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Film ist tot, lang lebe das Kino - Das Sequel

Ed Wood von Tim Burton
© Buena Vista
Ed Wood von Tim Burton

2012 dürfte als Jahr des Siegeszuges digitaler Projektion in die Filmgeschichte eingehen. Über die Problematik der erzwungenen Umstellung in den Kinos habe ich letzte Woche geschrieben. Vom Aussterben kleiner Arthouse-Kinos bis hin zur Bewahrung des Filmerbes reichen die teils unabsehbaren Folgen des Formatwechsels. Ausgangspunkt für die aktuelle Diskussion ist ein Interview, in dem Christopher Nolan (Inception) seine Kollegen dazu anhält, 35mm nicht aussterben zu lassen. Deswegen sollen heute die Filmemacher selbst von Interesse sein. Was spricht für digitale Aufnahmen, was für Film oder ist diese Frage in ein paar Jahren gänzlich überflüssig?

Öl oder Aquarell?
Mit digitalen Kameras wird schon seit Ende der Neunziger Jahre gedreht. Spätestens seit dem Erfolg von hochauflösenden Videoformaten hat der Filmstreifen jedoch am Set eine reale Konkurrenz gewonnen. Von den großen Regisseuren bis hin zu den engagierten No-Budget-Filmern haben sich digitale Kameras, ob Canon EOS 7D oder Red One, durchgesetzt. Mittlerweile hat Kodak Konkurs angemeldet. Wichtige Hersteller haben die Produktion von neuen 35mm-Kameramodellen eingestellt und die Zahl der Kopierwerke dürfte nicht nur in den USA in den nächsten Jahren dramatisch sinken. Die Entscheidung, ob ein Film digital oder analog gedreht wird, könnte dann keine kommerzielle oder künstlerische mehr sein. Die Entscheidung könnte schlicht überflüssig werden, wenn Infrastruktur und technische Gegebenheiten das Drehen mit 35 Millimeter oder Film im Allgemeinen nicht mehr zulassen.

Es ist deshalb kein Zufall, dass sich IMAX-Fan-Christopher Nolan ausgerechnet jetzt zu Wort meldet. Im Winter letzten Jahres, so wird es in der L.A. Weekly anschaulich geschildert, versammelte er namhafte Filmemacher wie Edgar Wright, Michael Bay, Bryan Singer, Eli Roth und Duncan Jones zu einem Screening. Ein paar Minuten aus seinem neuen, auf 65mm gedrehten Film The Dark Knight Rises wollte er zeigen und zugleich einen leidenschaftlichen Appell an die Regisseure richten:

“Ich habe meinen Mund lange genug gehalten und es ist okay, dass jeder eine Wahl hat, aber für mich ist diese Wahl im Verschwinden begriffen. […] Ich wollte ihnen [den Gästen, Anm. d. Red.) eine Chance geben, das Potential zu sehen, denn ich denke, dass IMAX das beste Filmformat ist, das je erfunden wurde. […] Die Nachricht, die ich rüberbringen wollte, war, dass hier niemand digitale Kameras verbieten will. Aber wenn wir Film weiterhin als Option erhalten wollen und jemand an einem großen Studio-Film arbeitet, der die Ressourcen und die Macht hat, auf Film zu bestehen, dann sollte er es tun. […] Wenn ich ein digital gedrehtes und projizierten Bild betrachte, dann sieht es neben einem originalen, anamorphen Negativ oder einem IMAX-Bild schlechter aus.”

Es geht also nicht darum, dass eine Gruppe von Nostalgikern ihre schöne, alte, analoge Welt erhalten will. Vielmehr soll der Filmstreifen als künstlerische Alternative erhalten werden. So wie der Maler zwischen verschiedenen Materialien entscheiden kann, sollten auch dem Filmemacher diverse Optionen zur Verfügung stehen. Das ist zumindest das Ideal.

Digitale Flexibilität
Die Vorteile von digitalen Kameras liegen auf der Hand. Für Tausende von Independent- und Hobby-Filmemachern eröffneten Digitalkameras eine günstige Möglichkeit, um Filme zu produzieren. 35mm-Film dagegen ist kostenintensiv sowohl beim Dreh als auch bei der Distribution. Flexibilität ist ein weiterer Pluspunkt. Der schnelle Aufbau der digitalen Kameras ermöglichte Danny Boyle in 28 Days Later die Aufnahmen des menschenleeren London und beim Dreh in Mumbai für Slumdog Millionär kam ihm das leichtere Equipment ebenfalls zu Hilfe. Letzterer gewann sogar als erster digital gedrehter Film einen Oscar für die Beste Kamera (Anthony Dod Mantle).

Andererseits kann der kostenintensive Filmstreifen auch eine pädagogische Wirkung ausüben. Im Umgang mit den teuren 10 Minuten umfassenden Rollen lernten Regisseure und Drehbuchautoren früher die effiziente Entwicklung und Umsetzung eines Films. Jeder Streifen Film war kostbar, Disziplin im Umgang damit ratsam. Entsprechend sorgfältig musste die Planung von Szenen vonstatten gehen. Mit digitalen Festplatten lässt sich dagegen Material bis zum Exzess anhäufen. Manche Regisseure bevorzugen den Filmstreifen aus anderen Gründen. So kehrte Christian Petzold für seinen neuen Film Barbara zu analogen Kameras zurück. Seine Begründung: “Weil ich wollte, dass die DDR Farben hat. Ich war jedes Jahr in der DDR, ich habe Erinnerungen an ein farbiges Land. […] Und nachdem ich beim letzten Film mit digitalem Material gearbeitet hatte, habe ich mich jetzt wieder für Kodak und 35 Millimeter entschieden. Die Farbpalette ist so menschlich.”

Zu den Regisseuren, die sich (bis jetzt) dem digitalen Trend verwehren, gehören junge wie Alteingesessene. Neben Christopher Nolan geben Quentin Tarantino, J.J. Abrams, Terrence Malick, Steven Spielberg, Clint Eastwood, Paul Thomas Anderson und Michael Bay dem traditinellen Filmstreifen den Vorzug. Dagegen gelten David Fincher, Robert Rodriguez, Michael Mann und Steven Soderbergh als Verfechter des digitalen Films. Die eine gegen die andere Technik auszuspielen, bringt deswegen wenig. Wir befinden uns nicht mehr am Anfang der 2000er, wir müssen nicht mehr für den ästhetischen Sieger im Gefecht des Fortschritts auf die Barrikaden gehen. Der digitale Film hat gewonnen und wenn ich sehe, wie viele meiner jüngsten Lieblingsfilme so gedreht wurden, kann ich das nur schwer bedauern. Andererseits möchte ich eine Zeit nicht missen, in deren Jahresbestenlisten es sich Contagion (digital) und Dame König As Spion (35mm) gemütlich machen, in der die Regisseure immer noch selbst entscheiden können, welches Format für ihren Film am besten geeignet ist.

moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."
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