Ein Interview mit Christian Petzold

Petzold über Phoenix: Kino darf keine Schule sein

Nina Hoss auf dem Poster von Phoenix
© Piffl Medien GmbH
Nina Hoss auf dem Poster von Phoenix

Nach Barbara beschäftigt sich Christian Petzold in seinem neuen Film Phoenix wieder mit einer Epoche deutscher Vergangenheit. Nina Hoss spielt Nelly, eine aus dem KZ befreite Jüdin, die 1945 in Berlin ihren Mann Johnny (Ronald Zehrfeld) sucht. Der erkennt sie wegen ihrer durch Verletzungen veränderten Gesichtszüge nicht wieder und so stellt sie sich ihm unter anderer Identität vor. Johnny denkt aber nur an eines: An die Erbschaft seiner totgeglaubten Frau zu kommen. Sein Mittel: Die Unbekannte soll Nelly spielen. Seit Donnerstag läuft Phoenix in den deutschen Kinos.

Als ich Christian Petzold in Berlin zum Interview treffe, stehen schon diverse, von Journalisten halb geleerte Wassergläser auf dem Tisch neben ihn und meines wird sich dazu gesellen. Petzold aber wirkt gut gelaunt und wir entdecken noch vor dem Klicken des Record-Buttons, dass wir beide die Filme von Johnnie To mögen. Wenn das kein guter Einstieg ist...

Im Interview mit moviepilot spricht Petzold offen über seine Inspiration für Phoenix, aber auch den Umgang deutscher Filme mit der Geschichte, die Augen von Robert Mitchum und den Einfluss des Fernsehens auf hiesige Filmemacher.

MOVIEPILOT: Herr Petzold, nach Barbara ist Phoenix ein weiterer Film, der in der Vergangenheit spielt. Haben wir es hier mit einem Zufall zu tun? 

CHRISTIAN PETZOLD: Auch Phoenix ist eine Idee aus den Achtziger Jahren gewesen. Aber ich hatte mir nicht zugetraut und auch die Produktionsmittel nicht zur Verfügung gehabt, historische Filme zu machen, weil dies einfach teurer ist. Und zum zweiten, weil ich irgendwie die Gegenwart einfach schön finde und ich konnte mir das nicht vorstellen, mit Kostümen und Kutschen oder Wehrmachtsuniformen und so - da ist man ja im Fernsehen umgeben mit dem ganzen Schwachsinn und das kann ich nicht. Und dann gab's ja diese vielen DDR-Filme, das wollte ich auch nicht. Ich konnte Honecker-Porträts nicht leiden. Ich kann Hakenkreuz-Binden nicht leiden, Schauspieler nicht leiden, die schneidend sprechen, wie Nazis wohl gesprochen haben in unserer [Vorstellung], obwohl das nur daher kommt, dass die Mikrophone der Wochenschau so schlecht waren, da kommt der Brüllstil ja auch her. Und dann hatte ich, als ich Barbara gedreht habe, ein Liebespaar vor mir gehabt, Nina Hoss und Ronald Zehrfeld, wo ich dachte, die könnte ich auch noch auf eine zweite Reise schicken in die Vergangenheit und die sind so gegenwärtig, so physisch, dass sie das Gegenteil von Theater sind.

MP: Sie hatten ja verschiedene Quellen, einerseits der Kriminalroman "Le Retours des Cendres" von Hubert Monteilhet, dessen Plot ähnlich ist, andererseits die Kurzgeschichte "Ein Liebesversuch" von Alexander Kluge, die wahrscheinlich eher thematisch relevant ist. Wie muss man sich das vorstellen, diesen Prozess, wie die verschiedenen Quellen, z.B. auch der Film noir und die Musik, in einen homogenen Film umgesetzt werden, wenn man die Idee entwickelt? 

PETZOLD: Die Homogenität hat man so im Kopf, aber man muss sie ja mitteilen, man muss ja kommunizieren, Kino, Filmemachen besteht ja darin, dass man redet. Und zwar redet ja nicht nur Regie mit Schauspielern, sondern man redet mit Szenenbildnern, man redet mit Geldgebern. Wenn man redet, muss man eine Erzählung haben. Die muss zusammenpassen. Und die beiden Texte, also der Monteilhet, die Plot-Geschichte, und der entsetzliche Text, also entsetzlich in dem, wovon der handelt, von Kluge, dass eben der deutsche Faschismus einen Graben gerissen hat, über den wir nicht mehr hinwegkommen, wir kommen nicht mehr zurück zu der Leichtigkeit der Komödien, der Leichtigkeit der Tanzbewegungen, der schönen süßen Schritte von Lilian Harvey. Und so kommen auch die Protagonisten nicht zurück zur Liebe, aber sie haben Sehnsucht dahin zurück zu kommen, wo sie einmal nicht von den Nazis selektiert und eingeordnet und kategorisiert worden sind. Diese Sehnsucht, die in dem Text drin steckt von Kluge und der Plot von Monteilhet haben zusammen im Grunde genommen mir den Film vorstellbar gemacht.  


MP:
Das Lied "Speak Low" von Kurt Weill spielt eine besondere Rolle in Phoenix. Es ist 1943, also während des Krieges, entstanden und drückt diese Sehnsucht aus, den Traum von einer anderen Welt. Wie sind sie darauf gekommen? 

