Wir brauchen Nicolas Cage als Schauspieler und Mandy ist der Beweis

Nicolas Cage in Mandy
© XYZ Films
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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Es ist hoffentlich nur das übliche Gerede, das mit ein paar Schecks widerlegt werden kann. Er wolle in drei oder vier Jahren auf die Regie umsatteln, erklärte Nicolas Cage vor einem Monat in einem Interview mit The Blast, und seine Schauspielengagements zurückfahren. Wollen wir uns eine Welt ohne Nicolas Cage überhaupt vorstellen? Können wir es? Der pure Wahnsinn des Nicolas Cage bereichert die Filmwelt und wer daran zweifelt, braucht sich nur seinen neuen Film Mandy anschauen, in dem Cage einen Holzfäller spielt, dessen große Liebe ins Visier eines Kults (Zitat: "Jesus Freaks") gerät. Ein Rachefeldzug sondergleichen schließt sich an, im Verlauf dessen Cage mit Pilotenbrille auf dem Nasenrücken eine verchromte Axt schmiedet, mit blutbesudeltem Gesicht besagtes Riechorgan in ein Hügelchen Koks vergräbt und sich ein Kettensägen-Duell mit einem exzentrischen Zenobiten-Cousin liefert. Mandy, mit anderen Worten, ist das perfekte Midnight Movie, das in den Händen des falschen Regisseurs zu sich selbst befriedigendem Möchtegern-Trash hätte verkommen können. Regie führt allerdings Panos Cosmatos, der sich mit seinem Debüt Beyond the Black Rainbow 2010 einen Namen machte, dessen psychedelische Bilderwelten in Mandy von einer zugänglicheren Story getragen werden. Cosmatos, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, schenkt Cage einige cagige One-Liner, die den Saal bei der Vorführung im Rahmen der Directors' Fortnight in Cannes zu hysterischer Freude verleiteten. Im Kern nimmt er die Tragik der Geschichte allerdings ernst - genau wie sein Star Nicolas Cage.

Nicolas Cage ist der heimliche König von Cannes

Das Festival Cannes gehört dieses Jahr Nicolas Cage, dabei spielt er nicht einmal in einem Film des offiziellen Programms mit. Ein Blick in die Seiten der täglich veröffentlichen Branchenblätter wie Hollywood Reporter und Screen offenbart allerdings die Wahrheit über den Zustand der Filmindustrie: Ohne den geschäftigen Cage wäre der Filmmarkt im Keller des Festivalpalasts nur halb so groß, die Industrie dem Untergang geweiht. Beim Spaziergang durch den Markt, in dem während des Festivals Filme in aller Herren Länder verkauft werden, stößt man zwischen Asylum-Postern und Fack ju Göhte-Bannern alle 30 Sekunden auf das Sales-Poster eines Nicolas Cage-Films, jedes Mal ein anderes wohlgemerkt. Nun gut, das ist ein wenig übertrieben, es sind eher 35 Sekunden. Entsteigt man dem Markt und blinzelt in der prallen Sonne der Croisette, dann fällt der Blick unweigerlich auf das riesige Banner an einem Haus gegenüber des Festival-Komplexes. Vor zwei Jahren hing da die fluffige Umarmung aus Toni Erdmann als Vorbote des Hypes. Dieses Jahr blicken die Augen des Nicolas Cage herab auf der anderen Straßenseite. Between Worlds heißt der Film und laut IMDb spielt Nicolas Cage einen LKW-Fahrer. Einen LKW-Fahrer!

