Wie Hollywood seine Filmstars tötete

Leonardo DiCaprio, Dwayne Johnson, Robert Downey Jr.
© Universal / Disney
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Meint es gut mit den Menschen.

Mithin gehen die Ansichten darüber, wann ein Star ein Star ist, erstaunlich auseinander. Wo schlichte Ideen von Erkennungswert und Franchisetreue, nicht aber die notwendige Unterscheidung zwischen geachteten und zugkräftigen Namen als Maßstab dienen, müssten Stars eigentlich vom Himmel fallen – allzu schnell brächten es dann "gefeierte, berühmte Künstler" (Duden) und "Schauspieler, die für ihre Hauptrollen bekannt sind" (Wikipedia) zu durchschlagendem Ruhm. Die prägnanteren Definitionen verweisen hingegen auf Faktoren wie Exklusivität und Diskontfähigkeit. Das Cambridge-Wörterbuch nennt den Kinostar einen "sehr populären und erfolgreichen Darsteller", im Lexikon der Filmbegriffe ist er als Schauspieler gefasst, "dessen Mitwirkung an einem Film Erfolg verspricht". Zur begrifflichen Uneindeutigkeit trägt folglich jede Betrachtung bei, die über eine anhaltende Ertragskraft des Stars hinausgeht. Margot Robbie, Christian Bale oder Michael Fassbender mögen bekannte Schauspieler sein, die auch gelegentlich für größere Produktionen verpflichtet werden. Stars jedoch sind sie keine, nicht einmal annähernd.

Stars bedeuten Rentabilität

Im klassischen Hollywood zog das Starsystem eine Verbindungslinie zwischen Studioproduktion und Zuschauerbegehren. Falsche Biographien und Namen, dafür wahrer Glanz: Stars waren Testimonials, die den Film verkaufen und sich in der Rigorosität des Systems einrichten mussten (Greta Garbo zog sich nach einem einzigen Misserfolg aus dem Kino zurück und stand bis zu ihrem Tod rund 50 Jahre lang nicht mehr vor der Kamera). Wer an die großen Stars des amerikanischen Films denkt, denkt an Humphrey Bogart, Katharine Hepburn oder Marilyn Monroe - heute wie vor einem halben Jahrhundert. Den Frauen und Männern des New Hollywood konnte es später also nicht um Grandezza gehen. Zu Stars, die ein Publikum noch immer verlässlicher erreichen als viele jüngere Kollegen, stiegen Meryl Streep, Jack Nicholson oder Robert De Niro auch deshalb auf, weil sie die überlebensgroße Gemachtheit einer spezifischen Ära gegen zeitlosen Naturalismus tauschten. Die mit Diane Keaton und Jane Fonda besetzte Komödie Book Club spielte in den USA gerade 70 Millionen Dollar ein. Vermutlich ist sie profitabler als mancher Blockbuster.

Stars bedeuten Rentabilität. Als es Tom Cruise zu Beginn der 1990er Jahre mit fünf aufeinander folgenden Filmen gelang, jeweils über 100 Millionen Dollar am heimischen Kinomarkt umzusetzen, schienen sich die alten Regeln der neuen Ökonomie anzupassen. So viel geballte Star-Power versprühten Schauspieler in Hollywood seit dem Zusammenbruch des Studiosystems nicht mehr. Cruise mobilisierte Zuschauer für jedwedes Material. Das Publikum stürmte in seine Filme unabhängig davon, ob sie rechtschaffene Anwälte, homoerotische Vampire oder erfolgsversessene Sportmanager zum Thema hatten. Diese Qualität, nichts anderes, trennt einen echten Star vom lediglich bekannten Namen. In der letzten Hochphase der Kassenmagneten wurden Schauspieler wie Tom Hanks, Julia Roberts und Jim Carrey auf beispiellose Art hofiert. Mit Rekordgagen und Gewinnbeteiligungen wollten Majorstudios ihre Profitgaranten bindungsfähig machen wie einstmals jene Tycoons, die über Aufstieg und Fall von Stars entschieden. Freilich hatten sich die Abhängigkeitsverhältnisse geändert: Cruise und Co. waren selbst zu Produzenten gereift.

Wahre Stars sind unersetzlich

Damit ließe sich erklären, warum die verbliebenen Stars des gegenwärtigen Hollywoodkinos entweder beinhart an früheren Modellen festhalten oder sie mit den Bedingungen der Monokulturalisierung durch etablierte Marken zu harmonisieren versuchen. Teils verstehen sie das besser als die Studios selbst. Universal glaubte offenbar ernstlich, die Horrorneuauflagen des sogenannten Dark Universe könnten als Starvehikel mit Johnny Depp und Russell Crowe vermarktet werden, obwohl beide längst nur noch Kassengift produzieren. Auch Tom Cruise ist kein Selbstläufer mehr, er muss sich notfalls in Lebensgefahr begeben, um den eingeschränkt tragfähigen Status eines Superstars halten zu können - als Architekt seiner Karriere scheint er das Geschäft des Franchise-Building soweit zu beherrschen, wie ihm die unmöglichen Missionen nicht ausgehen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu vorgeblichen Stars von Filmreihen wie dem Marvel Cinematic Universe. Während es Mission: Impossible ohne Tom Cruise nicht zum Megahit gebracht hätte, spielt es keine Rolle, wer als nächster Jedi-Ritter oder Superheld im Elastananzug durchs Kino jagt.

