Finanzkrisen-Film

Gier - So öde kann Verbrechen sein

Glanz und Gloria in dieter Wedels Gier
© ARD Degeto
Glanz und Gloria in dieter Wedels Gier

Gestern Abend präsentierte uns Dieter Wedel den ersten Teil seines Spekulations-Zweiteilers Gier. Darin erzählt er die wahre Geschichte des Investitionsbetrügers Jürgen Harksen anhand des windig-charmanten Dieter Glanz (Ulrich Tukur). Das Problem für die Opfer: Sie glaubten bis zuletzt an eine Auszahlung. Das Problem für den Zuschauer: Er wusste schon nach 15 Minuten, dass kein Geld mehr zu erwarten ist und hoffte bis zuletzt, dass doch noch etwas Interessantes geschieht – vergebens.

Foto-Show: die Bilder zu Dieter Weldels Gier

Spannend waren lediglich die ersten 15 Minuten. Der Charmeur und joviale Schulterklopfer Dieter Glanz, hervorragend und lustvoll gespielt von Ulrich Tukur, der Finanzspekulation zum Event und zur großen Party stilisiert; dessen Sorglosigkeit und Selbstsicherheit der Großindustrielle ebenso erliegt wie der Kleinanleger, der vom großen Reichtum träumt, das waren die großen Momente von Gier.

Als dann aber der erste Kater nach der großen Party einbrach, war der Zuschauer vom Charme des Betrügers geheilt und wusste, dass das angelegte Geld futsch ist. Was folgte, war allerdings die schier endlose Wiederholung des Schemas: „Ups, bei der Auszahlung ist etwas dazwischen gekommen“ -„Ich will endlich mein Geld!“ – „Ja, bis nächste Woche hab ich das Problem gelöst.“ – „Ok.“

Wer beim Titel Gier vermutete, dass den tieferen psychologischen Beweggründen von Tätern und Opfern auf die Spur gegangen wird, wurde enttäuscht. Wir sahen nur, wie Dieter Glanz das Geld hinterhergeworfen wurde und wie dieser es bereitwillig nahm. Die einzige Erklärung für das völlig irrationale Verhalten seiner Opfer, fasste Glanz mit den Worten „Ich bin nur ein Opfer des unglaublichen Vertrauens in mich“ zusammen.

Warum die Opfer des Betrügers allerdings partout nicht einsehen wollten, was dem Zuschauer sofort klar war, wie ihr Selbstbetrug funktionierte, wo Dieter Glanz seine Unverschämtheit hernahm – das alles war in der oberflächlichen Welt von Dieter Wedel nicht von Interesse. Stattdessen begnügte er sich, uns den endlosen Totentanz der Glanz-Jünger unkommentiert und uninteressiert, aber vor möglichst eindrucksvollen Kulissen vorzuführen. Zugegeben, die in typischer Dieter Wedel -Manier vorgeführte Luxussekte rund um Dieter Glanz (Ulrich Tukur) wirkte durchaus sehenswert, war sie doch als Blankeneser Karikaturenkatalog angelegt, in dem vom neureichen Bau-Unternehmer mit groben Sitten (Uwe Ochsenknecht) über den nichtsnutzigen Millionenerben bis zum dickbäuchigen Großunternehmer alle Abarten der Oberschicht durch den Kakao gezogen wurden. Doch auch diese unterhaltsame Karnevalstruppe vermochte den Zuschauer nicht über die fehlende Handlungsentwicklung hinwegtäuschen.

Am Ende des ersten Teils kam sich der Zuschauer selbst etwas betrogen vor. Er hatte immerhin 90 Minuten seiner Zeit investiert, wurde stundenlang hingehalten und stand beim Abspann immer noch mit leeren Händen da. Da wirkt die Aufforderung durch Dieter Wedel, noch einmal die gleiche Summe an Zeit für den zweiten Teil von Gier zu investieren, reichlich fragwürdig. Irgendwie ahnen wir schon, dass sich auch der zweite Teil für uns nicht auszahlen wird.

Und was meint ihr: War Gier gute deutsche Unterhaltung oder eher verpfuschte TV-Kost?

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Aus den Nouvelle-Vague-Kinos Frankreichs über die Gipfel der amerikanischen Blockbuster bis zu den Sternen der DEFA-Science-Fiction.
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