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John Wick oder: Was macht eine gute Actionszene aus?

John Wick
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the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Die beiden Namen David Leitch und Chad Stahelski sagen euch vielleicht nichts, gesehen habt ihr die Stuntmen, Action-Choreographen und Regisseure sicher schon mal, nur eben, ohne es zu wissen. Beide arbeiteten ab den 90er Jahren als Stunt-Doubles für Stars wie Brad Pitt (Leitch) und Keanu Reeves (Stahelski), bevor sie sich als Action-Choreographen und Martial Arts-Trainer einen Namen machten. Ihre Spezialität: Schauspieler in einem mehrmonatigem Training fit zu machen für Kampfszenen. Bei Filmen wie Matrix, 300, Tron Legacy, The Expendables, Marvel's The Avengers und Die Tribute von Panem zeichneten sie für die Stunts verantwortlich. Seit gestern läuft ihre erste gemeinsame Regiearbeit John Wick in den deutschen Kinos. In dem Actionfilm spielt Keanu Reeves einen Ex-Killer, der nach dem dramatische Tod seiner Frau und dem noch dramatischeren Tod seines Hundebabys die New Yorker Unterwelt in einen blutigen Rachefeldzug verwickelt.

Im Interview sprechen die beiden Veteranen über den Zustand des US-Actionfilms, von der Finanzierung bis zur Inszenierung, aber auch den Einfluss des südkoreanischen und Hongkonger Kinos auf ihre Arbeit.

moviepilot: Was macht eine gute Actionszene aus?

Chad Stahelski: Um großartig zu sein, braucht eine Actionszene eine Figur, entweder Held oder Bösewicht, die du liebst oder die du hasst. Einen Typen, mit dem du mitfühlst. Sie sollte etwas mit dir machen, wo du nach Luft schnappst. Du solltest sagen können: "Wow, das habe ich noch nie gesehen!" Sie muss dich mitnehmen, dich in die Szene hineinziehen. Und wenn du fertig bist, sollte etwas von ihr nachhallen; diese Momente, wo du nach zehn Jahren sagst: "Erinnerst du dich, als Indiana Jones den anderen abgeknallt hat?"

David Leitch: [Eine gute Actionszene] muss von wichtigen Eigenschaften deiner Figur erzählen. Es muss ein ikonischer Moment sein. Als Choreographen suchen wir immer nach diesen Momenten. Es gibt die normalen Prügeleien und dann gibt es die Szenen, an die sich jeder erinnert. Was Chad mit Indiana Jones meint: Diese Szene, wo er den Typen mit den Schwertern erschießt, erzählt dir so viel über seine Figur und ist außerdem lustig, dass sie legendär geworden ist.

moviepilot: Welchen Regeln folgt ihr z.B. beim Arrangement einer Actionszene, um einen bestimmten Effekt beim Zuschauer zu erzielen?

Chad Stahelski: Ich denke, die Regel Nummer 1 ist: Hab keine Angst davor, die Regeln zu brechen.

moviepilot: Das ist eine ziemlich simple Antwort.

Chad Stahelski: Es stimmt aber. Ich meine, was wäre, wenn ich eine Kampfszene mit dir choreographieren würde und würde versuchen, die Indiana Jones-Szene zu drehen? Das würde vielleicht nicht funktionieren. Ich müsste andere Figuren, andere Situationen, andere Geschichten dafür finden. Man könnte immer sagen: Ordne die Leute so an oder filme die Schauspieler immer von vorne oder inszeniere die Action immer auf diese Art. Dann haben wir diese tolle Idee und müssen sagen: "Dann machen wir das einfach nicht." John Wick ist ein gutes Beispiel dafür. Die Leute haben zu uns gemeint: "Benutzt die Handkamera, wackelt mit der Kamera, ihr müsst euch bewegen!" Und wir haben gesagt: "Nein, wir packen die Kamera auf einen Dolly und schneiden nicht." "Was meint ihr, ihr wollt nicht schneiden?" "Wir werden für 20 Sekunden nicht schneiden, als er diesen Typen mit einem Messer tötet. Wir werden es einfach filmen."

moviepilot: Bei US-Actionfilmen generell bekommt man mittlerweile den Eindruck, dass Wackelkamera die Inszenierung ersetzt. Was haltet ihr davon?

David Leitch: Damit fragst du zwei ziemlich große Kritiker von Action im Allgemeinen. Das ist unser Job. Wir sind Fans vom Kino aus Hongkong und Südkorea und John Wick merkt man das an. Aber auch von beispielsweise Sergio Leone-Filmen. Wir wollen die Action sehen und als Choreographen und vor allem Martial Arts-Choreographen hassen wir es, wenn du mit der Kamera wackeln musst, um einen Auftritt zu verstecken. Nicht immer wird es deswegen gemacht. Manchmal sorgt es für Dynamik und Spannung. Aber oft wird mit der Kamera gewackelt, weil die Darbietung selbst nicht mitreißend genug ist.

moviepilot: Die Strategie lautet: Wir sammeln so viel Material wie möglich und kümmern uns dann beim Schnitt um den Rest.

