Regeln für Nacktszenen - So wirkt MeToo sich auf Filme und Serien aus

Emilia Clarke in Game of Thrones
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Meint es gut mit den Menschen.

Vor anderthalb Jahren setzten die Anschuldigungen gegen Filmproduzent Harvey Weinstein, den mehr als 80 Frauen der Übergriffigkeit und Vergewaltigung bezichtigten, eine Diskussion um Fehlverhalten und sexuelle Gewalt in Gang. Während zahlreiche weitere Prominente mit ähnlich gelagerten Vorwürfen konfrontiert wurden, teilten unter dem Hashtag #MeToo weltweit Missbrauchsopfer ihre Erfahrungen. Eine von Hollywood-Persönlichkeiten wie Meryl Streep und Reese Witherspoon unterstützte Initiative namens Time's Up legte ihren Schwerpunkt auf Angriffe und Ungleichheit am Arbeitsplatz.

Die Zeit ist abgelaufen

In der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie wurde MeToo zum intersektional verhandelten Thema. Beobachten ließ sich eine Verknüpfung der Kritik an Missbrauchsstrukturen mit Diversity-Forderungen, wonach Kämpfe gegen sexuelle Gewalt die generelle Benachteiligung von Frauen und Minderheiten berücksichtigen müssten.

Exemplarisch dafür ist der Inclusion Rider, eine 2018 von Frances McDormand popularisierte Bestimmung, mit der Unternehmen sich zu mehr Vielfalt verpflichten können. Auch wurde öffentlich über Gehälter diskutiert, nachdem Mark Wahlberg im Vergleich zu Co-Star Michelle Williams für dieselbe Arbeit eine 1500 Mal höhere Gage erhielt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der MeToo-Komplex auf grundsätzliche Formen von Unterdrückung und Ungleichbehandlung ausgeweitet, was in Teilen problematische Züge trug (verschiedene Ausprägungen und Schweregrade von Diskriminierung wurden zusammengefasst und mit dem ursprünglichen Vorwurf der körperlichen Gewalt vermengt).

Im Mittelpunkt der Bemühungen, MeToo durch Änderungen innerhalb der Film- und Serienwirtschaft produktiv zu machen, standen unter anderem Casting-Prozesse und Dreharbeiten, die besonders anfällig für herabwürdigende Situationen seien.

Ein Vetorecht für Nacktszenen

Ermöglicht werden soll ein Arbeitsumfeld, das bisherige Machtstrukturen auflockert - also bei den systemischen Eigenschaften der Unterhaltungsindustrie ansetzt. HBO, ein Riese unter den US-Programmanbietern, preschte doppelt vor. Als Tochtergesellschaft von WarnerMedia, dem ersten großen Medienunternehmen, das einen Diversity-Grundsatz verankert hat, erfüllt der Sender besagte Inklusionsvorgaben seit 2018. Entscheidend ist dabei die Einführung eines Überwachungssystems für freizügige Inhalte von HBO-Serien wie Game of Thrones oder The Deuce.

Diese als Nudity Rider bezeichneten Zusatzklauseln regeln persönliche Bedürfnisse der an Nackt- oder Sexszenen beteiligten Personen, um eine Bildproduktion im kompletten Einvernehmen mit den Künstlern zu gewährleisten. Festgehalten werden dem Hollywood Reporter zufolge sämtliche Einzelheiten der Inszenierung.

So habe Emilia Clarke in Game of Thrones ein Mitbestimmungs- und Vetorecht an der Darstellung jedweder Nacktheit. Ebenso könne Elisabeth Moss, Hauptdarstellerin und Produzentin der Serie The Handmaid's Tale, über alle von ihr entstandenen Aufnahmen und deren Verwendung entscheiden.

Zugleich seien die Regelungen für betroffene Schauspielerinnen und Schauspieler nicht bindend. Einwände gegen Sexszenen oder die Art ihres Zustandekommens hätten auch dann keine Konsequenzen, wenn solche Szenen ausgemacht und daher vertraglich durchsetzbar sind.

Was für manche sonderbar oder unprofessionell klingen mag, soll durch Verringerung des Leistungsdrucks einem möglichen Machtmissbrauch dort vorbeugen, wo insbesondere Frauen von Produzenten zu Nackt- und Sexszenen überredet würden. Über derartige Vorkommnisse berichteten im Lichte von MeToo zahlreiche Schauspielerinnen, darunter Evangeline Lilly, die während der Dreharbeiten zur Serie Lost bedrängt worden sei.

