The Sisters Brothers: Belanglosigkeit kann ein Segen sein

The Sisters Brothers
© Annapurna
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Dieser Film schleicht sich an. Er liegt 110 Minuten auf der Lauer, um den nichtsahnenden Zuschauer in seinen letzten 10 zu überrumpeln. The Sisters Brothers wäre der letzte Film, den ich Jacques Audiard nach seinem Palmengewinn für Dheepan zugetraut hätte. Es gibt normalerweise keine stille Szene, die der Regisseur von Ein Prophet nicht viel zu laut in Szene setzen würde. Den Western nach einem Roman von Patrick DeWitt würde ich zwar ebenfalls nicht als still bezeichnen. Es wird geschossen und keine Untiefe der englischen Sprache ausgelassen, wenn sich darin ein Schmunzler angeln lässt. Dennoch plätschert das Abenteuer mit Joaquin Phoenix, John C. Reilly und dem Nightcrawler-Duo Riz Ahmed und Jake Gyllenhaal so belanglos vor sich hin, dass es schon wieder entspannt wirkt. Jacques Audiard hat in seinem ganzen Leben noch keinen entspannten Film gedreht. Also bis jetzt.

The Sisters Brothers ist der bessere Western im Wettbewerb von Venedig

Dieser Western, der bessere im Vergleich zu The Ballad of Buster Scruggs von den Coen-Brüdern, feiert im Wettbewerb des Festivals von Venedig Premiere, aber nicht nur da. Das erste Wochenende ist bestritten. Venedig bewegt sich in die Phase der Festivalkakophonie. Seit Freitag konkurriert die Oscar-Station Telluride in Colorado um Aufmerksamkeit und Ende der Woche startet der Trubel in Toronto. Nicht von ungefähr war das Programm der ersten Tage von Venedig überladen mit "großen" Namen. Die Weltpremiere bleibt das höchste Gut für die Wahrung des Status' und die Kanalisierung der öffentlichen Aufmerksamkeit. Roma, Aufbruch zum Mond und Suspiria laufen nämlich mit nur wenigen Tagen Abstand in Telluride, The Sisters Brothers wird in Toronto gezeigt. Venedig hat sie zuerst - und zeigt sie zuerst, bevor viele Journalisten zur Mitte des Festivals weiterreisen.

The Sisters Brothers steht programmatisch quasi auf dieser Kippe. Annapurna, die Produktionsfirma der Filmmäzenin Megan Ellison, soll Oscar-Hoffnungen in den Western stecken, was vom Film selbst erstmal Schlimmes erwarten lässt. Zu Unrecht, wie sich zeigt. Eli (John C. Reilly) und Charlie Sisters (Joaquin Phoenix) verdingen sich im Jahr 1851 als Auftragskiller für den Commodore (Rutger Hauer). Das bringt sie auf die Fährte des Goldgräbers und Chemikers mit dem schönen Namen Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed), der ein Mittel entwickelt hat, um Gold in Flussläufen sichtbar zu machen. Warm freundet sich mit dem Mitreisenden John Morris (Jake Gyllenhaal) an. Keinen Schimmer hat er, dass Morris mit den Sisters zusammenarbeitet. So nimmt die Geschichte ihren Lauf, in der sich allerhand Leute übers Ohr hauen, nur um dann zu merken, dass sie sich eigentlich ganz gern haben. Geschossen wird auch, keine Sorge.

Das Geschäft der Gebrüder Sisters ist ein Tödliches, wobei die um die Ohren fliegenden Kugeln noch als geringstes Problem erscheinen. Was in John Wayne-Filmen fehlt: Wie er nachts unter dem Sternenhimmel neben Walter Brennan schlummert und ihm eine gebärfreudige Spinne in den offenen Mund krabbelt. Hinzu kommen die Bären, die ins Lager stolpern! Und was, wenn du am Abend zuvor zu viel getrunken hast, vom Kater getrieben aus dem Sattel fällst und dir das Genick brichst? Warum irgendjemand in diesem wilden Westen leben will, steht bei The Sisters Brothers im Raum. Die Brüder haben sich eingelebt, mähen Gegner um, als würden sie Ameisen zertreten. Auch an ihnen nagt der Lebensstil, besonders am älteren Eli. Der masturbiert nachts den Erinnerungen an eine weibliche Bekanntschaft hinterher, der er wegen eines Auftrags Lebewohl sagen musste. Eli kauft sich gar eine Zahnbürste. Das ärgste Zeichen der Zivilisierung! Was uns immerhin den Anblick von John C. Reilly beschert, der methodisch nachempfindet, wie es gewesen sein muss, zum ersten Mal mit einem dieser Dinger das Gebiss blank zu polieren. Wahrer Entdeckergeist!

