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Es war nicht leicht so schwul zu werden...

04.07.2009 - 10:00 Uhr
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Come out, come out, wherever you are! Die CSD-Saison ist da und Brüno sowieso… Genau die richtige Zeit, um mal einen Blick aufs schwule Kino zu werfen. Es war ein langer Weg nach Brokeback Mountain…

Wir sind mittlerweile daran gewöhnt, küssende Männer zu sehen. Kaum eine Comedy kommt ohne einen schwulen Freund aus. Aber das war nicht immer so. Die Älteren von uns erinnern sich vielleicht noch an die Diskussionen, als in der Lindenstraße ein Schwuler einzog. Und bis zu Queer as Folk und Brokeback Mountain war es ein langer Weg…

Als Hollywood gerade sprechen lernte, war es nicht nur ein Synonym für erfolgreiche Filme, Glamour und Stars. Immer wieder kam es zu aufsehenerregenden Schlagzeilen über Drogenexzesse, Gewalt und sexuelle Ausschweifungen. Politiker und Religiöse prangerten immer wieder an, dass Kinofilme schuld seien am Sittenverfall der Jugend, an deren Drogenkonsum und generell an Gewalttätigkeit. Diese Sicht kommt einem doch irgendwie bekannt vor, oder? Im Jahre 1934 gaben die Studios Hollywoods dem Druck von gesellschaftlichen und religiösen Gruppen nach und schufen mit der Production Code Administration eine Einrichtung zur Zensur und Überwachung ihrer Filme.

Die Richtlinien des Hays Code beinhalteten unter anderem, dass kein Ehebruch gezeigt werden durfte. Jeder Verbrecher musste bestraft werden, Sex und Gewalt wurden verboten – und eben auch die Darstellung von Homosexualität. Es gibt also im klassischen Hollywood keine Filme, die wir heute schwul oder lesbisch nennen könnten. Es blieb nur die Möglichkeit des Publikums, was sie nicht sehen durften in das hinein zu interpretieren, was ihnen vorgesetzt wurde.

Wir als Zuschauer nehmen nicht einfach tumb nur auf, was vor uns auf der Leinwand flackert. Wir picken uns beim Gucken die Sachen raus, die uns wichtig erscheinen. Jeder von uns kann also etwas anderes in einem Film entdecken. So sind zum Beispiel Filme mit Danny Kaye auffällig, da er, wie in Das Doppelleben des Herrn Mitty oder Der Hofnarr, Rollen spielt, die allesamt eher unmännlich sind. Ein schwuler Zuschauer konnte hier also ansetzen und für sich erkennen, dass Mitty oder Hawkins ebenfalls schwul sind, da sie eben nicht dem heterosexuellen Klischee entsprechen.

Bei uns lieferte zum Beispiel Gustaf Gründgens solche Ansätze. In Filmen wie Tanz auf dem Vulkan oder Kapriolen zeigen seine Rollen eindeutig tuntige Ausdrucksweisen. Ein heterosexueller Zuschauer, der nicht mit sowas vertraut war, sah die Figur lediglich als exzentrisch – ein homosexueller Zuschauer jedoch konnte solche Zeichen sofort erkennen und in seine Interpretation der Handlung einbauen. Insgesamt gesehen waren deutsche Filme bis zur Nazizeit jedoch um einiges freier als ihre amerikanische Konkurrenz. Filme wie die Originalfassung von Mädchen in Uniform von 1931 behandeln Homosexualität dagegen fast schon offensiv.

