Monsieur Claude: In Multikulti-Komödien wird Rassismus salonfähig

Monsieur Claude und seine Töchter
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Monsieur Claude und seine Töchter
19.03.2020 - 17:30 UhrVor 2 Monaten aktualisiert
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Heute Abend zeigt Sat.1 den Kino-Hit Monsieur Claude und seine Töchter. Dieser und ähnliche Filme haben Rassismus in Komödien wieder salonfähig gemacht.

Halb Europa wollte 2014 Monsieur Claude und seine Töchter sehen. 12 Millionen Besucher waren es in Frankreich, 4 Millionen in Deutschland. Herzlich lachten sie über den konservativen Katholiken, der am multikulturalistischen Männergeschmack seiner Kinder verzweifelt. Über den Juden und den Moslem, den Chinesen und den Westafrikaner. Über ein Feel-Good-Kino am Rande zur Feel-Bad-Realität.

Die Erfolgsstrategie des Films war simpel. Er schwamm im Fahrwasser von Ziemlich beste Freunde, jener gleichsam französischen Culture-Clash-Komödie, die Rassismen als ulkigen Abbau von Vorurteilen getarnt reproduzierte. Wie beim Vorbild wurde eine Geschichte ausgeklügelt, die scheinbar unernste Stereotype durch Richtungswechsel der Ressentiments zu bevollmächtigen versuchte.

Monsieur Claude und seine Töchter: Das Grauen macht Schule

Die rassistische Ablehnung von Monsieur Claude, der auch seine letzte Tochter an einen nichtweißen Mann zu verlieren droht, stößt auf ebenfalls bestehende Vorbehalte des Bräutigamsvaters von der Elfenbeinküste. Indem der Film einen Disput behauptet, bei welchem postkolonialer Rassismus und berechtigte Skepsis sich quasi aufwiegen, wird einerseits Hass als Berührungsangst verharmlost und andererseits Sorge zu Befangenheit umgedeutet.

Monsieur Claude und seine Töchter

Nach vergleichbarem Muster sind viele französische Multikulti-Komödien gestrickt. So spielte Christian Clavier, der Star von Monsieur Claude, in Hereinspaziert! einen Schriftsteller, der für die Aufnahme von Einwanderern und Wohnungslosen plädiert. Als sich eine Roma-Familie auf seinem Grundstück einfindet, gerät die Toleranz nicht wegen der Scheinheiligkeit des Eigentümers, sondern vermeintlich unzivilisierter Rituale der Gäste an ihre Grenzen.

Auch in Nur eine Stunde Ruhe war Christian Clavier zu sehen, als mürrischer Zahnarzt, dessen Entspannungsversuche wiederholt vereitelt werden. Sein Sohn quartiert im Obergeschoss philippinische Flüchtlinge ein, die dem Hausherrn nebst Ehestreit und Handwerkerärger den letzten Nerv rauben. Am Ende kommt es zur gängigen moralischen Läuterung, die den fremdenfeindlichen Humor rückvergüten muss.

Der deutsche Verleih bewarb den Film damals mit einem Warnhinweisen gleichenden Unterhaltungsversprechen ("Vorsicht: höchster Wiedererkennungsfaktor!"), das offenbar auf Kenntnis jener irrsinnigen Menge ähnlicher Komödien abzielte, von denen das Publikum nicht genug zu kriegen scheint. Filme, die Titel tragen wie Heute bin ich Samba (2014), Ein Dorf sieht schwarz (2016) oder Made in China (2019).

Multikulti-Komödien setzen auf Ungleichheit

Weil sich nicht nur in Frankreich sehr viel Geld mit solchen Filmen verdienen lässt, hatte der Trend schnell auch die deutsche Kinoproduktion erreicht. 300 Worte Deutsch (2013) und Willkommen bei den Hartmanns (2016) handelten von Integration zu den Bedingungen der Integrierenden. Ihr Humor folgte dem französischen Muster: nicht zu brav, aber auch nicht zu unbekömmlich – politisch also bestenfalls vage.

Nur eine Stunde Ruhe

Zugleich sind Multikulti-Komödien natürlich reine Politik. Sie gehören einem liberal sich gerierenden Kino an, das augenscheinlich gut meinend Flüchtlinge und Migranten beständig als das Andere konstruiert. Einem Kino vor allem, das die Verortung auf der richtigen Seite als Selbstlegitimation nutzt, um längst nicht mehr für möglich gehaltene Klischees "spielerisch" zu verhandeln.

Hinter den falschen Versöhnungsgesten, die am Schluss der Filme sorgfältig eingerissene Gräben scheinbar mühelos aufschütten, tritt dann ein trivialer Humanismus zutage. Er gibt vor, den kulturellen Zusammenprall als Völkerverständigung zu umarmen, während Differenzen überbetont oder sogar gänzlich neu erfunden werden. Der Irrglaube, jeder bekäme fair verteilt sein Fett weg, schafft ein Gleichgewicht der Gegensätze.

An Begegnungen auf Augenhöhe sind die Macher von Monsieur Claude und Co. auch gar nicht interessiert. Ihre Komödien spielen in bildungsbürgerlichen Milieus, weil sie genau diese adressieren, mit Erzählpositionen und Identifikationsangeboten, die von lustigen Männern wie Christian Clavier besetzt werden. Darin steckt ein gnadenloses Kalkül. Es ist Wohlfühlkino allein für Menschen, die es sich leisten können.

Monsieur Claude und seine Töchter ist am Donnerstag, den 19. März 2020 um 20:15 Uhr bei Sat.1 zu sehen. Als Stream kann er auf Amazon Prime und Joyn abgerufen werden. DVD und Blu-ray des Films sind im Handel erhältlich.

Könnt ihr über Monsieur Claude lachen?

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