Intimitätskoordination, oder: strukturierter Sex

HBO und der Streaming-Dienst Netflix unterhalten jetzt sogenannte Intimitätskoordinatorinnen (Englisch: intimacy coordinators), die gewissermaßen einen neuen, nicht zufällig hochförmlich klingenden Berufszweig erschließen. Sie fungieren in der Film- und Fernsehproduktion als Kollektiventscheidungen herbeiführende Vermittler, sind aber ganz dem Wohl der Schauspielerinnen und Schauspieler verpflichtet. Zu ihrer Arbeit gehören die Koordination von simuliertem Sex, die Sicherstellung eines möglichst angenehmen Arbeitsklimas und assistierende Aufgaben, etwa Hilfe bei der Bedeckung von Körperteilen.

Ehe die erste Klappe zur Netflix-Serie Sex Education fiel, hätten Besetzung und Crew im Rahmen eines Workshops die Grundlagen der neuen Arbeitsteilung erlernt, berichtet Mashable. Intimitätskoordinatorin Ita O'Brien versuche der Durchführung von Sexszenen demnach Struktur zu verleihen und Bloßstellungen zu vermeiden. Bei HBO-Formaten wie Crashing oder Watchmen übernimmt Alicia Rodis diesen Job. Ihre Verpflichtung geht auf eine Initiative der Schauspielerin Emily Meade zurück, die sich am Set der von Pornographie und Prostitution erzählenden Serie The Deuce schutzlos gefühlt habe.

Zur Begeisterung seiner personellen Flagschiffe versprach HBO, künftig keine Serien ohne Intimitätskoordination zu produzieren. David Simon, der Showrunner hinter The Deuce, erklärte dem Rolling Stone, er wolle nie mehr auf die Vertrauen schaffende Arbeit von Frauen wie O'Brien oder Rodis verzichten.

Unerwähnt blieben indes die Anschuldigungen gegen James Franco, der als Hauptdarsteller, Produzent und Regisseur eines der Aushängeschilder von The Deuce ist. Mehrere Kolleginnen bezichtigten Franco der Belästigung, auch die Schauspielerinnen Ally Sheedy und Busy Phillips warfen ihm unangemessenes Verhalten vor.

MeToo als Symbolpolitik

Darin liegt nicht unbedingt ein Widerspruch zum offensichtlichen Bemühen, die Arbeit von Frauen in der männlich dominierten Film- und Serienwirtschaft zu erleichtern. Vielmehr offenbaren stolze Selbstverpflichtungen, mit denen Unternehmen reinen Tisch zu machen behaupten, ein imagetaugliches Kalkül, das im Zweifel folgenlos bleibt.

Nachdem der ehemalige Pixar-Chef John Lasseter wegen mutmaßlich schweren Fehlverhaltens seinen Posten bei Walt Disney räumen musste, übernahm er eine Führungsposition im Hause des Konkurrenten Skydance Animation.

Ein von Problemlösung durch Repräsentation überzeugtes Engagement gegen Diskriminierung muss sich zwangsläufig in solcherlei Opportunismus und Scheinheiligkeit verstricken. Besinnungslos werden Projektentscheidungen gewinnorientierter Unternehmen gefeiert, als seien Filme wie Black Panther oder Captain Marvel tatsächlich gesellschaftliche Befreiungsschläge.

Die Konstruktion von Meilensteinen führt geradewegs zur Negation filmhistorischer Errungenschaften. Brie Larson kann unwidersprochen behaupten, sie hätte den Weg geebnet für Filme mit Frauen in der Hauptrolle, die eine Milliarde Dollar umsetzen. Was natürlich Unsinn ist.

Vor Hollywoods Verwertungslogik sind insbesondere noble Ideen nicht gefeit. Daher bleibt abzuwarten, ob die Richtlinien zur Darstellung von Nacktheit und Sex über reine Symbolpolitik hinausgehen. Wenn Schauspielerinnen und Schauspielern vertraglich zugestanden wird, sie könnten über die Zerstörung nicht genutzten oder unerwartet expliziten Filmmaterials verfügen, obwohl das schon technisch höchst zweifelhaft ist, gerinnen großspurig angekündigte Sicherheitskonzepte zur Glaubenssache.

Ein zweiter Text über das Thema erscheint am Freitag, den 19. April.

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