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Genauer Hingeschaut

Schaulust & Social Media im Horrorfilm

08.09.2014 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Psychoterror übers Netz - Open Windows
© Antena 3 Films
Psychoterror übers Netz - Open Windows
Schaulust war schon immer ein beliebtes Thema im Horror-Film. Doch während der Täter sein Opfer früher aus unsicherer Entfernung beobachtete und selber sichtbar war, nutzt er heute die Anonymität neuer Medien und Techniken.

Der Horrorfilm lebt von Remakes, Prequels und Sequels. Altbekannte Serienkiller, Dämonen und andere Monster werden immer wieder aus dem Schauerkabinett der Horror-Historie  hervorgekramt, um noch blutrünstiger, noch grausamer und noch effektiver ihre Opfer zu terrorisieren. Allerdings ist Horror auch ein Genre, das sich aktuellen gesellschaftlichen Phänomen und zeitgenössischen Entwicklungen anpasst. Verändert sich eine Gesellschaft, so verändern sich auch ihre Ängste. Das Monströse nimmt ein neues Gesicht, oder zumindest neue Formen an. 

Sko­po­phi­lie, also die extreme Schaulust, ist seit je her ein beliebtes Thema des Horror-Genres. Ein frühes Beispiel ist der 1960 erschienene Horrorklassiker  Augen der Angst - Peeping Tom  von Michael Powell, in dem ein Mörder seine weiblichen Opfer vor laufender Kamera tötet. Doch auch in Schockern neueren Datums steht die Kamera zwischen dem schaulustigen Täter und seiner Beute: So schaut Jigsaw in Saw gern über den Monitor dabei zu, wenn seine Opfer versuchen, dem von ihn inszenierten Todesfallen zu entrinnen; in  Motel (mit Luke Wilson und Kate Beckinsale als frisch verheiratetes Pärchen) werden ahnungslose Hotelgäste für die Produktion von Snuff-Filmen missbraucht. Nur versteckt der zeitgenössische Psychopath gern hinter der Kamera oder der Anonymität des Internets. In der selbstironischen Genre-Persiflage The Cabin in the Woods steckt sogar eine ganze Geheimorganisation, die sich prächtig dabei amüsiert, Teenagern in einer mit Kameras ausgestatteten Hütte beim Sterben zuzusehen, hinter dem inszenierten Massaker. 

Jüngst flimmerte Open Windows über die Leinwände des Fantasy Film Festivals. Ex-Pornostar Sasha Grey spielt eine launische Schauspielerin, deren Fans Online ein Treffen mit der Diva gewinnen konnten. Das Los fällt auf Elijah Wood (der sein Talent aus psychopathischer Killer bereits in Alexandre Ajas Maniac überzeugend unter Beweis stellen konnte), leider sagt das zickige Sternchen das Date ab. So verschafft sich der gekränkte Fan mit Hilfe eines ominösen Fremden Zugriff auf ihre Webcam. Die Stalker-Opfer-Geschichte ist nicht wirklich neu, innovativ ist aber die Darstellungsform von Open Window. Regisseur Nacho Vigalondo inszeniert den Film vollständig in einer Desktop-Optik. Wo Alfred Hitchcock noch realen Baustoff brauchte, folgt der Zuschauer dem Treiben des Täters nun über das geöffnete Fenster des Web-Browsers. 

Regisseur Phil Hawkins geht in The Last Showing noch einen Schritt weiter und betreibt ein Spiel mit den verschiedenen Ebenen: Wollen die Zuschauer eigentlich der eigenen der Lust nach filmischen Vergnügen nachkommen, stehen sie im Kino selbst unter der makaberen Regie eines psychopatischen Mörders gespielt von Robert Englund, der dem geneigten Horror-Fan noch in seiner Parade-Rolle als Freddy Krüger bekannt sein sollte. Dieser verlor seinen Job als Filmvorführer dank moderner Kinotechniken, die seine Funktionen überflüssig machen. Anstatt klebriges Popcorn zu verkaufen, nutzt das System von Überwachungskameras, um eine Vorstellung ganz nach seinen eigenen Wünschen zu inszenieren.  Das Pärchen wird getrennt, terrorisiert und auf der Leinwand im Kinosaal wird das Schicksal des Einen dem Anderen sichtbar. In dem Versteckspiel bleibt der Täter aber dennoch im Verborgenen.  

Eine Reihe von Horrorfilmen nimmt auch die Internetaffinität der User zum Anlass für Tod und Terror. In The Den logt sich eine junge Frau im Rahmen ihrer Diplomarbeit in einen Video-Chat ein, um das Verhalten der User zu untersuchen. Doch dann wird sie live zum Zeuge eines brutalen Mordes an einem jungen Mädchen. Auf der Suche nach dem Täter gerät sie selbst in gefährliche Abgründe des Internets. Und auch in Chatroom finden manche User Gefallen daran, andere Menschen zu manipulieren oder vor laufender Kamera zu töten. Auch das Ausspionieren des Opfer mithilfe von sozialen Netzwerken wie Facebook verhilft dem Stalker, seine Opfer zu erreichen. 

Die Liste derartiger Filme lässt sich noch bis ins Unendliche fortführen. Anspruch und Qualität der einzelnen Streifen mögen sehr schwanken, aber die Thematik ist eine ähnliche. Während das Opfer sich durch Online-Auftritte mehr oder weniger transparent macht, bieten das Internet und ausgeklügelte Überwachungssysteme  dem Täter die Möglichkeit der Anonymität - ein Gedanke, der in Zeiten von Überwachung und Abhörskandalen höchst aktuell ist. Ohne seine  physische Anwesenheit ist der Stalker dennoch in Filmen wie Open Windows dem sicher geglaubten Heim des Opfers präsent. Da er aber unsichtbar bleibt, ensteht ein immer stärkeres Ungleichgewicht im Handlungsspielraum von Jäger und Gejagtem. Man darf gespannt sein, ob und mit welcher Radikalität - ob im Horrorfilm oder der Realität - sich diese Tendenz weiter entwickelt. 

Wo seht ihr die Zukunft des Spanners im Horrorfilm? Kann er noch einen Schritt weiter gehen?

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