Der ehrlichste Mel Gibson-Film seit Jahren: Dragged Across Concrete

Dragged Across Concrete
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Dragged Across Concrete
04.09.2018 - 15:30 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Mel Gibson spielt einen rassistischen Cop auf dem Pfad der Gewalt in Dragged Across Concrete, dem wie erwartet knallharten neuen Film des Regisseurs von Bone Tomahawk.

Auf dem Lido lebt es sich in etwa so wie auf Themyscira, also abgesehen von kampfbereiten Amazonen. Der einzige Harnisch, der hier getragen wird, sind Brioche-Brösel auf dem Blazer. Das Festival von Venedig ist eine Welt auf der Sandbank, aus der wie in der Truman Show viel nach außen dringt, aber wenig hinein. Bis auf das gelegentlich über Twitter und andere Kanäle angespülte Skandälchen. Zur Zeit wird sich im konservativen Social Media-Amerika nämlich darüber aufgeregt, dass in Aufbruch zum Mond ausgespart wird, wie Neil Armstrong (Ryan Gosling) die amerikanische Flagge hisst. Aus dem Franko-Amerikaner Damien Chazelle, der in New Jersey aufwuchs, wird in dem ritualisierten Social Media-Sturm von rechts ein "Franzose", Ryan Gosling ist der Kanadier, der sich anmaßt, einen amerikanischen Helden zu verkörpern, und der Film ein Akt des historischen Vandalismus. Aus dem amerikanischen Jahrtausendmoment wird, ja, was eigentlich? Ich würde sagen - ohne zu spoilern - ein persönlicher für Film-Armstrong. Dazu müsste man Aufbruch zum Mond aber gesehen haben, was angesichts der Strategie dieser Aufreger sowieso keine Rolle spielen würde. Hier wird guerillamäßig für ein paar Tage die öffentliche Aufmerksamkeit an sich gezogen. Wenn Verstärkung eintrifft, zieht man zum nächsten Scharmützel weiter. Daraus resultiert die Illusion einer konstanten Präsenz, einer kritischen Masse. Dauerbeschallung.

Dragged Across Concrete mit Mel Gibson ist ein filmisches Nagelbett

Das Misstrauen gegenüber der Herkunft gibt Aufschluss. Es ist nicht nur das generell suspekte liberale Hollywood, das sich an der Mondlandung vergeht (Eliten von der Küste!), nein, sogar ein Kanadier und ein Franzose. Was diesem Schauspiel nebenbei gelingt: eine Linie zu ziehen zwischen der Ära des amerikanischen Konservatismus der Marke Freedom Fries und dem Trumpismus. So viel musste sich nicht ändern, um an diesen Punkt zu gelangen.

Die Methodik der öffentlichen Aufregung wird bekanntlich von beiden Seiten aufgegriffen, was mich in dieser ungelenken Überleitung zu einem meiner am meisten erwarteten Filme des Festivals von Venedig bringt. Dragged Across Concrete gefällt sich nämlich darin, seine (im amerikanischen Sinne) liberalen Zuschauer auf einem filmischen Nagelbett Platz nehmen zu lassen. Und der Film dauert 159 Minuten. Zunächst einmal ist da die Präsenz von Mel Gibson, dessen Wikipedia-Lebensbeschreibung unter dem Punkt "Personal Life" einen 82 Wörter langen Eintrag mit dem Titel "Prankster" besitzt. Unter "Controversies" (ein extra Punkt mit Verlinkungen auf Sub-Seiten über Die Passion Christi und Braveheart) finden sich 169 Wörter, darunter der Halbsatz "raped by a pack of niggers". Der Satz "Fucking Jews... the Jews are responsible for all the wars in the world. Are you a Jew?" findet sich hingegen nicht bei den "Kontroversen", sondern im Unterpunkt "Alcohol abuse and legal issues".

Dragged Across Concrete

Mel Gibson ist also neben dem bekannten Trump-Befürworter Vince Vaughn in einem Film zu sehen, an dessen Ausgangspunkt ein Skandal über Polizeigewalt steht. In Dragged Across Concrete, einem kanadischen Film übrigens, spielt Gibson eine Art gealterten Martin Riggs. Dieser Riggs bzw. Brett Ridgeman lebt zwar nicht mehr in einem Wohnwagen, aber dank seines stagnierenden Karriereverlaufs in einem schlechten Viertel, in dem seine Tochter ständig auf der Straße belästigt wird. Zusammen mit seinem jüngeren Partner Anthony Lurasetti (Vince Vaughn) wird Ridgeman dabei gefilmt, wie er einem gefesselten Verdächtigen den Stiefel auf den Nacken setzt und ihn auf das Gitter der Feuerleiter drückt. Das Video landet bei einem Fernsehsender. Was nur wir zu sehen bekommen: Wie Ridgeman und Lurasetti die halbnackte Freundin des Verdächtigen klitschnass unter einem extra eingeschalteten Deckenventilator stellen, sie angaffen, befragen und mit Verweis auf ihre Latina-Herkunft kein überflüssiges "Comprende" (und Schlimmeres) auslassen.

