Erst Til Schweiger, dann Liebesdings: Anika Decker über die Angst vor dem Scheitern und gute Sexszenen

Anika Decker bei der Premiere zu Liebesdings
© Gisela Schober/Getty Images for Constantin Film
Anika Decker bei der Premiere zu Liebesdings
08.07.2022 - 09:43 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Zuletzt war Anika Decker wegen ihrer Klage gegen Til Schweiger in den Schlagzeilen. Nun bringt sie mit Liebesdings eine Komödie mit Elyas M'Barek in die Kinos – und verrät, wie man eine gute Liebesszene dreht.

Anika Decker ist nicht nur eine der erfolgreichsten Regisseurinnen Deutschlands. Auf Basis ihres Drehbuchs entstand auch einer der erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten: Keinohrhasen. Doch am Erfolg wurde die Autorin nach eigener Aussage nicht angemessen beteiligt und ging deshalb vor Gericht. Ein Präzedenzfall, durch den sie sich fairere Vergütungsmodelle für Drehbuchautor:innen erhofft.

Mit Liebesdings läuft seit dem 7. Juli 2022 ihre neueste romantische Komödie im Kino, in der sich Elyas M'Barek als frustrierter Filmstar in die Leiterin eines queeren Theaters, gespielt von Lucie Heinze, verliebt. Der Film beweist, dass Anika Decker längst mehr ist als ihre Schweiger-Vergangenheit. Mit Moviepilot hat sie über Ängste, Leistungsdruck und die dunklen Seiten des Erfolgs gesprochen. Und wie man eine Sexszene dreht, mit der sich am Schluss jede:r wohlfühlt.

Wie sich die Klage gegen Til Schweiger auf Anika Deckers Karriere auswirkte

Elyas M'Barek spielt die Hauptrolle in Liebesdings: einen frustrierten Filmstar

Moviepilot: Du hast gegen Warner Bros. und Til Schweiger geklagt, weil du für dein Drehbuch zu Keinohrhasen nicht ausreichend am Erfolg beteiligt wurdest. In einem Podcast hast du gesagt, dass du glaubst, dass sich diese Entscheidung negativ auf deine Karriere auswirken wird. Hat sich diese Angst bisher bewahrheitet?

Anika Decker: Ich merke schon, dass bestimmte Anrufe nicht mehr kommen, aber zum Glück sind genug andere Aufträge da. Ich habe mich aber auch ein bisschen abgesichert und meine Fühler in alle Richtungen ausgestreckt. Ich habe meinen nächsten Roman vor mir, und da dachte ich: Na, wenn’s ganz dumm läuft, dann schreibe ich eben den! (lacht)

Große Teile deiner Karriere bestehen aus romantischen Komödien. Warum ist das für dich so ein spannendes Thema?

Liebe ist für mich der Nabel der Welt. Mit nichts sonst haben Menschen so viele Probleme, oder? Das ist das wichtigste Gefühl, um das sich eigentlich alles dreht. Bei der Hauptfigur in Liebesdings haben wir zum Beispiel auch das Thema Liebe zum Beruf. Die Hauptfigur hadert ja total damit und das hat mich natürlich auch interessiert. Jemand, der eigentlich alles hat – Ruhm, Geld, Stardom – und dann eigentlich unglücklich ist.

Die Liebesdings-Regisseurin kämpft trotz Erfolg gegen Versagensängste und "düstere Antriebsmotoren"

Liebesdings - Trailer 2 (Deutsch) HD
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Beschäftigt dich das Thema auch privat?

Ich habe viel erlebt in den letzten 20 Jahren und viele Menschen beobachtet, die zu viel Ruhm, Macht und Geld gekommen sind. Da habe ich mir oft die Frage gestellt: Warum sind die meisten Menschen da oben so zerrissen oder unglücklich? Natürlich ist es auch für mich das beste Gefühl der Welt, nicht mehr Angst um meine Miete zu haben.

Als Studentin und junge Autorin bin ich früher auch mit dem Taschenrechner in den Supermarkt und es ist natürlich toll, dass es jetzt nicht mehr so ist. Trotzdem kann man ja nicht immer sagen, dass die reichsten Menschen die glücklichsten sind. Beim Ruhm ist immer ein kleiner Stachel mit dabei.

Zum Beispiel?

Wenn ein Film gut läuft, erhöht das den Druck auf den nächsten. Wenn die Dreharbeiten toll waren, überlegt man sich: Wie läuft der Schnitt? Immer, wenn das Besitz von mir ergreift, dieses "Mehr! Mehr! Weiter! Höher!", muss ich mich hinsetzen und mich ganz hart fragen: Warum mache ich diesen Beruf? Weil ich es liebe zu schreiben und mit tollen Schauspielern zu arbeiten, und weil ich unfassbar gerne im Schneideraum sitze. Und ich habe mir geschworen, wenn ich das verliere, muss ich was anderes machen.

