Searching: Computer-Erzählungen bieten perfektes Spannungskino

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Searching: John Cho im Desktop-Film (Screen Movie)
21.09.2018 - 08:50 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Searching gehört zur noch jungen Filmart der Screen Movies, die sich, nur am Computer-Desktop erzählt, perfekt dazu eignen, dem Zuschauer eine unmittelbare Thriller-Erfahrung zu beschweren.

Am Donnerstag ist mit Searching ein Thriller im Kino gestartet, der als sogenannter Desktop-Film (Screen Movie) die Geschichte eines nach seiner verschwundenen Tochter suchenden Vaters (John Cho) ausschließlich über einen Computer-Bildschirm erzählt. Von allen Filmen dieser besonderen Machart, die ich bisher gesehen habe, nehme ich vor allem eine Erkenntnis mit: Sie eignen sich perfekt als Hochspannungs-Thriller-Kino, das den Zuschauer packt und effektiver als andere investigative Krimis am Geschehen auf der Leinwand teilhaben lässt.

Was macht Screen Movies wie Searching so besonders?

Gewissermaßen als Unterart des Found-Footage-Genres, das seine Daseinsberechtigung aus Home-Videos, Überwachungskamera-Aufnahmen und sonstigen in der Handlung greifbar verorteten Aufzeichnungen zieht, ist der Desktop-Film noch nicht sehr alt. Timur Bekmambetov goss ihn in einem Manifest  in eine (von ihm) festgelegte Form, die dem dazugehörigen Werk vor allem eine am Computer nachvollziehbare Einheit des Ortes, der Zeit und des Tons abverlangt. Wie sich ein Protagonist (wie John Cho in Searching) im Internet oder am Gerät durch die virtuelle Realität des Film "navigiert", muss für das Publikum dabei stets nachvollziehbar sein. Das spricht strenggenommen gegen Musik, die nicht durch das Einschalten eines Players begründet wird, und auch Schnitte innerhalb des Bildschirms sind eigentlich Tabu (was aber bei Searching nicht immer eingehalten wird).

Searching

Noch ist die Liste der Desktop-Filme überschaubar: Auf Bekmambetovs erstes (produziertes) Werk Unknown User folgten Searching und sein hierzulande bisher nur auf der Berlinale gezeigter eigener Film Profile, der dem Thriller einer Undercover-Journalistin noch zusätzlich eine bedrohliche politische Komponente hinzufügte und für mich der bisher beste Desktop-Film ist. Weitere Screen Movies, wie Unknown User: Dark Web, der uns zuletzt einen gruseligen ersten Desktop-Trailer bescherte, sind längst in Planung. Bekmambetovs (z.B. gegenüber The Verge ) erklärtes Ziel ist es dabei, die besondere Machart seiner Screen Movies zu einem eigenen Genre werden zu lassen, das sich längst nicht nur auf Horrorfilme beschränkt. In Searching ist die Spannungserzeugung dabei als Thriller definitiv schon einmal gelungen.

Warum eignet sich der Desktop-Film so gut zur Spannungserzeugung?

Ich fiebere bei einem Krimi oder Thriller im Laufe des Geschehens mit, weil ich mich erfolgreich in das, was die Figuren vor mir auf der Leinwand (oder dem Bildschirm) erleben, einfühlen kann - wenn sie bei geheimen Ermittlungen fast erwischt werden, beschleunigt sich auch mein Herzschlag, und wenn sie schockierende Entdeckungen machen, dann kann das auch mich mitnehmen. Doch der Desktop-Film hat insbesondere in investigativen Erzählungen einen Vorteil, den andere Journalisten, Privatdetektive, Polizisten und Amateur-Spürnasen nicht haben: Das Screen Movie lässt den Zuschauer unmittelbarer am Geschehen teilhaben.

Ich will "klassisch" erzählte Krimis à la Verblendung durchaus in allen Ehren halten, in denen Polit-Reporter oder andere Ermittler sich in ihre Untersuchungen stürzen, um verstaubten Akten oder vergrößerten Fotos wichtige Hinweise abzuringen. Doch so schön es auch sein kann, Julia Roberts in Die Akte oder Erin Brockovich beim Aufdecken von Verschwörungen zuzuschauen, Tom Hanks in The Da Vinci Code - Sakrileg bei der Spurensuche mithilfe von alten Gemälden zu begleiten oder Richard Gere in Zwielicht unterstrichene Bibelstellen entdecken zu sehen: Im gewohnten "Nachforschungs-Film" dürfen wir die große Entdeckung zwar bezeugen, jedoch nicht daran teilhaben.

Unknown User

Anders ist es im Desktop-Film: Weil jeder einen Computer zu Hause hat und weiß, wie er sich darauf bewegt, Suchmaschinen benutzt und Medien anschaut, ist die Erfahrung einer empfundenen Teilnahme an den Ermittlungen hier deutlich stärker - auch wenn wir strenggenommen natürlich Zuschauer bleiben. (Ich würde sogar behaupten, dass selbst Windows-Nutzer sich nicht allzu sehr an den bisher nur auf Macs "gedrehten" Filmen stören dürften, weil die meisten Funktionen sich eben doch ähneln.) Weil wir Zuschauer Entdeckungen im selben Moment machen wie der Protagonist, der den Mauszeiger bewegt, erleben wir Erkenntnissprünge intensiver, als wenn wir erst ein erstauntes Gesicht und dann erst (nach einiger Verzögerung) ein vergrößertes Foto oder eine unterstrichene Aktenzeile sehe. Im Rahmen seines eingeschränkten (Desktop-)Sichtfeldes, wird der Zuschauer hier selbst zum Detektiv.

Unabhängig davon, ob einem die erzählte Geschichte zusagt oder ob nun der Regisseur die Dreherfahrung niemals wiederholen will, kann sich jeder heutige Internet- und Geräte-Nutzer in den Gebrauch der gezeigten Medien einfinden. Wer kennt es zum Beispiel nicht, dass im Chat angefangene Nachrichten wieder gelöscht werden, weil der Gesprächspartner darauf schon vor dem Abschicken geantwortet hat? Wenn John Chos David Kim seine abwesende Tochter beim Durchstöbern ihrer Social-Media-Profile von einer neuen Seite kennenlernt, ist es, als würden wir selbst durch Klicks Verbindungen herstellen, Hinweise auf vertaggten Bildern suchen, ihre Freunde kontaktieren oder falschen Verdächtigen hinterherspionieren. Es ist ein hautnahes Erleben, das wir aus dem Alltag kennen und deshalb auf uns übertragen können, obwohl wir vielleicht selbst noch keinen Thriller am eigenen Leib erfahren haben. Doch durch die Verknüpfung des Fiktivem mit dem Bekannten können Screen Movies neue Perspektiven der Spannungserzeugung eröffnen, die sich perfekt für Anteil nehmende Krimi-Unterhaltung eignen. Zumindest ging es mir so, als ich mir beim Schauen von Searching unaufhörlich eigene Ermittler-Gedanken machte und meine Finger bei jeder neuen Wendung und Entdeckung in den Kinosessel krallte.

Habt ihr schon Screen Movies geschaut? Welche Wirkung hatten sie auf euch?

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