Jurassic World 2: Chris Pratt verkörpert, was die Reihe falsch macht

Jurassic World 2: Das gefallene Königreich
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Jurassic World 2: Das gefallene Königreich
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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Chris Pratt ist ein netter Kerl. Er ist der Typ Star, mit dem du in der Hitze darüber lachen kannst, dass dir deine Kugel Stracciatella über die Finger läuft. Irgendwo zwischen dem Leuchten des xenugleichen Tom Cruise und der grummelig richtenden Stille eines Harrison Ford hat Chris Pratt eine ausgleichende Mitte gefunden. Sympathisch ist er, nahbar, eben Hollywoods größte Spaßkanone und das transportieren die Figuren, mit denen er berühmt wurde, allen voran der spacige Marvel-Held Star-Lord in Guardians of the Galaxy. Owen Grady aus den Jurassic World-Filmen soll dazu gehören und die Milliarde Einspiel scheint dem Casting Recht zu geben. Dabei ist Owen Grady eines der größten Probleme der Reboot-Reihe und Chris Pratt daran nicht ganz unschuldig. In seiner Figur und seiner bloßen Anwesenheit kristallisieren sich die Gründe, warum selbst Jurassic World 2: Das gefallene Königreich das Image einer matten Kopie eines unerreichten Originals nicht loswird - trotz liebevoll gestalteter Dino-Animatronics, trotz ausgezeichnet inszenierter Action. Mit anderen Worten: Chris Pratt ist an allem schuld. Oder zumindest an fast allem.

Chris Pratt kann in Jurassic World nicht sterben

Als Chris Pratt durch den erstaunlichen Erfolg von Guardians of the Galaxy zum Filmstar erkoren wurde, schien er wie der Messias einer Hollywood'schen Endzeit, in der Stars nicht mehr ziehen. Nach dem Flop von Passengers ist dieser Hype etwas abgeflaut, doch so wie Pratt damals mit Projekten überschüttet wurde, schien in den Führungsetagen offenbar ein zweiter Harrison Ford aus der kleinen Röhre herabgestiegen. Ein Star, der die Leute ins Kino zieht, egal ob er Nazis verdrischt oder einen Einarmigen jagt. Entsprechend wurde Pratt sogar mit einem möglichen Reboot von Indiana Jones in Verbindung gebracht (Gott bewahre!). Beim Casting von Jurassic World, wenige Monate vor dem Guardians-Start, sah das noch anders aus. Er habe seinen Film mit Charakterdarstellern besetzen wollen, erklärte Regisseur Colin Trevorrow gegenüber Empire, so wie es in den alten Filmen üblich war, in denen Sam Neill, Laura Dern und Jeff Goldblum vor den Dinos davonrannten und nicht Tom Cruise, Arnold Schwarzenegger und Sharon Stone (man stelle sich das vor ...). Dass Pratt zwischen Casting und Kinostart von Jurassic World zum Star wurde, habe ihn völlig überrumpelt, so Trevorrow.

Unabhängig von der Story und ihren Figuren steht die Jurassic Park-Reihe seit dem Reboot also vor einem Problem, das ihr so vorher nicht begegnet war: Mehr noch als Kollegin Bryce Dallas Howard ist Chris Pratt ein Star. Er ist ein Star eines anderen Kalibers als Jeff Goldblum, dessen schlacksige Exzentrik einem Cronenberg mehr entgegenkommt als, sagen wir, einem Ron Howard. Sam Neill drehte damals mit Jane Campion und John Carpenter. Viele seiner Figuren strahlen eine schneidende Intelligenz aus, die den Schlund des Wahnsinns öffnen kann, ein Geisteszustand, der sich auch Laura Derns Rollen anbietet. Vor den von Steven Spielberg befreiten Dinosauriern waren sie alle gleich - gleich verletzlich. Das hat sich geändert. In Jurassic Park sind die Dinosaurier die Stars, in Jurassic World und Das gefallene Königreich ist Chris Pratt der Star. Ein Star wie er kann nicht sterben. Das steht der Lehre der Reihe diametral entgegen, was für mickrige Spielbälle die Menschen neben den Urzeitwesen doch sind.

Owen Grady kann in Jurassic World nicht sterben

Man stelle sich also einen waschechten Charakterdarsteller in der Rolle des Owen Grady in Jurassic World 2 vor, der wahlweise mit Bryce Dallas Howards Claire oder Raptor Blue schmust. James Ransone (Sinister) oder Scoot McNairy (Halt and Catch Fire) passen in die Altersgruppe von Chris Pratt, gehören aber zum Typ Schauspieler, deren Gesichter wir kennen, ohne die Namen buchstabieren zu können. Dann bleibt auf dem Papier immer noch Owen Grady, Raptor-Zähmer und BFF der vermeintlichen Bestie Blue. Als Figur ist Owen der feuchte Traum bildschirmgebräunter Drehbuchautoren. Ein kantiger, aber humorvoller Lederwestenträger ist er, der sich wilden Tieren ohne Waffe entgegenstellt, in seiner Freizeit Häuser mit bloßer Hand zusammenzimmert oder mit einem deutschen Bier in der Hand über seine schweißige Stirn fährt, während er an Motorrädern schraubt. Eine idealisierte altmodische Maskulinität strahlt er aus, die nicht einschüchtern soll, wie etwa Robert Muldoon oder Roland Tembo in den ersten beiden Jurassic Park-Filmen. Wäre Owen kein Trainer in der Jurassic World, besäße er einen YouTube-Kanal über taktische Rucksäcke und Merino-Pullis.

