The Boys bei Amazon: Die Anti-Avengers liefern Gewaltorgien mit Augenzwinkern

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Mag: Schräges, dunkle Psychologie und komplexe Serien.

Der nichtsahnende Elektronik-Verkäufer Hughie (Jack Quaid) knutscht händchenhaltend seine Freundin. Die beiden reden am Anfang von The Boys gerade übers Zusammenziehen. Doch was für ein Schock: Von einem Moment auf den anderen hält Hughie nur noch Robins (Jess Salgueiro) Hände und Unterarme fest!

Superheld A-Train (Jessie T. Usher) ist mit seiner übermenschlichen, an den Flash erinnernden Geschwindigkeit einmal durch Robin hindurchgelaufen und hat nur einen Haufen Blut und Eingeweide auf dem Asphalt zurückgelassen ...

So lernen Zuschauer zu Beginn der neuen, verdammt lustigen und makaberen Amazon-Serie The Boys Hauptfigur Hughie kennen. Hinter der brutalen, überraschend zeitgeistigen Show stecken die Preacher-Macher Seth Rogen und Evan Goldberg. Und wie für die superschräge Serie Preacher adaptieren die beiden einen Comic von Garth Ennis. Als Showrunner für die acht Episoden von Staffel 1 fungiert Supernatural-Veteran Eric Kripke und eine 2. Staffel wurde von Amazon bereits in Auftrag gegeben!

Superhelden als Anti-Helden in The Boys

In der Welt von The Boys ist Schein wichtiger als Sein: Die Helden um Homelander (Antony Starr, eine größenwahnsinnige Mischung aus Superman und Captain America) und der Wonder Woman nachempfundenen Queen Maeve (Dominique McElligott) begehen zwar auch ab und zu Heldentaten, aber mit Vorliebe, wenn ein Kamerateam in der Nähe ist. Gefangene macht der Homelander dabei sowieso nicht gerne und bringt Bösewichte lieber gleich an Ort und Stelle um, statt sie der Justiz zu übergeben. Außerdem setzen die Helden ihre Kräfte auch für egoistische eigene Absichten ein - und gehen dabei über Leichen.

Für Management und Vermarktung der Helden wie The Deep (Chace Crawford, Aquaman nachempfunden) ist der Vought-Konzern unter Führung von Madelyn Stillwell (eine genial-abgründige Elisabeth Shue) zuständig.

Die Marketing- und PR-Experten achten peinlich genau auf das Image ihrer Helden, und schlagen an allen möglichen Stellen einen Gewinn heraus: Auf Müslis und Energy-Drinks findet man das Konterfei von Held A-Train, vom Homelander kann man Kuscheltiere käuflich erwerben. Auch für öffentliche Auftritte kann man die Sieben, ein Avengers-mäßiges Team der stärksten Helden unter Führung des Homelanders, buchen. Und der neueste Blockbuster des Vought-Konzerns hat gerade erst 1,7 Milliarden Dollar weltweit eingespielt, wie Konzernchefin Stillwell den Aktionären freudig verkündet!

Bei so viel Cashflow sind tote "Normalos" wie Hughies Freundin Robin schlicht Kollateralschäden - bedauerlich, aber auch nicht weiter tragisch. Die Helden selbst hingegen sind eitel, arrogant und ichbezogen, und lassen jeglichen moralischen Kompass vermissen.

Die Boys als letzte Hoffnung

Angesichts von so viel Zynismus und Menschenverachtung regt sich jedoch auch Widerstand: Die Boys unter Führung von Ex-CIA-Killer Billy Butcher (ein extrem manipulativer und vergnüglicher Karl Urban) stellen sich als eine Art Underdog-Bürgerwehr gegen die übermächtigen, gottgleichen Helden - ohne auf Hilfe der Polizei oder anderer staatlicher Stellen hoffen zu können.

Ob er einen Todeswunsch habe, wird Protagonist Billy Butcher daher auch einmal gefragt. Doch der abgebrühte, oft mit dem Leben fertig wirkende Butcher lässt sich nicht entmutigen und rekrutiert auch Hughie für seine kleine Truppe.

Superhelden und #metoo

Auf der Heldenseite der Serie lernen die Zuschauer Annie/Starlight (Erin Moriarty) kennen. Sie ist die Neue unter den Sieben und wurde in einem landesweiten Casting ausgewählt, da sie mit ihrem ländlichen Charme und ihrer Bescheidenheit so exzellent bei der wichtigen christlichen Zielgruppe ankommt.

Im Hauptquartier der Sieben belästigt dann "Held" The Deep Neuling Starlight sexuell. Gegen sexuelle Gefälligkeiten will er ihre Karriere fördern - oder sofort zerstören, sollte sie seinem Verlangen nicht nachkommen. Hier trifft die satirische Serie genau den aktuellen #metoo-Zeitgeist und ruft schauderhafte Erinnerungen an Harvey Weinstein und ähnliche Gatekeeper-Monster wach.

Blutige Gewaltorgien mit Augenzwinkern

Doch bei aller Gegenwartskritik gibt es in The Boys auch immer wieder viel kurzweilige, extrem gorige Action zu sehen. So schneidet etwa Held Homelander seine bedauernswerten Opfer am liebsten mit Laserstrahlen, die aus seinen Augen schießen, in zwei Hälften, als würde er durch weiche Butter schneiden.

Die Effekte wirken dabei immer wie aus einem Guss, und die Gewalt kommt - bei aller Brutalität - doch stets mit einem Augenzwinkern daher, so komplett übertrieben und makaber ist sie inszeniert.

The Boys ist in einem düsteren DC-Noir-Look gehalten, gelegentlich erklingen Punk-Songs und alles vibriert geradezu mit einer wunderbar frechen, rotzigen Energie!

Geniale Satire und Zeitkritik

Also eine empfehlenswerte Serie? Auf alle Fälle! The Boys bringt definitiv frischen Wind ins Superhelden-Genre. Die moralisch verkommenen, soziopathischen "Helden" sind tatsächlich mal etwas anderes und Genre-Fans wie Superhelden-müde Zuschauer kommen hier gleichermaßen auf ihre Kosten. Und auch die (pop-)kulturelle Faszination und Obsession mit Stars und Sternchen wie Influencern und Hollywood-Größen wird hier auf geniale Weise überhöht und parodiert.

Die 1. Staffel von The Boys umfasst insgesamt 8 Episoden, die aktuell bei Amazon Prime Video zum Bingen bereit stehen. Als Grundlage für diesen Serien-Check diente die komplette Staffel.

Werdet ihr euch The Boys auf Amazon Prime anschauen?

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