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Mein Herz für Klassiker

Ich, Taxi Driver & (post)modernes Heldentum

28.09.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Robert De Niro als psychopatischer Taxifahrer
© Sony Pictures
Robert De Niro als psychopatischer Taxifahrer
In vielen Filmen betrachten sich Personen im Spiegel und führen Selbstgespräche. Nur wenige von ihnen sind allerdings so ikonisch wie der Travis Bickle von Robert De Niro aus Martin Scorseses Taxi Driver. Ihm widme ich heute Mein Herz für Klassiker.

Als Altmeister Martin Scorsese Mitte der 1970er ein Low-Budget-Projekt mit dem vielsagenden Titel Taxi Driver anging, konnte er nicht ahnen, dass sich seine fünfte Regiearbeit über die Jahre hinweg zu einem absoluten Kultfilm entwickeln würde. Keiner wollte das Werk damals produzieren und finanzieren, trotz der Beteiligung von Robert De Niro, der kurz zuvor erst einen Oscar als Bester Nebendarsteller in Der Pate 2 gewonnen hatte. Auch Drehbuchautor Paul Schrader hatte zunächst etwas gegen die Besetzung auf dem Regiestuhl, und die Zensur bereitete dem Streifen um den durchgeknallten Travis Bickle wegen seiner expliziten Gewaltdarstellung von Anfang an Probleme. Kontrovers diskutiert und durch gleich mehrere Skandale überschattet, ist der Film bis heute ein Paradebeispiel für das experimentelle amerikanische Kino dieser Epoche. Für meinen Geschmack könnte sich das moderne Hollywood ruhig wieder an solchen Werken orientieren. Daher widme ich Taxi Driver diese Woche Mein Herz für Klassiker.

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Warum ich Taxi Driver mein Herz schenkte
Der fünfte Spielfilm von Martin Scorsese ist ein sehr persönliches Werk, bei dem sich Regisseur, Hauptdarsteller und Drehbuchautor mit der damaligen amerikanischen Gesellschaft auseinandersetzen. Der Marine-Veteran Travis ist eine Ausgeburt seiner Zeit, ein Produkt der US-Kultur, die sich nach dem plötzlichen Ende der Hippiebewegung und dem Vietnam-Desaster in einer Sinnkrise befand. Verstört kehrt Bickle von seinen Auslandseinsätzen zurück und findet sein Heimatland völlig verändert vor. Er wird nur zum Taxifahrer, weil er nachts nicht schlafen kann. Oft genug ist eine solche Störung Ausdruck eines posttraumatischen Belastungssyndroms. Von Anfang an erleben wir ihn als verspannte Figur. Zunächst kann sich der ungebildete, naive Ex-Soldat noch am Riemen reißen – bis er sein persönliches Waterloo erlebt. Als er bei der hübschen blonden Wahlkampfhelferin Betsy (Cybill Shepherd) abblitzt, brennen bei ihm sämtliche Sicherungen durch.

Von jetzt auf gleich mutiert sie in seinen Augen von einer Göttin in weiß zu einer schäbigen Nutte. Bickle sinnt auf Rache. Dabei ist es ihm egal, in welcher Form. Ursprünglich plant er, Senator Palantine (Leonard Harris) umzunieten. Als ein Geheimagent dies verhindert, sucht sich der Taxi Driver einfach ein neues Ziel. Bald tritt er als Beschützer der minderjährigen Prostuierten Iris (Jodie Foster) auf, obwohl diese seine Hilfe eigentlich gar nicht möchte. Das finale Blutbad, in dem Travis ihren Zuhälter Sport (Harvey Keitel) und dessen Handlanger brutal zur Strecke bringt, ist umso tragischer. Denn eigentlich wollte der durchgedrehte Veteran bei dem Akt gleich Selbstmord begehen. Das Vorhaben scheitert letztlich daran, dass ihm bei dem Amoklauf die Kugeln ausgehen. Bickle überlebt und wird von der Presse zum Helden hochstilisiert – oder ist vielleicht alles nur ein (Alb-)Traum?