In seiner ersten Szene in Mandy sägt Nicolas Cages Figur Red an einem Baum herum und läuft dann in Zeitlupe Richtung Kamera, während der riesige Stamm hinter ihm darnieder fällt. Sein Weg führt ihn in ein idyllisches Heim in den Wäldern des pazifischen Nordwestens des Jahres 1983. Die martialischen Synthies des verstorbenen Komponisten Jóhann Jóhannsson und ein paar Hellraiser-eske Schurken bleiben die auffälligsten Referenzen an die 80er. Die Welt von Mandy entspringt der Fantastik und dem Typ T-Shirt, auf dem ein Wolf bar jeder Ironie den Mond anheult. Abgeschottet und idyllisch lebt Red mit seiner geliebten Illustratorin Mandy, eine Rolle, die der kulleräugigen Andrea Riseborough Gelegenheit bietet, Mötley Crüe-Shirts zu tragen, was ich generell gutheiße. Auf der Durchreise fällt Mandy jedoch Jeremiah (Linus Roache) auf, ein Überbleibsel der Hippie-Jahre, das gerne Charles Manson oder Jim Jones wäre, und mit seiner eigenen Family von Gläubigen mordend durchs Hinterland zieht. Der Führer des Kults ruft besagte LSD-Zenobiten auf Motorrädern mit dem "Horn von Abraxas" herbei und so beginnt das Grauen für Mandy und Red, das in die bluttriefende Rache des Holzfällers münden wird.

Mandy wird von einem höllischen Schmerz getragen und Nicolas Cage ist sein Gefäß

Vor der Vorführung von Mandy erklärte Panos Cosmatos, er hätte die Idee für den Film nach dem Tod seiner Eltern geschmiedet. Trotz der Splatter-Elemente in der zweiten Hälfte, trotz der One-Liner, absurden Waffen und gelegentlichen Gags dominiert in Mandy der höllische Schmerz, der Red nach dem Trauma antreibt. Die Synthie-Brandung auf dem Soundtrack hat so gar nichts mit nostalgischer Rekreation und viel mit der dunklen Romantik seines Helden zu tun, über den wir nicht mehr wissen müssen, als dass Mandy sein Lebensinhalt war. So gehört die gemächliche erste Hälfte des Films Andrea Riseborough und die wahnsinnige zweite Hälfte Nicolas Cage, ein formidables Doppel der Gegensätze. Cage findet in Cosmatos derweil einen Regisseur, der seinen Ausbrüchen gewachsen ist. Beide nehmen sich in Sachen Exaltiertheit gar nichts.

Tatsächlich wirkt Reds Rache bisweilen wie der verlorene dritte Teil von Nicolas Cages Ghost Rider-Filmen. Formal kommt Cosmatos nicht an die adrenalinschwangere Meisterschaft von Neveldine/Taylor heran, die mit dem zweiten Ghost Rider-Film einen der unterhaltsamsten Superheldenfilme des insgesamt drögen Booms abgeliefert haben. Dafür bietet Cosmatos trotz des Schichtsalats der visuellen Effekte, den er auf seine Bilder häuft, Nicolas Cage genügend Raum für die schauspielerische Entfaltung. Lange Einstellungen geben Cage Gelegenheit, sich improvisatorisch auszutoben. Und keine Angst: Die manischen weißen Augen des Castor Troy finden in Mandy ein Äquivalent.

Die größte Szene des Films spielt sich in einem mit orangener Kornblumen-Tapete zugekleisterten Badezimmer ab. Der bärtige Cage steht da mit blutigem Gesicht, in einem Shirt mit brüllendem Tiger auf der Brust und im weißem Slip. Grunzend schüttet er sich Vodka über die Wunden und entringt seiner schmerzenden Brust einen Urschrei sondergleichen. Das Lachen ob des absurden Arrangements erstirbt im Halse, als er sich breitbeinig auf die Toilette setzt und aus dem wütenden Schrei ein wimmernder wird. Ohne Schnitt nähert sich die Kamera langsam Cage an, der hier freispielen darf und die Gelegenheit nutzt. Mandy, das sei am Rande erwähnt, ist insbesondere in der zweiten Hälfte ein riesen Spaß, sofern man sich auf Cosmatos' Metal-Mystik und Cages inbrünstiges Spiel einlässt. Nichtsdestotrotz hätte ich gern eine Version von Mandy gesehen, in der keine lustigen Sprüche vorkommen, in der Nicolas Cage einfach sein Ding durchzieht. Es wäre der wütendste Film des Jahres geworden.

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