Ridgeman und Lurasetti werden suspendiert. Nach einem Monolog, der die öffentliche Aufregung über gefilmte Ausfälligkeiten mit der McCarthy-Ära und deren Komitee für unamerikanische Umtriebe vergleicht, bemerkt der Chef (Don Johnson), wie verroht sein früherer Partner geworden ist. Politik hat ihm die Karriere vermasselt, meint Ridgeman später hingegen, obwohl er ehrliche, gute Arbeit mache.

Dragged Across Concrete

Dragged Across Concrete: Ein Film wie eine ultrabrutale Fingerfalle

Von nun an folgt Dragged Across Concrete dem Muster einen S. Craig Zahler-Films. Dieses Muster hat sich nach drei Werken des Autor-Regisseurs herausgebildet. In Bone Tomahawk begab sich eine Gruppe von Westerngestalten auf eine Reise, um Entführte zu retten. Sie landeten in einer kannibalistischen Unterwelt. Im mit Vince Vaughn besetzten Brawl in Cell Block 99 musste dieser als Knasti einen Gefangenen umbringen, um seine Frau zu retten. Dabei prügelte er sich in eine archaische Parallelwelt privat geführter Gefängnisse. In Dragged Across Concrete wollen die beiden Cops einen Drogenhändler ausheben, um an Geld zu kommen und stolpern über eine Gruppe von Bankräubern (unter anderem Thomas Kretschmann), die mit einer paramilitärischen Gewissenlosigkeit ans Werk gehen.

Die Länge der Filme (alle über 130 Minuten) ergibt sich aus der Lust am Gerede vor dem Schuss. Lange Dialoge, in denen die Cowboys, Knastis und nun Cops gestelzte Worte wie "intrigue" und "vocation" benutzen, um über ihr brutales Handwerk zu sprechen, sind Zahlers Markenzeichen. Sie können eine feine Poesie entwickeln, wenn Vaughn in Brawl beispielsweise seine Eheprobleme damit vergleicht, wie er an der Tanke immer die falsche Milch in seinen Kaffee gießt, obwohl er es besser wissen müsste. Die Dialoge verankern die Figuren zivilisatorisch, bevor sie ins vorzivilisatorische Fegefeuer eines Zahler-Plots aufsteigen.

Dragged Across Concrete

Im posttarantinoesken Kino könnte Zahler mit dem Dialogen niemanden beeindrucken, hätte er nicht auch ein Gespür für das Arrangement der Einzelteile eines Genres. Das tendiert zur Rohheit. In Brawl verprügelt Vince Vaughn erstmal ein Auto (nebst amerikanischer Flagge). Doch die Rohheit wird filigran konstruiert, sodass ein gutes S. Craig Zahler-Set-Piece einer Fingerfalle gleicht, also für den Zuschauer, nicht nur die Figuren. In Dragged Across Concrete werden die Wege der suspendierten Cops, eines maskierten Killers, einer Bankkauffrau (Jennifer Carpenter), die nach der Geburt nicht zurück an den Arbeitsplatz will, und eines frisch aus dem Knast entlassenen Kleinkriminellen (Tory Kittles als dritter Hauptdarsteller) verflochten, und als wir merken, was passiert, ist es schon zu spät. Maskierte stehen mit Maschinengewehren, Schweißerbrillen und Tonbändern in der Bank, und nach wenigen Minuten liegen blutige Fingerstummel auf dem Boden.

Ein Film, der auch das Image von Mel Gibson verhandelt

Anders als in den beiden Vorgängern haben Ridgeman und sein Kollege das Fegefeuer des dritten Akts in Dragged Across Concrete selbst mit angezündet. Es zieht sie nicht in eine Unterwelt, die nach eigenen Gesetzen funktioniert. Sie verkörpern diese anderen Gesetze, wenn sie Leuten in den Nacken treten oder sie erniedrigen. Die Schurken multiplizieren dieses Verhalten, sowohl was die Methodik der Gewalt als auch den Sexismus und Rassismus angeht. So unähnlich sind sie sich nicht. Wobei Zahler alles tut, um die bösen Bösen noch viel böser als die bösen Guten aussehen zu lassen. In den schwächeren Augenblicken von Dragged Across Concrete überwiegt deshalb der Sadismus.

Dragged Across Concrete ist trotzdem einer einer spannendsten Filme im Festival von Venedig, also über die beträchtliche Spannung des Finales hinaus. Als Vehikel für Mel Gibson entwickelt sich Dragged zu einer alternativen Filmbiografie. Martin Riggs, der Held aus Lethal Weapon, wird zusammen mit seinem Buddy-Cop-Genre weitergedacht. Biegen sich die Buddy Cops das Gesetz auch mal hin, um an ein Ergebnis zu kommen, sehen wir in Dragged Across Concrete, wie sich der Glaube an die eigene Macht als Polizist im Unrecht versteinert hat. Mel Gibsons an die Öffentlichkeit getretenes Privatleben, seine antisemitischen und rassistischen Ausraster sowie Vorwürfe häuslicher Gewalt, fließen in diese überarbeitete Filmbiografie seiner Star Persona ein. Das kann alles ein Riesenunfall sein, ein zufälliges Ergebnis eines Genrefilms mit konservativem Einschlag, der nebenbei gegen die PC Police austeilen will. Es wäre in jedem Fall der erste ehrliche Film, den Mel Gibson seit Die Passion Christi gedreht hat.

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