In Kombination mit der überspannten Geschäftsfrau und späteren Tierschützerin Claire hat Owen stets die Überhand, auch in Jurassic World 2: Das gefallene Königreich. Der beömmelt sich inszenatorisch über die lächerliche High Heel-Kontroverse, lässt Owen aber wiederholt den Tag retten, ob unter Wasser oder auf dem Dach. Chris Pratts Owen wurde als Abenteuertyp angelegt, was ihn in Widerspruch zu den Knochenputzern und Mathematikern früherer Teile stellt. In jenen Filmen wäre Owen eine Nebenfigur gewesen, die entweder stirbt oder mit ihren dämlichen Entscheidungen für Chaos sorgt (wie Vince Vaughns Nick van Owen (!) in Vergessene Welt). In Jurassic World ist er die Hauptfigur und gegen alle Gefahren gepanzert, dank der lasziven Verehrung, die ihm das Drehbuch zukommen lässt. Owen ist im Grunde ein größerer Superheld als Star-Lord.

Chris Pratts Owen Grady ist kein Michael Crichton-Held

Gerade jetzt, wo mit Jurassic Park und Westworld zwei seiner Schöpfungen Leinwand und Fernseher erobern, scheint der Name Michael Crichton in Vergessenheit geraten zu sein. Vor knapp zehn Jahren ist der Schriftsteller gestorben. Da hatte seine Haltung als Klimawandelleugner seine Bücher infiltriert und Fans entfremdet. Berühmt wurde er durch fortschrittsskeptische Techno-Thriller wie Jurassic Park. Man mag den Unix-Ausflug im ersten Film belächeln, doch er verkörpert die Essenz Crichtons, ebenso wie Monologe über Raptoren und Truthähne oder den Schmetterlingseffekt. Fachliche Korrektheit war nicht Crichtons oberstes Ziel, aber er suggerierte sie. Jurassic Park bot bestes Edutainment und promovierte Helden wie Alan Grant (Sam Neill), Ellie Sattler (Laura Dern) und Ian Malcolm (Jeff Goldblum) das ideale Sprachrohr dafür. Der Paläontologie-Boom jener Jahre ist auch auf Crichtons Einfluss zurückzuführen, der die Wissenschaft über Buch und Film einer ganzen Generation nahebrachte. Der Sense of Wonder, als die drei zum ersten Mal die Brachiosauren sehen, wird schließlich auch durch die vergleichsweise authentische Grabungsszene vorbereitet, die den staubigen Alltag der Wissenschaftler zeigt.

In Jurassic World ist die Paläontologie nur ein Kinder-Hobby. Dinosaurier sind normal, insoweit sie wie Disney-Attraktionen gegen Geld besucht werden können. So normal, dass sie trainiert werden wie zooübliche Raubtiere. Irgendwo tief verscharrt unter Lederweste und Pratt'schem Schmunzeln steckt in Owen Grady vielleicht ein Verhaltensbiologe. Die Drehbücher für beide Filme fürchten sich jedoch davor, Grady auch nur den Anschein eines "trockenen" Wissenschaftlers zu geben, also eines Intellektuellen. Selbst die Untersuchung von Blues Verhalten in Das gefallene Königreich darf nicht zu theoretisch ausfallen. Eine Kuschel-Session dient als rührendes Gegenmittel.

So fehlt es in beiden Filmen an typischen Crichton-Helden der Vorlage. Sicher auch weil Chris Pratt nicht der erste Schauspieler ist, den du aufsuchst, um theoretische Konzepte oder Technobabble unterhaltsam aufzubereiten. Schauspielerisch hat Pratt im Filmstar-Modus mehr gemein mit Mark Wahlberg als Sam Neill. Stattdessen muss Jeff Goldblum in Das gefallene Königreich einen Monolog führen über die philosophischen Implikationen des Vulkanausbruchs, der des Menschen Schöpfung bedroht. Die eigentlichen Helden des Films könnten das nämlich nicht glaubwürdig vorbringen. Das hängt damit zusammen, wie Owen konzipiert und Chris Pratt gecastet wurde. Eis essen, ja, über paläontologische Streitfragen diskutieren: eher nö. In erster Linie legen Chris Pratt und seine Figur eine Fehlkalkulation der Reboot-Reihe bloß. Die Jurassic World-Filme wollen ihre Dinosaurier bändigen und ausnutzen, aber nicht verehren, geschweige denn erforschen.

[Disclaimer: Für die Erstellung dieses Artikels wurde kein Chris Pratt verletzt.]

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