Oscar 2019 - Was sich an der Verleihung ändern muss

In der Kategorie Bester Film 2019 nominiert: Black Panther
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Meint es gut mit den Menschen.

Ja, nein, gucken wir mal. So ungefähr kann das Schauspiel zusammengefasst werden, das die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) im Vorfeld der 91. Oscarverleihung aufführte. Den Spatenstich des selbst geschaufelten Grabs gab der Aufschluss über die Einkürzung der Show von vier auf drei Stunden. Oscars in maßgeblichen Kategorien wie Kamera und Schnitt sollten aus Zeitgründen während der Werbepausen übergeben werden, was eine Show des totalen Verzichts erwarten ließ, besonders aber den Zorn der hiesigen Filmbranche auf sich zog.

Die Oscars der Selbstbeherrschung

Zwar nahmen die Produzenten den umstrittenen Plan zurück und versicherten eine Verleihung der Oscars 2019 in wie gewohnt 24 regulären Kategorien. Doch steht die Show zum vorgeblich wichtigsten Filmpreis der Welt unter keinem guten Stern: Zu erwarten ist eine gehetzte Zeremonie ohne Moderator, deren Quotendruck zu konsequent falschen Entscheidungen führt. Die Academy mache derzeit nicht den Eindruck einer 91 Jahre alten ehrenvollen Institution, heißt es verdient hämisch bei Vanity Fair, sondern wirke wie "eine Theater-AG, die an ihrem ersten Schulstück arbeitet".

Sicher können Pleiten, Pech und Pannen sympathisch sein. Ein gewisses Vergnügen bereitet die ungelenke, mit möglichen Überraschungen aufwartende Krisenpolitik durchaus. Und dass die Veranstalter nicht kritikresistent sind, kann auch löblich gefunden werden (den zweiten großen Erneuerungsplan hat die Academy ebenfalls korrigiert, er sah einen Oscar für den besten populären Film vor). Jene konzeptionellen Änderungen bestätigen allerdings eine seit Jahren andauernde Entwicklung hin zur Selbstbeherrschung. Die Oscarverleihung ist freudlos und verkrampft, es fehlt ihr sowohl an Erhabenheit wie schönem Blödsinn.

Dem Publikum ergeben

So dominieren bereits länger Fragen nach der Übertragungsdauer die Gestaltung der Oscars. Ein bis heute höchst bedauerliches Ergebnis des Zeitdrucks war die Auslagerung des sogenannten Ehrenoscars, der einst während der Hauptveranstaltung überreicht wurde, jetzt aber Teil der Monate vorher unter Ausschluss einer Fernsehöffentlichkeit stattfindenden Governors Awards ist. Kaum jemand hat mitbekommen, dass der bis heute kein einziges Mal für den Oscar nominierte Donald Sutherland 2017 den Honorary Award erhielt, weil einem Millionenpublikum die überfällige Würdigung nicht zumutbar schien.

Tatsächlich befinden sich die TV-Quoten der Oscarverleihung im Sinkflug. 2018 schalteten nur noch etwas mehr als 26 Millionen Amerikaner ein, so wenige wie seit Beginn der Ausstrahlung nicht (zu Spitzenzeiten wurden in den USA über 50 Millionen Zuschauer erreicht). Sehr wahrscheinlich übt der für die Übertragung zuständige Fernsehsender ABC zunehmend Druck aus, dem sich die spürbar in Alarmbereitschaft versetzte Academy fügt. Der Elitenpreis möchte volksnah sein, weshalb seine Panik vor einem sich möglicherweise langweilenden Publikum ständig neue absurde Blüten treibt.

Für die Oscars 2019 sollen nun zahlreiche Stars von Avengers 4: Endgame auf die Bühne geholt werden, ein unverhohlenes Werbegeschenk an den ABC-Mutterkonzern Disney, nach dessen Pfeife mittlerweile ganz Hollywood tanzt. Natürlich ist Quotenschwund längst kein reines Oscarphänomen, sondern betrifft sämtliche Preisverleihungen. Statt eigene Traditionen zu verraten, könnte die Academy endlich akzeptieren, dass im Zeitalter des nicht-linearen Fernsehens nie wieder 50 Millionen Zuschauer einschalten werden. Zur Not soll eben ein anderer Sender die Oscars zeigen, 2028 läuft der Vertrag mit ABC aus.

Rückkehr zu alter Stärke

Was muss also geschehen? Eine erste Möglichkeit wäre die Reaktivierung des früheren anarchistischen Potenzials. Dazu braucht es nicht gleich lauter Marlon Brandos, genügen würde schon eine gewisse Verspieltheit. Vor 30 Jahren bekämpfte RoboCop seinen Filmgegner ED 209 in einer herrlich unsinnigen Live-Action-Einlage, moderiert von Pee-wee Herman. Im Jahr darauf tanzten und trällerten Hollywood-Newcomer wie Patrick Dempsey, Ricki Lake oder Corey Feldman über die Bühne. Eine solche Nummer wäre mit Timothée Chalamet, Millie Bobby Brown oder Lucas Hedges undenkbar.

Zweitens braucht es Größen, auch oder gerade weil die Ära der Filmstars vorbei ist. Kein Wunder, dass der einst mit Sonnenbrille in Reihe 1 sitzende Jack Nicholson der Oscarverleihung fernbleibt, wenn es dort weder Glamour noch Skandale gibt. Erinnert sei ans Jahr 1999, als der umstrittene Filmemacher Elia Kazan einen Ehrenoscar bekam, während Stars wie Ed Harris und Nick Nolte sitzen blieben und die Arme verschränkten. In derselben Show sangen dann noch Mariah Carey und Whitney Houston gemeinsam ein Lied - heute wird überlegt, ob die Darbietung von Filmsongs verschwinden sollte.

Mehr singen, mehr tanzen, mehr Show

Überhaupt: Darbietungen. 2009, bei der vielleicht letzten rundum gelungenen Oscarverleihung, offenbarte Moderator Hugh Jackman seine trotz langjähriger Bühnenerfahrungen ungeahnten Showmasterqualitäten, die in eine von Baz Luhrmann inszenierte Hommage an klassische Hollywood-Musicals mündeten. Kein Gastgeber hat sich seither derart ins Zeug gelegt. Vielmehr galt es Steve Martin und Alec Baldwin, James Franco und Anne Hathaway, Seth MacFarlane und seinen doofen Bären Ted zu ertragen - sowie unangenehm vorgeführte Touristen oder überraschte Kinobesucher.

Drittens könnte die Academy mit einer Korrektur wirklicher struktureller Versäumnisse ihr Profil schärfen. Lediglich zwei neue Oscarkategorien hat sie in den vergangenen 50 Jahren zugelassen, den Preis für das beste Make-up (seit 1981) und den besten Animationsfilm (seit 2002). Sinnvoller als die vorerst auf Eis gelegte Einführung des Oscars für populäres Kino wäre eine Ehrung von Stuntleuten. Noch immer weigert sich das regelmäßig zur Überprüfung möglicher neuer Kategorien tagende Board of Governors, entsprechende Vorschläge des Stuntmans Jack Gills umzusetzen.

Vielleicht muss man das Glas bis dahin halbvoll betrachten. 2019 geht in die Academy-Geschichte als das Jahr ein, in dem Kevin Feige für einen Oscar nominiert wurde. Von hier aus kann es eigentlich nur besser werden.

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