muss, weil es das Genre, Ridley Scott und Fritz Lang so wollen. Da wünsche ich mir sogar die CG-Betonwüste des Kapitols aus Tribute von Panem zurück.

In Fahrenheit 451 übertragen die Wolkenkratzer die Buchverbrennungen der Feuerwehrmänner. Jedes Mal wenn Guy Montag (Michael B. Jordan) seinen Flammenwerfer anwirft, regnen Emojis über die Fassade. Seine propagandistische Social Media-Berühmtheit bleibt allerdings ebenso Randnotiz des World Buildings in Fahrenheit 451 wie die durchaus spannende Bedeutung von Emojis als eingeschweißte Bedeutungsträger, die die Nuanciertheit und Widersprüchlichkeit von Wörtern ersetzen [trauriger Smiley].

Fahrenheit 451 ist eine einzige Enttäuschung. Drehbuchautor und Regisseur Ramin Bahrani (99 Homes - Stadt ohne Gewissen) filtert die generischen Elemente aus der Ray Bradbury-Vorlage heraus und wo sie nicht existieren, fügt er sie hinzu. Die einzige Stärke des Films findet er in der Beziehung zwischen Guy Montag, der an seinem Dienst zu zweifeln beginnt, und dessen Vorgesetzten Captain Beatty (Michael Shannon). Der neue Montag ist jünger als sowohl Bradburys und Truffauts Version, eine Ehefrau hat er nicht, dafür immerhin einen Ersatzvater. Während Jordan grimmig von schockierender Erkenntnis zu schockierender Erkenntnis jagt, geht Shannon im Zwiespalt seiner Figur auf. Bücher sind verboten, doch Beatty redet wie einer, der jedes in einem philosophischen Traktat neu gelernte Wort in eine ideologiekonforme Floskel zwingt, um seine Zweifel im Keim zu ersticken. Shannon lutscht auf jedem Wort herum und es ist (wie immer eigentlich) ein Genuss, ihm dabei zuzuhören. Seine Beziehung zu Montag erinnert an Bahranis 99 Homes. Darin spielt Michael Shannon einen Geschäftsmann, der Leute aus ihren Häusern wirft. Familienvater Andrew Garfield ist ebenfalls davon betroffen, doch beginnt er für Shannons Figur zu arbeiten. Andere müssen ihr Heim zwangsräumen, damit er seines behalten kann.

Mit Climax hat Gaspar Noé beinahe einen richtig guten Film gedreht

Was der jüngere Guy Montag in der Neuverfilmung noch besitzt: ein Love Interest. Die Beziehung zu seiner Ehefrau und deren systemkonformer Suche nach Glück, die Truffauts Version bereichert hatte, wurde ausradiert. Dafür muss Sofia Boutella dem Helden nun aus Dostojewski vorlesen und ihn von Plot Point zu Plot Point schleppen. Lieber sollten sich die Boutellisten unter euch Climax vormerken, in dem sie auch mitspielt. Sie ist der einzige Star in dem Tanzensemble des neuen Gaspar Noé-Films, wobei die Aufmerksamkeit der Kamera paritätisch verteilt ist. Je nachdem, wie ihr zu seinem 3D-Erotikfilm Love steht, ist Climax entweder eine Wiederentdeckung der alten Form oder eine bedauernswerte Rückentwicklung.

Climax kristallisiert vieles von dem, was den Regisseur von Irreversibel zu Kult verhalf, in erster Linie aber seine formale Verwegenheit. Eine grandiose Tanzsequenz eröffnet den Film, in dem das Ensemble von jungen Leuten aus allen Ecken Frankreichs vor französischer Flagge ihren vielen Stilen huldigt. Offenbar ohne Schnitt gedreht (digitale Tricks nicht ausgeschlossen), wird die kompromisslose Ekstase der sich in alle Himmelsrichtungen verrenkenden Körper eingefangen. Es ist überwältigend dabei zuzuschauen, wenn auch klar ist, dass sich die hedonistische Erregung in einen Alptraum kehren wird: Weil wir am Anfang eine Frau sehen, die verzweifelt einen blutigen Schneeengel formt - und weil der gute alte Gaspar Regie führt.

Climax wird diesen jungen Leuten in die Nacht folgen. Seine fließende Kameraführung nährt sich aus der Vitalität der Tänzer, die sich, abgesehen von wenigen Abschnitten, in ständiger Bewegung befinden. In seinen besten Momenten erzählt der Film allein durch den Ausdruckstanz seiner Spieler, etwa wenn sich Boutella krümmend in ihren eigenen Strumpfhosen verfängt (im Kino wurde viel gelacht). Umso schmerzlicher fällt dann die Ideenlosigkeit auf, mit der Noé das Inferno inszeniert. Da kramt er in der oberen Schicht seiner Trickkiste herum und wird schlussendlich von der innovativen Kraft seiner eigenen Helden abgehängt. Beinahe hätte er einen richtig guten Film gedreht. Sein Scheitern ist jedoch um ein vielfaches sehenswerter als Fahrenheit 451, der nicht einmal in die Nähe einer sichtbaren Ambition kommt.

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Ab 22. August im Kino!Good Boys
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