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Warum auch andere Taxi Driver lieben werden
In Taxi Driver ist New York eine unangenehme Metropole. Durch die Augen der Hauptfigur sehen wir die Stadt als düstere, dreckige, unmoralische Hure Babylon. Überall lauert das Böse, und Travis deutet sich selbst als den Heilsbringer, der den Sündenpfuhl von dem Elend auf den Straßen befreit. Dennoch ist der Ex-Marine kaum besser als all jene, die er ständig kritisiert. Bickle wird nämlich von der modernen Version von Dantes Inferno geradezu magisch angezogen. Seine Welt ist die des Rotlichtmilieus und der Pornokinos, in die er Betsy einlädt und sich dafür prompt eine Abfuhr von ihr einhandelt. Im Grunde genommen ist Travis ein prototypischer Flaneur von Charles Baudelaire. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein Einheimischer, der sich mühelos in seinem Milieu zurechtfindet. Trotzdem gehört Bickle nirgendwo richtig dazu. Er ist sozial völlig inkompetent und überfordert, weshalb sein einziger richtiger Kontakt im gesamten Film die junge Iris bleibt.

Streckenweise ist der Ex-Soldat zudem ein waschechter Revolverheld. Die Konfrontation zwischen ihm und Sport imitiert bewusst eine Szene aus dem Kultfilm Der schwarze Falke von John Ford, auf den Scorsese sich häufig beruft. Nachdem sich Travis jedoch einen Mohawk stehen lässt, sind die Übergänge zwischen den beiden eher fließend. Wie bei dem Spätwestern stellt sich die Frage, wer hier der Gute und wer der Böse ist. Denn sowohl Bickle als auch der Zuhälter wollen bloß Iris beschützen, auf ihre eigene kranke Weise. Der finale Amoklauf ist schließlich der sinnlose Ausdruck jahrelang angestauter Frustrationen des Taxifahrers. Als Kampfmaschine lässt der einsame, missverstandene Travis alles aus sich heraus – wobei die Gefahr besteht, dass sich die Geschichte wiederholt.

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Warum Taxi Driver einzigartig ist
Der Film von Martin Scorsese ist ein Meisterwerk des referenziellen Kinos. Er ist gespickt mit Verweisen auf andere Werke. Der Taxi Driver ist gleichermaßen ein Nietzscher Übermensch wie eine Kinoversion von Dostoevskys Raskolnikov. Die Art, wie er seine Gedanken festhält, erinnert an das transzendentalistische Tagebuch eines Landpfarrers von Robert Bresson, während sich die Tablettenszene mit dem Glas auf Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß von Jean-Luc Godard bezieht. Wie der perverse Killer aus Augen der Angst – Peeping Tom von Michael Powell ist Travis ein Voyeur, dessen einziges Vergnügen daraus besteht, leicht bekleidete Damen zu beobachten und seine Sexualität letztlich durch Gewaltausbrüche auszuleben. Das Ausmaß von Bickles Gestörtheit äußert sich zudem auf der Tonebene, wo die Musik von Bernard Herrmann das eigene, berühmte Drei-Noten-Motiv des Komponisten aus Psycho von Alfred Hitchcock aufgreift. Noch heute zitieren viele andere Filme Taxi Driver. Ganz offensichtlich wird dies in Hass von Mathieu Kassovitz, in dem Vincent Cassel die berühmte ‘Are you talkin’ to me?’-Spiegelszene nachäfft.

Warum Taxi Driver die Jahrzehnte überdauerte
Die Figur des Travis ist nicht nur ikonisch und Teil der modernen Popkultur, auf die sich Robert De Niro akribisch als realer Taxifahrer vorbereitete, sondern seine Problematik ist heute weiterhin aktuell. Für sein Drehbuch bezog sich Paul Schrader auf Arthur Bremers Anschlag auf Gouverneur George Wallace 1972. Wenige Jahre später berief sich dann John Hinckley bei seinem misslungenen Attentat auf Präsident Ronald Reagan auf Taxi Driver. Angeblich erfüllte er damit einen Wunsch von Jodie Foster, als deren Stellvertreter er sich betrachtete. Der Film und die Realität stehen daher in einem Wechselverhältnis, in dem der eine den anderen imitiert. Natürlich ist in der (post)modernen Medienlandschaft die Frage nach Sensationen und plötzlichem Heldentum durch Selbstjustiz ebenso angebracht. Die Zeitungen glorifizieren Travis, weil er Iris von der Prostitution befreite und zu ihren Eltern zurückschickte. Dadurch wird er zum Sinnbild eines realen, aber pervertierten amerikanischen Traum(a)s. Bis heute werden die Vereinigten Staaten davon heimgesucht.

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