Gruseliger als Grindelwald: Johnny Depp beeindruckt in Waiting for the Barbarians

Johnny Depp und Mark Rylance in Waiting for the Barbarians
© Ithaca Pictures
Johnny Depp und Mark Rylance in Waiting for the Barbarians
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

So viel vorweg: Waiting for the Barbarians ist eine große Enttäuschung, aber an den Schauspielern liegt das nicht. Die Adaption eines Romans von Nobelpreisträger J. M. Coetzee fährt Robert Pattinson und Johnny Depp als sadistische Bösewichte in einem Grenzposten auf. Mark Rylance als etwas belämmerter Beamter ist auch nicht zu verachten.

Nur war mehr zu erwarten gewesen von Regisseur Ciro Guerra, der zuvor die faszinierende Urwaldreise Der Schamane und die Schlange und den epischen Drogenthriller Birds of Passage mit verantwortete.

Ins Herz der Finsternis mit Johnny Depp und Robert Pattinson

Es war schon kein gutes Zeichen, dass Waiting for the Barbarians auf den vorletzten Tag der Filmfestivals von Venedig gesetzt wurde, in einer Phase des Festivals, wo viele internationale Journalisten nach Toronto oder heim gezogen sind. Der harte (italienische) Kern bleibt zurück auf dem Lido. Hier wurde auf den letzten Schritten des Festivals, das am Samstag endet, die Sonne von einem unablässigen Wind vertrieben. Über die Strandkörbe legt sich der Sand morgens wie ein leichter Nebel.

So ging es heute mit Sand in den Haaren und getrockneter Gischt auf den Wangen in die Pressevorführung von Waiting for the Barbarians. Bis auf eine gegen Ende dramatisch gähnende Dame hinter mir, blieb das Publikum verhalten, nur um dann in lautes Klatschen auszubrechen beim Abspann.

Nicht jeder war offenbar so enttäuscht von Waiting for the Barbarians, in dem Bridge of Spies-Oscarpreisträger Mark Rylance den Beamten eines fiktiven Imperiums gibt. Er hat es gemütlich in der Anlage, die nicht viel mehr ist als ein aus Lehm und Stein geformtes Fort. Über die Grenze wacht dieser letzte Außenposten der "Zivilisation". In der Wüste und den Bergen lauern die "Barbaren" des Titels.

Als der finstere Colonel Joll (Johnny Depp) mit seinen Männern einreitet, wird die Ruhe des Beamten aufs Brutalste gestört. Und das Verständnis von Zivilisation und Barbaren gleich mit in Frage gestellt.

Nach dem Harry Potter-Spin-off: Johnny Depp als alptraumhafter Folterknecht

Mit der Brille beginnt J.M. Coetzees Roman Warten auf die Barbaren, der 1980 erschien. Genau genommen steht am Beginn des schmalen Buches die Verwunderung über diese beiden Glasscheiben, die Colonel Joll auf seinem Nasenrücken trägt. Eine Sonnenbrille haben weder der Beamte noch die Bewohner des Forts vorher gesehen.

Die beiden dunklen Höhlen im Gesicht schüchtern ein, das kann man sich bei Coetzee vorstellen, bevor der Colonel mit der Folter beginnt. In der Adaption unterstreichen sie die Härte und Unnahbarkeit von Johnny Depps Figur.

In den letzten Jahren gab Johnny Depp öfter den Bösewicht. Im Harry Potter-Spin-off Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen kämpfte er mit dem Outfit eines neo-preussischen Hipsters gegen den miserablen Rest des Films an, während er in Mord im Orient Express schauspielerisch quasi ein Fadenkreuz auf seiner Brust manifestierte, das den gesammelten Hass des Zuges anzog.

In Waiting for the Barbarians spielt Johnny Depp den gruseligsten dieser Bösewichte und das mit gefühlt weniger Zeit, weniger Hintergrundgeschichte und weniger Dialogen.

Depps Darbietung folgt einer militärisch antrainierten Genauigkeit. Seine Augen bleiben oft verborgen hinter dem Drahtgestell, aus dessen Mitte sich ein X über seiner Stirn formt. Die sich leicht kräuselnden Mundwinkel bilden Mimik genug. Wörter wie "sliver" und "slips" schlängeln sich gefährlich über seine Lippen, wenn er mit Rylance' Zivilisten über sein Tagesgeschäft spricht: Folter von Gefangenen. "Schmerz ist Wahrheit", lautet eine seiner Weisheiten.

Furchteinflößend erscheint dieser Colonel Joll in dem Posten, mit einem Kostüm wie ein Superbösewicht. Johnny Depp spielt ihn dennoch mit äußerster, unheimlicher Ruhe, ein menschlicher Stein, der sich nur regt, wenn es um die Gewalt geht. Die zieht Joll in den Außenposten, als er nach einem Ritt ins Barbarenland Gefangene zum Verhör bringt.

Waiting for the Barbarians enttäuscht trotz starker Darsteller

Robert Pattinson spielt den anderen Erfüllungsgehilfen des Imperiums, sein zweiter Bösewicht bei diesen Filmfestspielen von Venedig. Im Netflix-Film The King zerstückelte er feierlich Ansätze eines französischen Akzents. Diesmal fällt seine Rolle weniger auffällig aus, aber Depp und Pattinson zeichnen mit ihrer Präsenz ein schreckliches Bild dieses unsichtbaren Imperiums.

Teil des Reiches ist natürlich auch Mark Rylance' Hauptfigur, die sich über die Jahre hineingelebt hat in die Kultur der Barbaren. Einer von Joll gefolterten Frau (Gana Bayarsaikhan aus Ex Machina) wäscht er die gebrochenen Knöchel. Die Geste schwirrt zunächst zwischen Entschuldigung und Fetischisierung ihres geschundenen Körpers - und landet im Fetisch des Kolonialherren.

Die Vielschichtigkeit dieser Beziehung wird im Film von Ciro Guerra nur angekratzt, der Rylance dadurch in eine simplere Heldenfigur verwandelt. Wobei Mark Rylance mit seiner Darbietung nicht um Sympathien bettelt. Herausragend gibt er den Beamten, der sich von den Gräueln des Imperiums distanziert, und seiner eigenen Verantwortung gegenüber blind scheint. Zwischen Sonnenbrillen tragenden Offizieren und geblendeten Nomaden sieht ausgerechnet er am wenigsten.

Der Roman lässt sich in vielerlei Hinsicht deuten, so vage sind die Details der Welt und evokativ die wenigen Begegnungen des Beamten. Das Werk erschien zur Zeit des Apartheidsregimes in Südafrika, dessen systematische Rassentrennung ebenso die Deutung befeuert, wie der langjährige Grenzkrieg gegen Angola und das heutige Namibia.

Gleichzeitig bleibt die Geschichte zeitlos in ihrer Darstellung einer Zivilisation, die ihre vermeintliche kulturelle Überlegenheit durch Invasion und Unterdrückung Lügen straft. Das verwandelt die Filmadaption in eine umso größere Enttäuschung.

Waiting for the Barbarians fehlt die inszenatorische Sogwirkung von Ciro Guerras anderen Filmen. Mit einer konventionellen Literaturverfilmung überrascht Guerra stattdessen in seinem englischsprachigen Debüt. Das allegorische Konzept wird in Waiting for the Barbarians aufgebahrt, statt es mit Leben zu füllen. Das können auch die Darsteller nicht retten.

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