Für die Frage nach Starqualitäten ist somit auch der Erfolg dieser Blockbuster nicht allzu relevant. Den durch Franchise-Flops verbrannten Nachwuchstalenten Taylor Kitsch und Charlie Hunnam dürfte es kaum schlechter ergehen als Andrew Garfield und Shia LaBeouf, die zwar Höhenflüge hatten mit Hits, in welche Produzenten sie warfen und dann Stars schimpften, aber sonst kraft ihres Namens keinen einzigen Zuschauer ins Kino zu locken vermögen. Selbst Schauspieler, die das hin und wieder schaffen, etwa Mark Wahlberg oder Hugh Jackman, sind auf Franchise-Hilfe angewiesen. Bei dem einen findet nahezu jeder Film, der keine Fortsetzung ist, unter Ausschluss einer kostendeckenden Öffentlichkeit statt, bei dem anderen steht das Publikum jenseits von Wolverine nur bereit, wenn gesungen und getanzt wird. Niemand geht in Avengers Teil 100 und sagt "lass uns den neuen Chris Evans gucken". Die wenigsten Menschen wissen, wer Zoe Saldana ist, obwohl sie im erfolgreichsten Film aller Zeiten die Hauptrolle spielte. Keine Produktion, die Chris Hemsworth ohne Hammer zum Leading Man machte, wurde in den letzten Jahren ein Hit. Und auch Robert Downey Jr. kann nur durch Iron Man zu einem Star erklärt werden, der er nicht ist.

Logisch also, dass manche Marvel-Erfüllungsgehilfen ihre Arbeit wahnsinnig unterschätzt finden. Dass Listen über angeblich einträglichste Schauspieler von Samuel L. Jackson angeführt werden, der in den betreffenden Filmen gerade mal Kleinstauftritte absolviert. Und dass die wirklichen Stars des Gegenwartskinos nicht Chris Soundso heißen, sondern Namen von Comicfiguren und Themenparkattraktionen tragen. Dinosaurier und Diversity können einen Film zum Hit machen, Bruce Willis und Charlize Theron können es momentan nicht. Schon 2012 schrieb der Hollywood Reporter, die Franchise-Verbundenheit eines Hollywooddarstellers sei eine Voraussetzung, um noch als Star wahrgenommen zu werden. In diesem Abhängigkeitsverhältnis stehen auch die Filmstudios selbst, geradezu lustvoll haben sie sich dort hineinmanövriert. Franchise-Erfolge sind der einzige Grund für die alljährliche und von albernem Gewese über angebliche Bestmarken gestützte Behauptung, dem Kino gehe es besser denn je, obwohl die Ticketverkäufe keineswegs in die Höhe schnellen. Der unkontrollierte Paradigmenwechsel wird als Erfolgsstrategie vermarktet.

Der Kampf ums Überleben

Natürlich geben sich echte Stars nicht einfach geschlagen. Mit der Netflix-Zusammenarbeit haben Will Smith und Adam Sandler, zwei der fraglos größten Hitgaranten der vergangenen 20 Jahre, eine bemerkenswerte Konsequenz aus ihrer schwindenden kommerziellen Antriebskraft gezogen – und auch Denzel Washington treibt seine Karriere unbeirrt voran. Bricht man die Voraussetzungen des Starseins auf eine Fähigkeit zum Durchhaltevermögen im Sinne anhaltender Publikumsnähe sowie die unabänderlichen Bedingungen der Markenhörigkeit Hollywoods herunter, bleiben streng genommen lediglich zwei Schauspieler übrig. Da ist zum einen Leonardo DiCaprio, der demonstrativ um den Oscar rang und sich weiterhin mit handverlesener Stoff- und Regieauswahl große zeitliche Abstände zwischen seinen Kinoauftritten gönnt - überallhin scheint ihm das Publikum zu folgen, aufs Long Island der 1920er Jahre, an die Wall Street der Reagan-Ära und ins stinkige amerikanische Grenzland der Siedlerzeit. Leonardo DiCaprio dreht hochrentable Blockbuster, die weder Fortsetzungen noch Comicverfilmungen sind. Er hat, kurz gesagt, Star-Power.

Zum anderen ist da Dwayne Johnson, der als "Franchise-Viagra" getaufte Sequel-Verstärkung sowohl drohende Flops abwendete (Die Reise zur geheimnisvollen Insel, G.I. Joe: Die Abrechnung) als auch der wahrscheinlich beliebtesten Autofilmreihe der Kinogeschichte den entscheidenden Boost verlieh (Fast & Furious 5). In erster Linie profitiert nicht Johnsons Karriere von solchen Franchise-Verpflichtungen, sondern das Franchise-System von ihm - The Rock bildet ein buchstäblich massives Gegengewicht zu den vermeintlichen Stars der Disney-Fabrik. Seine Filme San Andreas, Central Intelligence und Rampage waren anständige Hits, Jumanji - Willkommen im Dschungel sogar der unwahrscheinlichste Erfolg des vergangenen Jahres. Anders als Leonardo DiCaprio setzt Dwayne Johnson auf Dauerpräsenz (die ihm gefährlich werden könnte) und ausgiebige Social-Media-Bespaßung (110 Millionen Abonnenten auf Instagram, mehr als jeder andere Schauspieler). Vielleicht lassen sich heutige Starimages nur noch über solche Ungleichmäßigkeiten wahrnehmen: An gegensätzlichen Polen, weil alles dazwischen wie ausgestorben ist.

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