Ein kleiner Einblick in Kapriolen – und damit Gründgens nicht ganz so tuckig wirkt, zeigt Fita Benkhoff am Ende, dass ihre Rolle genauso gut eine Transe sein könnte…

Filmemacher fanden immer wieder Möglichkeiten, Homosexualität einzubringen, ohne dass sie sofort zu erkennen war. Josef von Sternberg zum Beispiel liess Marlene Dietrich in Marokko – Herzen in Flammen im Frack auftreten und eine Frau küssen – natürlich verlangte der Zensor, dass so eine skandalöse Szene rausgeschnitten wird. Dumm gelaufen, denn sonst würde der Rest der Szene keinen Sinn mehr machen. Die Geküsste gibt Marlenes Amy Jolly nämlich eine Rose, welche diese später an ihren Liebhaber weitergibt – und ohne die Kussszene wäre nicht ersichtlich, wo auf einmal die Rose herkam…

Marlene Dietrichs berühmte Kusszene aus Morocco

Im Jahre 1961 ging William Wyler noch einen Schritt weiter und versetzte dem Hays Code, der obersten Zensurrichtlinie, regelrecht den Todesstoss. Sein Film Infam mit Audrey Hepburn und Shirley MacLaine behandelt die tragische Geschichte zweier Lehrerinnen. Die eine verliebt sich in die andere, gesteht ihr ihre Liebe und zerbricht daran. Die Zensoren verlangten Änderung über Änderung. Letztendlich ging es aber um die Thematik des Filmes an sich. Wyler liess sich nicht umstimmen und bestand darauf, dass der Film so oder gar nicht erschien – und er erschien. Damit war der Hays Code quasi wirkungslos geworden.

Die Zensur verschob sich mehr in Richtung TV. Während das Kino immer freier wurde, wurde im Fernsehen munter weiter zensiert. Auch zu einer Zeit, als Janet Jackson noch gar keinen Busen hatte… 1981 tauchte mit Steven Carrington die erste wirklich schwule Rolle im amerikanischen Fernsehen auf. Bis dahin waren alle anderen Rollen entweder eine Parodie oder nur angedeutet. Im Denver Clan gab es zum ersten mal einen Homosexuellen, der nicht nur dazu stand, sondern der auch mit seiner Identität und den Reaktionen seiner Familie kämpfte. Der Sender bestand jedoch darauf, dass es in Szenen mit seinem Ex-Freund zu keinerlei Berührung kam. Später wurde seine Figur umgeschrieben, so dass er Beziehungen zu Frauen hatte, da sich der Sender um die Einnahmen sorgte und fürchtete, dass Werbekunden abspringen.

Von Serien und Produktionen im amerikanischen PayTV wie HBO einmal abgesehen, hat es im frei empfangbaren, nationalen TV in den USA bis heute immer wieder Bedenken gegeben, ob man einem Publikum küssende Männer zumuten kann. Besonders auffällig ist das bei Will&Grace, wo es ja um einen Schwulen und seine beste Freundin geht, und die ersten Jahre trotzdem immer nur Grace Beziehungen hatte. 2000 zeigte die Serie dann den ersten schwulen Kuss im amerikanischen Network TV – und selbst der ist einfach nur ein Schmatzer. Zum Vergleich: im deutschen Fernsehen lief der erste schwule Kuss 1977 im Fernsehfilm Die Konsequenz. Ganz Deutschland? Nein, eine von unbeugsamen Programmdirektoren bevölkerter Sender hörte nicht auf dem Eindringling Widerstand zu leisten. Der Bayerische Rundfunk klinkte sich kurzerhand aus dem ARD-Programm aus.

Wenn das Thema jetzt Euer Interesse geweckt hat und Ihr gerne mehr erfahren wollt, schaut Euch doch mal The Celluloid Closet oder Fabulous! The Story of Queer Cinema an – hier zum Abschluss noch ein Clip aus ersterem…

Was meint Ihr? Sehen wir zu viele Schwule und Lesben im Fernsehen und im Kino? Und ist es überhaupt eine realistische Darstellung? Ist es vielleicht besser, Schwule gar nicht zu zeigen, statt sie ständig nur als Kreischtunten darzustellen, wie in Sitcoms auf RTL oder Sat1? Und hat die Bild-Zeitung Recht, wenn sie in Frage stellt, ob man sowas wie Queer as Folk im deutschen Fernsehen zeigen darf?

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