TV-Kritik Die Grenze - Teil 1

Grenzenlose Langeweile

An der Grenze zum Klischee
© Sat.1
An der Grenze zum Klischee

Auweiha. Normalerweise ist Roland Suso Richter ja ein verlässlicher Regisseur für die typischen TV-Event-Filme. Wenn er gut ist, wie in Mogadischu oder Der Tunnel, dann liefert er Sternstunden des TV-Spielfilms ab. Selbst seine schwächeren Sachen wie Das Wunder von Berlin waren immer noch solide Unterhaltung.

Was ihn geritten hat, diese verquaste Zukunftsvision zu inszenieren, deren innere Logik mehr quietscht als eine Tonne Goldhamster in der Zentrifuge, wissen vermutlich nur er und sein Anlageberater.

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Die Dramaturgie dieses Zweiteilers als holperig zu bezeichnen, schmeichelt noch den schlaglochgeplagten Straßen in den neuen Bundesländern, die diese hanebüchene Geschichte als intelligenzbefreite Zone darstellte. Fanatische Altkommunisten und militante Rechte, angeführt von Thomas Kretschmann, als Mischung aus Jörg Haider, Doctor Evil und Florian Silbereisen, erklärten Rocking Rostock zum Kriegsgebiet und riefen die neue Republik Neu-Doofland aus. Oder so ähnlich.

Katja Riemann gab den Angela Merkel-Verschnitt und wollte tapfer die Situation retten und der zwilichtige Verfassungsschutz versuchte bis zum Ende des ersten Teil vergeblich Benno Fürmann als V-Mann Haas bei Kretsche einzuschleusen.

Dazwischen wurde noch viel unlogische Nebenhandlung von Schuld und Sühne, G-8-Demos, toten und unehelichen Kindern erzählt, jeder hat sofort eine Waffe zur Hand mit der wüst rumgeballert wurde und die gefakten Newseinspieler zeigten tapfere N24-Moderatoren, die versuchten nicht zu grinsen, während sie die ach-so-dramatischen Ereignisse zusammenfassten.

Das Ensemble besteht durchgängig aus eindimensionalen Pappkameraden: Die enttäuschte alleinerziehende Mutter, die immer an den Falschen gerät. Der knarzige Altkommunist mit Herz, der auch mal hinlangen kann. Das schleimige Weichei, der zu allem fähige Sicherheitschef, der gute, aber von seiner Vergangenheit geplagte Held. Die Kinder, deren einzige Aufgabe es ist, niedliches Opfer zu sein.

Das alles machte natürlich so überhaupt keinen Sinn und war halb so glaubwürdig wie eine typische Telenovela, wurde von den Darstellern aber mit hehrer Inbrunst und viel emotionalem Aufwand durchdekliniert. Nun ja, zumindest bis auf Kretsche, der seinen Bösewicht Maximilian Schnell mit all der Subtilität spielt, die normalerweise den Schurken in James Bond Filmen vorbehalten ist – was ihn zumindest leidlich unterhaltsam macht.

Das natürlich Schnell selbst hinter dem Polizeiangriff auf das “Rocking Rostock”-Konzert steht, dürfte jedem Zuschauer klar sein, der mehr als einen Krimi gesehen hat. Die Aktion wird hier aber dennoch als smarter Coup verkauft, der die weiteren Zuspitzungen rechtfertigen soll. Über Nacht verwandelte sich Rostock in ein Bürgerkriegsgebiet, in dem Mord und Totschlag zum Guten Ton gehören. Wenn das die Realität ist, sollten wir vielleicht wirklich nur noch mit Schnellfeuergewehr aus dem Haus gehen.

Die besten Dystopien schaffen es geschickt reale Zustände überspitzt und pointiert weiterzudrehen, so dass der Zuschauer ohne größere Anstrengungen das Gefühl bekommt: Ja, genau so könnte das passieren. Reale Ereignisse müssen konsequent weitergedacht werden, um die Zuschauer glaubhaft in die überspitzte Welt des Films zu ziehen.

Die Grenze erwartet jedoch nicht nur die Abschaltung des Unglaubens, sondern im Grunde schon eine Frontallobotomie, wenn man diese zusammengestoppelte Geschichte, die nur aus Versatzstücken besserer Filme von Bob Roberts, Der Schattenman oder Der Papagei besteht, halbwegs akzeptieren will.

Ich bin gespannt, ob es Richter gelingt, diese hanebüchene Farce im zweiten Teil wenigstens zu einem halbwegs schlüssigen Ende zu bringen.

Und kann jemand bitte Benno Führmann sagen, das ein Drei-Tage-Bart kein Ersatz für unterschiedliche Gesichtsausdrücke ist?

Eure Meinung ist gefragt: Bot der erste Teil von Die Grenze spannenden Politthriller oder unglaubwürdige Langeweile?

Teil 2 läuft heute abend um 20:15 auf Sat.1

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