Am Ende überrumpelt einen der Film mit Joaquin Phoenix und John C. Reilly

Westernheld sein ist in The Sisters Brothers harte Arbeit. Freudlos könnte man den Film nennen, fände er seinen Humor nicht in den Skurrilitäten von Situationen und Sprache. Freudlos liegt nahe, weil die Inszenierung das Quartett einigermaßen indifferent von Station zu Station begleitet. Die Landschaftspanoramen werden fachmännisch abgehakt, mehr auch nicht. Das ähnelt der Herangehensweise der Brüder an die Schießereien. Die werden immerhin halbwegs originell aufbereitet, nämlich so als würde jemand zum ersten Mal auf dem Regiestuhl eines Western sitzen. Betont lustlos wird geballert, wenn die Schießereien ins Off verschoben oder aus solcher Entfernung betrachtet werden, das von den Menschen nur noch Rauch und Glut übrig bleiben. Eigentlich, so die Wirkung, ist es völlig egal, wer hier wen kalt macht. Wer umfällt, wird früher oder später ersetzt.

Die Sisters Brothers reiten also nach Kalifornien, der Film mit ihnen und alles wirkt irgendwie bekannt. Es könnte einer dieser Neo-Western sein, die sich genügsam in Gewalt, verschnörkelten Dialogen und geringfügig verschobenen Genre-Klischees ausruhen. Man ahnt, wohin die vier Pfade führen werden, hat sein Urteil über das englischsprachige Debüt von Jacques Audiard gefällt, bevor das erste Gold im Bild leuchtet. Und dann ... das wird hier natürlich nicht verraten. Jedenfalls summieren sich viele Details im Schlussakt von The Sisters Brothers, dem Drehbuch und dessen Vorlage sei Dank (und ja, vielleicht auch Audiard). Es ist ein Puzzle, dem mit dem vorletzten Stück das Unerwartete gelingt: Es berührt. Der Pfad dahin wird im ganzen Film verteilt. Eines der Puzzleteile: Eli, der seinem kleinen Bruder tröstend die Hand auf die Stirn legt, als er glaubt, dass dieser weint. Ein anderes: die Zahnbürste natürlich.

Zwei der besten Filme in Venedig laufen nicht im Wettbewerb

Damit sie von großen Namen dieser ersten Festivalhälfte nicht verschluckt werden, müssen noch zwei der besten Filme Erwähnung finden, die ich bislang hier gesehen habe. Die deutsche Produktion Adam und Evelyn, nach dem gleichnamigen Roman von Ingo Schulze, läuft in der hiesigen Woche der Kritik. Ein zerstrittenes Pärchen aus der DDR trifft sich unmittelbar vor dem Mauerfall in Ungarn. Er ist ihr hinterher gefahren mit seinem Wartburg aus den 60ern. Sie hat mit einem Westdeutschen angebandelt. Aus dem Radio schallt die Weltgeschichte. Die Kamera verweilt immer einen Tick zu lange auf ihnen, wie sie im Garten ungarischen Rotwein trinken oder Pflaumen vom Wegesrand naschen. So lange, dass sich Antworten und Reaktionen aufdrängen, die nicht kommen. Im Ungesagten wirken die kargen, eleganten Bildkompositionen plötzlich füllig. Ein Film zum Verweilen, der selbst verweilt in dem Sommer des Umbruchs.

Amanda aus Frankreich arbeitet mit einem ähnlich beiläufigen Gestus. Ein junger Mann verliert bei einem Tragödie seine Schwester und kümmert sich danach um seine Nichte. Damit ist der Film aus der Sektion Orizzonti im Prinzip zusammengefasst. Dennoch erzählt er durch die Beobachtung des Alltags der beiden, und vor allem ihrer Spaziergänge so viel mehr über ihre Trauer und ihr Weitergehen trotz allem. Unscheinbar könnte man die Inszenierung nennen, präzise trifft es besser. Zwei, drei Schnitte lassen die Katastrophe einbrechen in den Alltag, ein alptraumhaftes Blinzeln und schon sind die Bilder verschwunden. Amanda steckt voll solcher formaler Spitzen, die den beschwingten Rhythmus für ein paar Sekunden in Unordnung bringen. Außerdem, und damit bin ich immer zu haben, gibt es eine Überblendung eines Frauengesichts über einer nächtlichen Stadt. Film kann manchmal so einfach und so schön sein.

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