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Joker ist der Film, den wir jetzt brauchen

Joker - Trailer 2 (Deutsch) HD
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© Warner Bros.
Joker mit Joaquin Phoenix
14.10.2019 - 16:00 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Joker wird kontrovers diskutiert und bereitet einigen Kritikern große Sorgen. Dabei lohnt sich Hinsehen unbedingt, denn der Film trifft virtuos den Zeitgeist in den USA.

Achtung, Spoiler zu Joker! Ist Joker gefährlich und könnte er reale Gewalt inspirieren? An dieser Frage arbeitet sich das Publikum beharrlich ab, seit das neuste Werk von Todd Phillips seine Weltpremiere in Venedig feierte. Entsprechende Bedenken aber sind Begleiterscheinungen einer besonderen Qualität, über die wir eigentlich gar nicht oft genug sprechen können: Joker beschreibt den Zustand der USA so radikal wie kein zweiter Film aus dem bisherigen Kinojahr.

Das ist, natürlich, unangenehm anzusehen - umso mehr, da am Ende der Schurke triumphiert und niemand das entfesselte Chaos zu zügeln vermag. Doch Joker zwingt uns zur Auseinandersetzung mit dieser schwierigen Figur, und das ist vielleicht sein größter Verdienst in den USA unter Präsident Donald Trump.

Joker hält den Spiegel vor

  • Joker zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der es wenige Gewinner und viele Verlierer gibt.
  • Wohin es führen kann, wenn diejenigen, die Hilfe brauchen, keine erhalten, zeigt der Film mit beeindruckender Konsequenz.
  • Ein Plädoyer für Gewalt ist Joker deshalb aber nicht.

Joker mit Joaquin Phoenix ist am Puls der Zeit

Die USA haben seit Langem ein Waffenproblem, das ist kein Geheimnis. Das Gun Violence Archive  listet allein für das Jahr 2019 weit über 300 sogenannter "mass shootings" - also Vorfälle mit mehreren Opfern aufgrund von Waffengewalt, wie sie auch in Joker stattfinden.

Die vergleichsweise leichte Zugänglichkeit bzw. starke Präsenz von Waffen in weiten Teilen des Landes spielt hierbei - belegt von unter anderem Vox  - eine Rolle. Dennoch muss der Kern tiefer sitzen, denn der Impuls, eine andere Person zu töten, ist nicht angeboren. Vielmehr besteht bei psychisch gesunden Menschen eine natürliche Hemmschwelle, die uns genau davon abhält.

Joaquin Phoenix in Joker

Als der Joker also von seinem Kollegen eine Waffe erhält, ist der weitere Verlauf des Films damit allein noch nicht besiegelt. Wichtige Hinweise liefern uns hingegen mehrere Sitzungen von Arthur Fleck mit einer resignierten Psychologin, die ihren Patienten schon aufgegeben hat - obwohl er Hilfe offensichtlich dringend braucht.

Damit im Einklang erschöpft sich die öffentliche Diskussion nach Amokläufen in den USA nicht mehr nur in Forderungen nach strikteren Waffengesetzen. Von Republikaner Donald Trump  bis zum linken Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders  bringen mehr und mehr Politiker das Thema psychische Erkrankungen auf den Tisch, bei dem etwaige Maßnahmen ansetzen sollen.

Der neue Joker ist Opfer und Täter zugleich

Als wir Fleck kennenlernen, lebt er in mehr als kargen Verhältnissen. Das Geld, welches er als Party-Clown verdient, reicht vorne und hinten nicht, um seiner Mutter und sich ein erfülltes Leben zu ermöglichen, und obendrein ist sein Alltag gespickt mit kleinen und großen Erniedrigungen.

Man möchte sagen, die Gesellschaft hat ihn vergessen, aber das wäre ein Euphemismus. Sie sieht ihn sehr wohl - mit den leblosen Augen der Privilegiert(er)en.