Sind das Sachen über die du mit Kolleginnen und Kollegen offen sprichst – gerade mit Leuten, die vielleicht auch in der ähnlichen Position sind wie du oder auf einem ähnlichen Erfolgslevel?

Ja. Kürzlich erst mit einem guten Freund von mir, Tobias Rehberger. Ich habe eine kleine Skulptur von ihm in Liebesdings eingebaut: ein Aschenbecher, der blaue Oktopus, der die Fuck You-Finger zeigt. Er hat mir gesagt, dass er kein Drama braucht, um Kunst zu machen, sondern eigentlich will, dass alles um ihn herum in Ordnung ist. So geht's mir auch. Dann kommt dieses eklige Gefühl auch nicht mehr durch.

Was für ein ekliges Gefühl?

Dass ich irgendjemandem etwas beweisen oder ihn übertrumpfen will, weil er mal fies zu mir war. Das sind düstere Antriebsmotoren. Wenn ich mich dabei ertappe, weiß ich: Jetzt muss ich mir Tee kochen, mich hinsetzen und überlegen, worum es hier eigentlich geht.

So entstand die Sexszene mit Elyas M'Barek und Lucie Heinze in Liebesdings

Lucie Heinze und Elyas M'Barek in Liebesdings

Du hast schon mehrfach über deine negativen Erfahrungen innerhalb der Filmbranche gesprochen. Wie stellst du sicher, dass sich an deinem Set alle wohlfühlen, gerade bei intimen Szenen?

Für die Liebesszene in Liebesdings habe mich mit Moritz Anton, dem Kameramann, zusammengesetzt und wir haben jede Einstellung ganz genau besprochen. Wo ist die Kamera, was sieht man, was haben Lucie und Elyas an? Für eine Sexszene sogar relativ viel, muss ich sagen! (lacht) Dann haben wir ein Storyboard machen lassen, wo du jede Einstellung siehst, und bin das mit beiden einzeln durchgegangen. Als wir dann die Szene gedreht haben, haben sich alle sehr wohlgefühlt damit, weil sie wussten, was wir vorhaben.

Elyas M'Barek ist das schon mal passiert und eigentlich jeder Schauspielerin, die ich kenne, dass du am Set stehst, die große Liebesszene steht an, aber irgendwie ist nichts besprochen und dir werden Sachen aufgenötigt, mit denen du dich nicht wohlfühlst. Die Schauspieler sitzen ja nicht im Schneideraum und haben deshalb keinerlei Kontrolle mehr darüber, was gezeigt wird. Selbst wenn jemand am Set sagt “Ach, mach dir keine Sorgen, das sieht man nicht, das schneide ich nachher raus!”, ist das keine Garantie.

Wie durchchoreografiert ist so eine Szene?

Die Szene sollte für mich vor allem ausdrücken, dass sich da zwei Menschen näherkommen und verlieben. Ich habe das wie eine Montage gesehen: Welche Bewegungen will ich sehen, welche Musik passt dazu? Man hat also einen Plan, wenn in dem Moment was anderes passiert, ist es aber auch OK. Das Schlimmste, was du Schauspielern bei einer Liebesszene sagen kannst, ist: Macht einfach mal!

Liebesdings behandelt viele queere Themen. War das schwierig, eine absurd überhöhte Geschichte zu erzählen, ohne zu wirken, als wolltest du dich darüber lustig machen?

Ja, das ist eine Gratwanderung. Ich möchte natürlich nicht, dass die AfD das super findet. Mir hat geholfen, dass es viele queere Figuren im Film und dadurch eine gewisse Vielfalt gibt. Und ich habe, glaube ich, einen ganz guten Seismographen dafür, ab wann es an den Stolz und an die Würde geht.

Ich habe versucht, jede Figur ernstzunehmen – ob überzogen oder down to earth –, und ihr eine Würde und eine Haltung zu geben. Dann ist es lustig, aber ohne jemanden zu verraten oder in irgendeiner Form lächerlich zu machen. Ich habe die Zwischentöne quasi täglich abgeklopft mit den Darsteller:innen zusammen, wir haben gemeinsam die Tonalität erarbeitet und dann habe ich geguckt, dass das irgendwie alles zueinander passt. Wie bei einem Orchester.

Gab es Diskussionen mit der Produktionsfirma in Richtung: “Brauchen wir wirklich so viele Vulven?”

Ich habe denen da gar keine Wahl gelassen, aber die fanden das auch sehr lustig. Außerdem war es im Winter schön, sich in diese riesige Plüsch-Muschi zu legen. Wir lagen alle mal zwischen diesen kuscheligen Schamlippen und es war schön!

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