PETZOLD: Es ist so, dass Kurt Weill ja auch als Jude mit Lotte Lenya nach Amerika gegangen ist und dort 1943 dieses Musical geschrieben hat, aus dem das Lied "Speak Low" stammt. Das Musical [One Touch of Venus] ist dann später verfilmt worden mit Ava Gardner und erzählt von einem Trottel, der seine Freundin heiraten möchte und er kauft die Trauringe und dann wollen sie sich im Museum treffen, um zu schauen, ob die Trauringe passen. Dort in dem Museum ist er zehn Minuten zu früh und da ist eine Statue der Venus und sie hat so wunderschöne schlanke Hände, die ihn an seine Freundin erinnern und er steckt so in Gedankenlosigkeit diesen Ring der Venus an den Finger. Diese Venus ist eine verwunschene Frau, die seit 2000 Jahren zu Stein geworden ist. Ein Fluch liegt auf ihr. Erst wenn ein Mann ihr die Ehe anbietet, darf sie wieder Mensch werden. Und das ist natürlich das Eheversprechen. Und dann wird sie Fleisch, zu Ava Gardner und Ava Gardner muss sich in den verlieben, der ihr die Ehe anbietet und sie muss sich verlieben in diesen Trottel. Und dann macht sie alles, um mit diesem Trottel glücklich zu sein. Es klappt nur nicht. Sie erkennt nach drei Monaten, dass er ein vollkommener Hirnie ist und dann sagt sie: "Ne, das hat keinen Sinn, ich geh' zurück ins Museum und werde lieber wieder zu Stein". Und dann geht sie in das Museum zurück und stellt sich auf diesen Steinblock und wird langsam zu Stein und singt dabei das Lied "Speak Low", weil sie sagt: "Der Moment, wo ich aus Stein wieder zu Fleisch wurde, diese paar Momente sind die schönsten und die werde ich nie vergessen. Alles andere ist scheiße." [lacht] 

[Spoiler] Und dieses Lied passt dann so [in Phoenix], weil [Nelly] auch diesen Moment besingt am Ende des Films, wo es die Liebe gegeben hat, aber sie muss weggehen, es wird nicht mehr wiederherstellbar sein. Als wir das Lied ausgewählt haben, hab ich es nur ausgewählt, weil ich es schön finde und weil ich Kurt Weill großartig finde. Aber ich hab nicht gewusst, dass die Grundgeschichte der so ähnlich ist. Weil [Johnny] ja auch in dem Keller unten eine Frau formt wie der Pygmalion und das Thema bei Kurt Weill ist auch ein Pygmalion-Thema. Jemand macht eine Statue und verliebt sich in sie. Er baut eine Statue und will sie verkaufen. Nicht verlieben, sondern er will sie verkaufen, das ist der Unterschied. Er will Geld verdienen mit ihr und sie möchte geliebt werden und es ist nicht mehr herstellbar und sie geht weg. [/Spoiler


MP:
Das Musical wurde verfilmt, die Geschichte von Monteilhet wurde von J. Lee Thompson verfilmt und die Verbindung zum Film noir liegt recht nahe, wobei dessen charakteristische Licht-Schatten-Setzung in Phoenix ja nicht imitiert wurde. Der Keller wirkt bühnenhaft und ist sehr hell ausgeleuchtet. Der Club erinnert schon eher an einen Film noir-Ort wie in Der Dritte Mann. Haben sie in der Vorbereitung bestimmte Filme geschaut und ihren Schauspielern gezeigt? 

PETZOLD: Wir gucken immer vor jedem Film ganz viele Filme, aber nicht Filme, die thematisch meinem ähneln, sondern Filme, aus denen man ein Gefühl bekommen kann für die Zeit, auch für Blicke. Wir haben zum Beispiel Out of the Past angeschaut von Jacques Tourneur. Da hab ich gesehen, dass die Augen von Jane Greer und die Augen von Robert Mitchum immer zwei Lichter bekommen haben und dadurch wurden sie wässrig und tief, wie kleine Seen. Das ist ja ein Film noir, dieses Hell-Dunkel, zwei, die nicht mehr dazugehören, ein Liebespaar, das unmöglich ist, das auf der Flucht ist. Wenn die sich anschauen, sie belügen sich die ganze Zeit, sie hintergehen sich in dem Film, sie erschießen sich auch gegenseitig zum Schluss. Aber in den Augen ist die gesamte Sehnsucht nach unschuldiger Liebe auch vorhanden und das wollte ich so machen. Das haben wir aus diesem Jacques Tourneur-Film. 

Dann haben wir Der Verlorene mit Peter Lorre geschaut, der ein Rückkehrerfilm ist. Wir haben Rossellinis Deutschland im Jahre Null geschaut, wo man sehen konnte, dass der Sommer '45 ein wunderbarer, heller, klarer, heißer Sommer ist, ganz anders als der, den wir jetzt hier haben. Und da hab ich gesagt, wir müssen weg von diesen grauen Bildern, die man sonst mit '45 verbindet. Das Grün muss leuchten, das Rot muss leuchten und wir drehen Cinemascope, weil der Raum zwischen den beiden der wichtige Raum ist. So haben wir uns vorbereitet.  


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moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.
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