Eines Nachts schließlich macht Arthur in der U-Bahn zunächst aus Notwehr Gebrauch von der Waffe, die ihm sein Kollege zugesteckt hat, und erkennt, dass ihm dieses Werkzeug Macht verleiht. Macht, die er zuvor nie hatte. Damit schlägt die Geburtsstunde des Jokers und schon bald sind die dreckigen Pfützen Gotham Citys blutgetränkt.

Die Etablierung von Arthur Fleck als Opfer seiner Lebensumstände geschieht in Joker keineswegs subtil, aber dafür angemessen wirkungsvoll. Potentiell steht er bereit als Avatar für all jene, die nicht in den Genuss einer Krankenversicherung kommen, sich keine vernünftige Bildung leisten können, seit Jahren nicht mehr im Urlaub waren und vom oft beschworenen American Dream eben nur träumen können.

Der Joker in voller Montur

Wie bei vielen geht Arthurs prekäre finanzielle Situation einher mit Scham, Depressionen und letztlich sozialer Isolation, womit ein Teufelskreis gezeichnet ist. Seine unkontrollierten Lachanfälle in den denkbar falschen Momenten wirken dann wie die bittere Kirsche auf dem Kuchen der Demütigung, und eine leichtere Zielscheibe scheint für Außenstehende tatsächlich schwer zu finden.

Joker ist kein Plädoyer für Gewalt

Joker fordert unser Mitgefühl für Arthur Fleck, erlaubt uns aber dennoch, die Gewalttaten der Titelfigur zu verurteilen. Eine solche Ambivalenz ist im gegenwärtigen Blockbuster-Kino außergewöhnlich und darum überrascht es eigentlich auch nicht, dass der Film ähnliche Kontroversen auslöst wie einst Uhrwerk Orange oder sein großes Vorbild Taxi Driver.

Wir haben es hier mit einer Comicfigur zu tun, die in eine erschreckend vertraute Welt hineingeworfen wird. Der Joker von Joaquin Phoenix wäre wahrscheinlich froh, könnte er die Sorgen von Marvels Avengers haben und einfach die Welt retten. Die realistische Gewaltdarstellung im Film dürfen wir aber nicht als Aufforderung deuten, es der Hauptfigur gleich zu tun.

An dieser Stelle vertraut Regisseur Phillips auf die Eigenverantwortung des Zuschauers. Wir als Publikum sind gut damit beraten, Joker mit seinem allzu menschlichen Schurken vordergründig als grimmige Zustandsbeschreibung zu verstehen, die vor unseren Augen ein Worst-Case-Szenario ausbreitet. Dieses sollten wir nicht von uns wegschieben, sondern lieber genau hinsehen.

Joker und der Blick in eine düstere Zukunft

Indes wäre es falsch, Joker lapidar als Film über Donalds Trumps Amerika zu bezeichnen. Wie Michael Moore treffend auf Facebook  anmerkt, ist "Twitter-Präsident" Trump nicht nur der Grund für, sondern zugleich ein Symptom des momentanen Zustands der USA, wo Politik und Unterhaltung jetzt so nahe beieinander liegen wie noch nie.

Joker mit Joaquin Phoenix

Auch darum fügt es sich wunderbar, dass Joaquin Phoenix' Joker ein scheiternder Comedian ist, der nicht an- sondern ausgelacht wird - erst in kleinen Klubs, dann von seinem Vorbild Murray Franklin (Robert De Niro) vor einem Millionen-Fernsehpublikum.

Joker macht uns (wahrscheinlich zurecht) nur wenig Hoffnung, dass in naher Zukunft alles anders werden könnte, zeigt selbst aber auch keinen konkreten Weg in eine bessere Zukunft auf. Damit liefert er einerseits seinen Kritikern eine Angriffsfläche, andererseits ist es gerade dieser Nihilismus, durch den der Film erst funktioniert. Selten lohnte es sich mehr, im Kino zwei unangenehme Stunden durchzustehen.

Hat euch die Systemkritik in Joker überzeugt?

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