Lars Eidinger ist der Til Schweiger des deutschen Bildungsbürgertums

Lars Eidinger in Perischstunden
© Alamode Film/Filmagentinnen
Lars Eidinger in Perischstunden
25.02.2020 - 15:30 UhrVor 4 Monaten aktualisiert
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Bei einer Pressekonferenz der Berlinale bricht Lars Eidinger in Tränen aus, fast so wie in einem seiner Filme. Zwei davon laufen bei der Berlinale: Schwesterlein und Persischstunden.

Die Berlinale geht viral dank Lars Eidinger. Ein Video, in dem der Schauspieler bei einer Pressekonferenz über den von ihm wahrgenommenen Hass in der Gesellschaft spricht, feuerte in den letzten Tagen die sozialen Netzwerke an. Die einen verwandelten die rot angelaufenen Augen in ein Meme, andere kritisierten seine Selbstinszenierung, während Sarah Connor tief berührt bei Instagram kommentierte: "Beautiful Soul [Sterne-Emoji]."

Lars Eidinger ist sowas wie der Til Schweiger des Bildungsbürgertums. Der Schauspieler hat sich am Theater Ruhm erspielt, feierte im Kino mit Alle Anderen vor rund 10 Jahren seinen Durchbruch und dreht mit den Größen des europäischen Autorenfilms.

Wenn man aktuell über Eidinger spricht, dann jedoch über seine Selbstinszenierung. Was Schweiger als dessen deutsches Blockbuster-Äquivalent in Bild-Interviews, bei Facebook oder Markus Lanz durchzieht, macht Eidinger bei Instagram und jetzt auch in Pressekonferenzen. Er zieht Häme auf sich, er spaltet, nur eben nicht durch seine Arbeit mit Claire Denis (High Life) und Olivier Assayas (Personal Shopper). Alle reden über das Video, nur nicht über seine Berlinale-Filme Schwesterlein und Persischstunden.

Tränen bei der Berlinale: Lars Eidinger über Hass und Missgunst in der Gesellschaft

Rahmen für das Video von Lars Eidinger war die Pressekonferenz von Persischstunden, ein Holocaust-Film von Vadim Perelman, der in einer Nebenreihe der Berlinale läuft. Ein Jude (Nahuel Pérez Biscayart) gibt sich als Perser aus. Der Grund: Ein SS-Mann (Lars Eidinger) will Farsi lernen, also erfindet der Jude eine Sprache, um im Konzentrationslager zu überleben. Bei der PK war vom gegenwärtigen Hass in Europa die Rede gewesen. Auf eine Frage, die sich auf Eidingers Arbeit bezog, antwortete er:

Ich finde, unsere Gesellschaft ist so dermaßen vergiftet, was Hass und Missgunst angeht.

Das Video von Lars Eidinger, geteilt auf seinem Instagram-Account:

Dabei kamen ihm die Tränen. Der Tagesspiegel aktualisierte seinen Berlinale-Blog mit "Lars Eidinger spricht über Hanau - und bricht in Tränen aus", der Deutschlandfunk  begann seinen Titel mit "Nach Hanau", als handele es sich um das Keyword eines Gewalt-Franchise. Nach Avengers. Nach Bad Banks. Nach Hanau. Der Anschlag von Hanau wurde in der PK nicht erwähnt.

Eidingers Worte scheinen vor allem auf seine persönliche Erfahrung gemünzt zu sein. Es hagelte Kritik, als er Anfang des Jahres eine eigens designte Ledertasche im Aldi-Look bewarb, in dem er sich vor Obdachlosen fotografieren ließ. Man spürte die persönliche Verletzung, welche die Reaktion der Öffentlichkeit auf seine Kunst hervorgerufen hatte. Oder vielleicht will man sie spüren.

Bei jemandem, der sich als allseitig präsenter Künstler darstellt, wird die Authentizität schnell in Frage gestellt. Dabei hätte das Video auch Anlass zur Diskussion geben können, wie man in der Öffentlichkeit über emotionale Ausbrüche von Männern spricht. Eidingers Vergangenheit steht dem Glaube an Aufrichtigkeit im Wege.

Lars Eidinger will die Liebe in die Welt bringen

In Anlehnung an eine Aussage des Schriftstellers Stefan Zweig bezeichnete Lars Eidinger das Internet in der PK als Medium, das die Menschen zusammenbringen könne. Nur werde es für das Gegenteil genutzt. Eidingers Instagram-Account, in dem er regelmäßig und ohne Einverständnis der Betreffenden Videos von Menschen teilt, die in prekären Umständen leben, ist folgerichtig dafür da, Liebe in die Welt zu bringen.

