Leider nicht geschmacklos genug: Donnersmarcks Werk ohne Autor

Tom Schilling in Werk ohne Autor
© Disney
Tom Schilling in Werk ohne Autor
moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
folgen
du folgst
entfolgen
Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Florian Henckel von Donnersmarck hat seinen ersten interessanten Film gedreht. 188 Minuten werden in Anspruch genommen, um die verfremdete Familiengeschichte von Gerhard Richter aufzubereiten. Vor 11 Jahren gewann der Regisseur mit seinem DDR-Thriller Das Leben der Anderen den Oscar für den Besten fremdsprachigen Film. Die Hollywood-Tour endete in dem Remake The Tourist mit Angelina Jolie und Johnny Depp. Der ist einzig dadurch in Erinnerung geblieben, dass Ricky Gervais ihn bei den Golden Globes als Pointe nutzte, um die Korruption in der Hollywood Foreign Press Association vorzuführen. Mit Werk ohne Autor geht Florian Henckel von Donnersmarck wieder für Deutschland ins Rennen um den Oscar. Erste Station: die Filmfestspiele in Venedig. Nach dem fluffigen Touristen ist es nämlich ein wichtiger Film geworden. Es geht um Kunst und die Selbstfindung als Künstler unter politischem Druck. Es geht um Nazi-Verbrechen, die Engstirnigkeit der DDR-Autoritäten, die Blüte der Kreativität im Westen und die Täter unter uns. 188 Minuten eben. Wer sich für Richter interessiert, sollte den Tagesspiegel-Artikel lesen, der die Geschichte aufdeckte. Über die nachahmerischen Grenzen eines Biopics kommt Werk ohne Autor selten hinaus, besonders wenn er zu erklären versucht, wie Richter an die Idee für seine berühmten unscharfen Foto-Bilder kam. Interessant bedeutet nämlich nicht gut.

Es wurden keine Kosten und Mühen gescheut in Werk ohne Autor

In Venedig reiht sich Werk ohne Autor in mehrere Künstler-Filme ein. At Eternity's Gate versucht das Weltaufsaugen des Vincent van Gogh zu suggerieren. A Star Is Born und Vox Lux folgen der (Ver-)Formung fiktionaler Popstars, in Suspiria wird der Göttin Tanz geopfert und The Other Side of the Wind trifft einen Regisseur am Ende seines Lebens an, der mit seinen Begleitern Rückschau hält. Von diesen Filmen ist Werk ohne Autor derjenige, der am leb- und leiblosesten inszeniert wurde. Es floss Geld hinein in die Auferstehung von drei Dekaden deutsch-deutscher Geschichte. Max Richter (Arrival) komponierte den Score, die Kamera wird von Caleb Deschanel (Willkommen Mr. Chance) beaufsichtigt. Es wurden keine Kosten und Mühen gescheut.

Besagte Kosten und Mühen fließen in eine Erkundung, wie Künstler, bewusst und unbewusst, aus Traumata für ihre Arbeit schöpfen. Kurt Barnerts psychisch kranke Tante (Saskia Rosendahl) wird Opfer der Nazis. In der Familie wird nicht darüber gesprochen. Er wächst auf, er malt und sucht im sozialistischen Realismus der DDR nach Selbstverwirklichung, findet diese aber erst nach der Flucht in den Westen. Nichtsahnend, dass der Vater (Sebastian Koch) seiner Freundin und späteren Ehefrau (Paula Beer) den Befehl zur Ermordung seiner Tante gab.

So wird Barnerts künstlerische Entwicklung auf dem Boden eines verdrängten Traumas als Vergrößerungsglas der deutschen Geschichte genutzt, von der Ausstellung für entartete Kunst bis zum Blühen der Moderne im Düsseldorf der frühen 60er Jahre. Dort lernt Barnert unter einem Doppelgänger von Joseph Beuys. Oliver Masucci, der diesen Beuys-Verschnitt spielt, reißt diesen Film in seinen wenigen Szenen an sich, dass es ein Genuss ist. Ein paar wenige schauspielerische Querschläger gibt es zu entdecken in Werk ohne Autor, in denen unter der seriös vorantreibenden Inszenierung ein vitales Chaos aufbricht. Für ein paar Sekunden. Masucci gehört dazu und Sebastian Koch, dessen "Wächter am Ufer des Erbstroms" mit dem Freund seiner Tochter gar nichts anfangen kann. Kochs opportunistischer Verbrecher, dem realen Schwiegervater von Gerhard Richter nachempfunden, nimmt bisweilen die grotesken Züge eines Nazisploitation-Schurken an, wenn er finster auf das Treiben der jungen Leute blickt. Es schleicht sich Unbehagen in die wohlgeordnete Ästhetik der Vergangenheitsbewältigung ein, wenn auf die romantische Sexszene des jungen Pärchens eine des Vaters mit der Tanzlehrerin folgt.

Geschmacklosigkeit ist eine der wenigen Stärken von Werk ohne Autor

Denn Interesse weckt Werk ohne Autor, wenn sich die Wichtigkeit über- und sie in die Geschmacklosigkeit umschlägt. Die größte Sequenz des Film kommt recht früh in den, ich wiederhole, 188 Minuten. Kurt Barnert ist noch ein Knirps, der Zweite Weltkrieg tobt. Seine psychisch kranke Tante wird gemeinsam mit anderen vergast. In Werk ohne Autor ist diese Szene nicht wichtig genug, um für sich allein zu stehen. Es muss noch die Bombardierung Dresdens eingebunden werden, ästhetisch möglichst wertvoll, bitte. Silbern glänzende Düppel werden zur Radartäuschung im Umland abgeworfen. Die herabfallenden flimmernden Streifen ersetzen die breiten Pinselstriche auf Gemälden wie Richters Frau Baker. Schönheit und Zerstörung gehen in einander über. Oder so.

Die Parallelmontage ist eine der Herausforderungen des filmischen Schaffens, ob bei D.W. Griffith oder Francis Ford Coppola, deren namentliche Erwähnung an dieser Stelle keine tiefere Bedeutung besitzt. Jedenfalls wird in Werk ohne Autor diese riesige Sequenz orchestriert, in der ein Busfahrer fröhlich lächelnd in den Bombentod fährt; in der ein Dresdener Mutti von einem Balken erschlagen wird und das traute Dresdener Heim verbrennt, während die Nazis als unwert klassifiziertes Leben auslöschen. Man muss es gesehen haben, um zu glauben, wie gedankenlos diese Schrecken gleichgestellt werden, alles der filmischen Wichtigkeit wegen. Es gibt kaum eine Sequenz aus den letzten deutschen Kinojahren, die das hiesige Unbehagen mit der Aufbereitung des Nationalsozialismus in der Populärkultur und die gleichzeitige fetischisierende Fixierung auf diese Darstellung treffender zusammenfasst als der Bomben- und Gaskammer-Tod in Werk ohne Autor. Hätte sich der Film doch nur an anderen Stellen dermaßen der Entgleisung überlassen!

Weitere Berichte vom Filmfestival in Venedig:

[Völlig neutrale Anmerkung am Rande: Im Abspann wird Jackson Pollock und Andy Warhol gedankt.]

moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
folgen
du folgst
entfolgen
Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.
Deine Meinung zum Artikel Leider nicht geschmacklos genug: Donnersmarcks Werk ohne Autor
Ab3ccd1fe7014ba6a206a23a2f205ed6