Oscar 2018 - Konventionelle Oscar-Ware muss draußen bleiben

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© Universal/A.M.P.A.S.
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Ein Superheldenfilm ist nominiert. Ein Kriegsfilm. Eine glitschige Mensch-Fisch-Romanze und sogar ein Horrorfilm. Die alte Leier von den langweiligen Oscar-Nominierungen wird sicher auch diesmal per Kommentar entstaubt, aber der Oscar 2018 hat ihre Klänge nicht verdient - zumindest in der Phase der Nominierungen. Mit Shape of Water - Das Flüstern des Wassers und Three Billboards Outside Ebbing, Missouri gehen zwei Filme ins Rennen, die, egal wie wir zu ihnen im Detail stehen, sich von der Maßware des Oscar-Futters abheben. Blicken wir weiter auf die heute nachmittag bekanntgegebenen Nominierungen, sticht mit Get Out ein waschechter Horrorfilm und Publikumsliebling in den Hauptkategorien hervor. Da schleicht sich der Abgesang auf Wolverine unter die Nominierten und das ausgerechnet für das Beste adaptierte Drehbuch. Christopher Nolan, ehemaliger Fledermaus-Dompteur, darf sich sogar über seine erste Nominierung in der Kategorie Beste Regie freuen, obwohl Dunkirk denkbar Oscar-unfreundlich gestartet ist. Das Teilnehmerfeld im Bereich Bester Film ist eines der qualitativ dichtesten der letzten Jahre und allein das steigert die Vorfreude auf die Verleihung im März.

Die frühen Monate der Oscar-Kampagnen um Toronto und Telluride herum standen klar im Schatten der Missbrauchsskandale in Hollywood. Es schien noch überflüssiger als sonst, sich den Kopf über einen Filmpreis zu zerbrechen, der jahrzehntelang Täter wie Harvey Weinstein als prestigeträchtiger Schutzschirm begleitete. Die Personifikation des Awards Season-Films hatte in den letzten Jahren an Präsenz verloren. Nun befinden wir uns in den ersten Monaten des Jahres 1 nach Weinstein. Es fällt zusammen mit der ersten Oscar-Nominierung für eine Frau in der Kategorie Beste Kamera, namentlich Rachel Morrison, die im Netflix-Film Mudbound mit Regisseurin Dee Rees den harten Alltag armer weißer und schwarzer Familien im amerikanischen Süden in Szene setzt. Die Literaturverfilmung, bei der viele befürchtet hatten, sie sei im Direct-to-Netflix-Nirwana verschwunden, mausert sich mal eben zum Vorzeige-Film des Streaming-Anbieters mit den großen Oscar-Ambitionen. Greta Gerwig wurde als fünfte Frau in der Academy-Geschichte für die Beste Regie nominiert, ihre Tragikomödie Lady Bird könnte Shape of Water und Three Billboards in einigen Kategorien in Bedrängnis bringen. Jordan Peele, vor zwei Jahren noch primär bekannt als Sketch-Komiker, darf sich über eine Regie-Nominierung freuen, erst die fünfte für einen schwarzen Regisseur.

Diese Nominierungen wurden im Grunde unter der früheren Leiterin der Academy, Cheryl Boone Isaacs, vorbereitet. Wir beobachten hier mehr als eine Modeerscheinung. In den letzten Jahren wurde die Academy gezielt um Mitglieder erweitert, die ihre Diversität erhöhen. Regeländerungen sollen den Einfluss von älteren Mitgliedern mindern, die nicht mehr in der Branche aktiv sind. Allgemein scheint das Bewusstsein für die Vielfalt der Nominierten durch Twitter-Kampagnen und ähnliches gestiegen zu sein. Dennoch sollte nicht jede Nominierung einzig auf das Sendungsbewusstsein Tausender Academy-Mitglieder reduziert werden. Get Out ist in den USA zweifelsfrei der Film des Jahres 2017, in dem sich soziokulturelle Debatten mit einem beeindruckenden Einspielergebnis und einer Beliebtheit bei Kritikern wie Publikum kreuzen. Nur wenige Filme vermögen es, derart präzise und zugänglich den Nerv der Zeit zu treffen. Dieser Nerv kann vielleicht am besten mit einem Fräser im Horrorfilm-Mantel attackiert werden.

Mit Die dunkelste Stunde und Die Verlegerin finden sich auch zwei Film unter den Nominierten, die wohl am ehesten "klassische Oscar-Kost" versprechen. Beide überhöhen die Werte ihrer jeweiligen Nationen im Angesicht übermächtiger Kräfte, hier der Kampf gegen Appeasement und Hitlers Armeen, dort die Zersetzung der amerikanischen Republik in Gestalt der Nixon-Administration. Beider Chancen auf den Hauptpreis dürften eher gering sein. Joe Wrights Churchill-Film darf sich vor allem als Vehikel für Gary Oldmans ersten Oscar-Gewinn Chancen ausrechnen, wohingegen die beiden Nominierungen für Steven Spielbergs Presse-Drama über die Pentagon Papers etwas von einer Steuerung im Autopilot hat - selbst Gefährten erhielt mehr Oscar-Liebe.

Erfreulich bleiben die Nominierungen für Call Me by Your Name, zwar Armie-Hammer-los, aber unter anderem beachtet für James Ivorys sinnliche Drehbuch-Adaption und für Timothée Chalamet als Hauptdarsteller, der sich vor ein paar Jahren noch recht unsympathisch durch Homeland schmollte. Negativ fällt in der Indie-Zone beim Oscar 2018 das weitgehende Desinteresse gegenüber Florida Project auf, eine kleine Sensation beim Filmfestival in Cannes letztes Jahr. Nebendarsteller Willem Dafoe hätte den Oscar verdient, doch die Konkurrenz durch insbesondere Sam Rockwells rassistischen Cop aus Three Billboards scheint zu stark.

Blicken wir auf die jüngsten Preise der Gewerkschaften, so verengt sich die Konkurrenz wieder. Shape of Water nahm den Hauptpreis der Produzenten (PGA) entgegen, während Three Billboards von den Schauspielern (SAG) mit Preisen überschüttet wurde, darunter Ensemble, Hauptdarstellerin und Nebendarsteller. Ebendiese Schauspieler machen bekanntlich die größte Berufsgruppe innerhalb der Academy aus. Deren Wahlberechtigte werden, anders als bei den Nominierungen, in den nächsten Wochen bei allen Kategorien abstimmen. Vielleicht ist der Überraschungsfaktor also wieder verschwunden. Die Oscar-Filme selbst waren dennoch selten spannender.

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