Nina Hoss und Lars Eidinger in Schwesterlein

Vor allem dient er natürlich der Inszenierung von Lars Eidinger, ob willentlich oder nicht. Das gehört zum Star-Dasein dazu. Social Media-Enthaltung ist ebenso Teil von Inszenierung wie Schweigers Facebook-Posts oder Eidingers Insta-Kunst.

Im Falle des für seine Arbeit in Film und Theater gefeierten deutschen Schauspielers (also Eidinger) suggeriert sein Social Media-Auftritt die Nähe einer Leibesvisitation. Til Schweiger gibt sich als Stammtisch-Kumpel, Eidinger fotografiert seine Hotelbetten, zeigt sich in der Maske, wenn er wieder Richard III. spielt, oder bei Auftritten als Teil von Autistic Disco.

Die extrem herausfordernde und oft extrem unangenehme Körperlichkeit seiner Theaterauftritte spiegelt sich in den Storys und Posts. Spielt er Hamlet oder den Richard, dann rennt er auch ins Publikum, improvisiert, involviert. Regisseur Thomas Ostermeier lässt Eidinger auf der Bühne oft sich selbst filmen. Instagram wirkt wie eine Erweiterung dieses Vorgehens.

Schwesterlein: Ein Meta-Film über Lars Eidinger?

Insofern ist es ein bizarrer Zufall, dass mit Schwesterlein ein Meta-Eidinger-Film im Wettbewerb der Berlinale läuft. Die Schweizer Produktion von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond zeigt Nina Hoss und Lars Eidinger als Filmgeschwister. Ein vorzügliches Casting im Übrigen.

Sie ist Autorin und er Schauspieler an der Berliner Schaubühne. Ostermeier spielt Eidingers/Svens Regisseur, mit dem er Hamlet inszenierte, fast so wie der reale Ostermeier mit dem realen Eidinger. Nur ist Sven an Leukämie erkrankt, hat zwei Chemotherapien und eine Knochenmarkspende hinter sich.

Der körperliche Verfall, die Ekzeme und spärlichen Haarbüschel sind wichtiger Teil der Performance von Eidinger, dessen Sven sich mit wechselnden Perücken schmückt. Es ist leider auch eine zahme Rolle eines Schauspielers, der normalerweise alles tut, außer langweilen.

Eidinger ist am besten, wenn er irritiert und nervt, wenn er sich einem aufdrängt im Kino oder auf einer rotierenden Bühne in der Schaubühne. In Schwesterlein erregt er vor allem Mitleid, während Nina Hoss' Lisa immerhin Gelegenheit zur privaten Entgleisung und Hysterie erhält, als sie sch um Bruder und Ehe sorgt.

Nahuel-Pérez Biscayart und Lars Eidinger in Persischstunden.

Schwesterlein bietet die Art Rolle für Eidinger, die ein Angekommensein im Schauspielbetrieb suggeriert. Wenn also Schauspieler anfangen, graue Perücken zu tragen und Old-Age-Makeup und alles in allem versuchen, wichtig zu spielen.

Ein Hauch Inglourious Basterds in Persischstunden

Irritierend zeigt sich Eidinger in Persischstunden, der eine wahre Holocaust-Geschichte mit Elementen der Komödie und von Sturm der Liebe mixt. Eine Daily Soap im KZ sieht man da, wenn Wachmänner (Jonas Nay aus Deutschland 83) und Helferinnen (Leonie Benesch aus Babylon Berlin) gegen Insassen intrigieren oder über die Penisgröße des Lagerkommandanten tuscheln.

Tritt allerdings Eidinger auf, wähnt man sich in Tarantinos Inglourious Basterds. Da verzieht er im Zorn sein Gesicht wie Gustaf Gründgens Mephisto, ergeht sich im hanslandaesken Triumph, wenn er seinen Vorgesetzten erniedrigen darf. Es ist ziemlich daneben, aber wirft Falten in den viel zu glatt erzählten Stoff aus dem Grauen.

Als öffentliche Personen wirken Lars Eidinger und Til Schweiger omnipräsent. Sie regen durch ihre Selbstüberschätzung auf, der eine als Künstler, der andere als Unterhalter. Das ewige E(rnst) und U(nterhaltung), also diese unverständliche Trennung, die den deutschen Film plagt, hat seine Personifikationen im Social Media-Zeitalter gefunden. Macht mit dieser Information, was ihr wollt, aber im Zweifelsfall gilt: entfolgen.

Was haltet ihr von Lars Eidinger?

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