David Leitch: Als Choreographen hassen wir das. Die Zuschauer wollen sehen, wofür wir die Schauspieler trainiert haben. Aber wir wissen auch, wie man auf diese "andere Art" inszeniert, denn die gehört zu den Konventionen des amerikanischen Kinos.

Chad Stahelski: Aber um fair zu sein, wenn es darum geht, was der Unterschied zwischen dem Actionkino heute und vor zehn Jahren ist, dann ist die Antwort ehrlich gesagt: nichts. Die Dinge kommen immer wieder. So wie wir jetzt zu arbeiten versuchen, sowas war in den 70ern vorherrschend. Sie haben die Kampfszenen damals nicht geschnitten. In den 80ern wurde dann nachlässiger gearbeitet und dann kam das Hongkong- und asiatische Kino, wo sie draufgehalten haben, und dann die Wackelkamera, wo die Leute wieder weniger auf die Anordnung der Darsteller geachtet haben. Das heißt, US-Filme entwickeln sich immer weiter, wer weiß, vielleicht drehen wir bald alles aus der Vogelperspektive [lacht]. Als Matrix herauskam, wurden die Schauspieler gar nicht trainiert. Danach wurde es cool, die Stars in Martial Arts auszubilden, damit sie Kämpfe wie in Asien umsetzen können. Und dann ging es wieder in die Richtung: "Nimm die Kamera und wackel kräftig." Wir wollen jedenfalls wieder daran erinnern, dass Action ein integraler Bestandteil eines Films ist und nicht unterschätzt werden sollte, dass sie nicht einfach am Drehtag aus dem Arm geschüttelt werden kann. Sie muss entworfen werden, du musst sie zumindest blocken und einen Plan haben. Sie sollte durchdacht sein, ein Werkzeug zur Entwicklung einer Figur, sie sollte nicht nur Anlass für einen Cutaway sein. Wir hoffen, dass wir die Leute inspirieren, dass sie neue Ideen haben und wir wiederum angespornt werden, uns zu verbessern.

moviepilot: Wie sah der Einfluss des Hongkonger Martial Arts-Choreographen Yuen Woo-ping aus, mit dem ihr am Set von Matrix gearbeitet habt? Denn eure Karriere als Stunt-Choreographen hat erst nach Matrix Fahrt aufgenommen.

Chad Stahelski: Eines der wichtigsten Dinge, das wir von ihm gelernt haben, ist der Arbeitsablauf. Deswegen ist asiatisches Kino so viel besser. Durch diesen Prozess - die Castmitglieder zu trainieren, zu proben und mit einem Team von Choreographen zu arbeiten - haben sie alle überholt. Im US-Kino gab es höchstens ein paar Stuntleute, die dann für eine Kampfszene dazugeholt wurden. In Hongkong wurden die besten Martial Arts-Leute auch als Choreographen ausgebildet, was nicht dasselbe ist wie Martial Arts. Kampf-Choreographie im Film unterscheidet sich stark von echter Kampfkunst. Dort wird man speziell als Choreograph ausgebildet und auch darin, andere Leute zu unterweisen. Wir haben diese Idee quasi geklaut. Wir haben eine Firma gegründet mit einem Team, das nicht nur dazu da ist, vor der Kamera zu agieren, sondern die Schauspieler so weit zu trainieren, wie wir es benötigen. Dasselbe trifft aber auch auf Schnitt und Inszenierung zu, wie sie in Asien genutzt werden. Also, wo sie die Kamera hinstellen, wie sie die Leute im Raum anordnen, wann sie schneiden. Die Amerikaner schneiden normalerweise, wenn der Held ausholt. Wir schneiden vor und nach dem Schlag.

David Leitch: Im amerikanischen Kino gibt es auch die Tendenz, drei Kameras gleichzeitig anzumachen, ein längeres Stück aufzunehmen und es im Schnitt anzuordnen...

Chad Stahelski: Genau, es geht darum, zu blocken und zu wissen, was man will. Wenn ich einen Actionfilm mit [Actionstar und Choreograph] Donnie Yen mache, dann weiß ich, dass ich einen guten Actionfilm bekomme. Wenn ich einen mit Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger oder Jason Statham mache, dann kann ich nicht sagen: "Hey, ich habe die drei, also habe ich einen guten Actionfilm. Den Rest denken wir uns während des Drehs aus!" Das ist nicht dasselbe. Das Arrangement von Action ist auch eine Charaktereigenschaft. Du kannst nicht einfach ein Auto in die Luft jagen, es einen Actionfilm nennen und dich damit zufrieden geben. [In Asien] wird da sehr viel Zeit reingesteckt und die Hälfte des Budgets geht für die Action drauf. Das ist in den USA eher ungewöhnlich.

David Leitch: Im Hongkong-Kino gibt es außerdem einen separaten Action-Regisseur. Die sind dort wichtiger. Wir selbst waren Second Unit-Regisseure und haben wohl Anteil daran gehabt, die Wahrnehmung dieses Jobs im US-Kino zu verändern. Aber im Hongkong-Kino gibt es wirklich eine klare Unterscheidung: Der Drama-Regisseur tritt zurück und der Action-Regisseur übernimmt. Sie sind gleichberechtigt.

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