The Trust – Weil Nicolas Cage immer noch super ist

Nicolas Cage im spoilerigen Trailer zu The Trust
© Ascot Elite
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Meint es gut mit den Menschen.

Seit sich Nicolas Cage vor etwa fünf Jahren gezwungen sah, seine produktive Kino- in eine hochproduktive Heimkinokarriere zu verwandeln, bekommt er dafür hämische Reaktionen. Sie erinnern an jene abfällige Verwunderung, die schon sein erster großer Karrierewendepunkt 1996 provozierte, als man vielerorts zu dem originellen Urteil kam, dass der einstige "Charakterdarsteller" (was immer das auch eigentlich ist) sein Talent an zweitklassige Genreproduktionen verschwende. Diese fälschliche Annahme stützte sich natürlich auf die Entscheidung des Schauspielers, nach dem Oscar für Leaving Las Vegas nicht etwa weitere Filmpreis-Anwärter, sondern vornehmlich bizarre Blockbuster und High-Concept-Actionfilme zu drehen. Und sie fühlt sich bestätigt in der – durch Steuerschulden im zweistelligen Millionenbereich initiierten, also nicht mehr ganz so freiwilligen – zweiten sonderbaren Kursänderung seiner Karriere, deren Grundstein ebendiese Entscheidung gelegt habe: Nicolas Cage, 2009 noch einer der fünf bestbezahlten Hollywood-Schauspieler, sei nun in den Tiefen des Videomarktes versumpft.

Das stimmt allerdings nur halb. Zwar rentierten sich Cage-Filme in den vergangenen Jahren erst durch Kooperationen mit Streaming-Diensten und Einnahmen aus DVD- und Blu-ray-Verkäufen. Doch hatten sie in den USA allesamt einen limitierten Kinostart und lagen mit Kosten von bis zu 35 Millionen US-Dollar weit über dem Budget von Direct-to-DVD-Produktionen. Rein marktwirtschaftlich bekommt man Cages gegenwärtigen Karrierestrang aber ohnehin nicht zu fassen – man muss sich ihm über seine durchgeknallte Rollenwahl nähern: Statt gelangweilt Dienst nach Vorschrift zu leisten, hängt sich Nicolas Cage in jede noch so beknackte Geschichte, um sie mit mal einfühlsamen, mal anfallsartigen Manierismen zu veredeln. Widerspruchsfrei stehen in seiner jüngsten Filmographie Vigilantenreißer (Stolen, Pakt der Rache, Tokarev) neben arthauskompatiblen Befindlichkeitsfilmen (Joe, Frozen Ground, Der Kandidat), christlicher Trash (Left Behind, Outcast) neben Horror- und Thrillerschmu (Pay the Ghost, Trespass). Und in allen ist es eine Freude, ihm bei der Arbeit zuzuschauen.

Mit qualitativ durchwachsenen, aber konsequent auf unberechenbare Rollen zugeschnittenen Produktionen hat sich Nicolas Cage zuletzt ein autorenfilmisches Gesamtwerk erarbeitet, das auch im Gewöhnlichen noch den Wahnsinn sucht. Wenn seine Figuren in denkbar ungeeigneten Gelegenheiten beginnen, undefinierbare Laute von sich zu geben oder schlicht komplett auszurasten, scheint er sich gegen landläufige Vorstellungen davon wenden zu wollen, was gutes und schlechtes Schauspiel, hohe und niedere Kunst oder – manchmal gar – was überhaupt Film ist. Ein generischer Genrestoff kann durch Cages zunächst unangemessen wirkenden Zugriff auf andernfalls eindimensionale Figuren eine infernalische Qualität gewinnen. Und tatsächlich erinnert die Unerschrockenheit, mit der er sich durch absonderlichste Plots changiert, an Grand-Guignol-Stars wie Christopher Lee und Vincent Price, in deren Tradition er sich einem schönen Interview zufolge selbst verortet sieht. Sollte ihm das Kino dafür nicht länger eine angemessene Bühne bieten wollen, sucht er sich eben neue Verwertungskanäle.

The Trust, die erste von insgesamt sechs Cage-Produktionen in diesem Jahr (den hierzulande erst jetzt veröffentlichten Pay the Ghost noch gar nicht mitgerechnet), war zunächst beim Pay-TV-Anbieter DirecTV zu sehen und erscheint nun in Deutschland wiederum noch vor dem US-Kinostart direkt auf DVD und Blu-ray. Der Film ist eine vergnügliche Mischung aus Heist-Thriller und Cop-Komödie, die man vor allem wegen ihrer Hauptfigur nie ganz zu fassen bekommt. Wie zuletzt in Bad Lieutenant spielt Nicolas Cage einen rigoros korrupten Polizisten mit eher rätselhaften, wahrscheinlich pathologischen Verhaltensauffälligkeiten (was genau das für Neurosen sind, bleibt ungeklärt, sie sind im Prinzip wie Cages Haare: wirr und immer irgendwie da), und leicht irritierend ist auch der Umstand, dass diese Figur noch bei ihrem Vater wohnt, den Jerry Lewis (!) für zwei Kurzauftritte mimt. Weil die Arbeit in der Asservatenkammer des LVMPD den Polizisten so schrecklich anödet, plant er mit Partner Elijah Wood den Safe eines Drogendealers zu knacken – wofür er einige unwahrscheinliche Strapazen auf sich nimmt, statt einfach den Dealer zur Öffnung desselbigen zu zwingen.

Zum Vorteil des Films verschwindet der Plot schnell hinter dieser wunderbaren Figur, von der vielleicht nicht einmal das Regieduo Alex Brewer und Benjamin Brewer gewusst haben wird, was der Star mit ihr anstellt. Betrachtet man Cages Rollenwahl als den Versuch eines figuralen Gesamtwerks, dem sich Filme und Formen für maximalen Irrsinn unterordnen müssen, ist The Trust darin ein weiterer Baustein. Es gibt reichlich Material, das Einzug in den legendären Supercut des Schauspielers finden könnte (sofern er endlich auf den neuesten Stand gebracht würde), und der besondere Cage-Connaisseur dürfte vor allem die absurden, aber mit einer selbstverständlichen Trockenheit vorgetragenen Dialoge seiner Figur zu schätzen wissen. In meiner persönlichen Lieblingsszene telefoniert Cage nach Köln (!), um mit radebrechendem Deutsch – man sollte natürlich wie immer die Originalfassung schauen – einen Diamantbohrer für den geplanten Coup zu bestellen ("Ja hallo, äh, ich brauche einen, der so bohrt, äh."). "Der Ami" verberge wohl etwas, heißt es daraufhin am anderen Ende der Leitung. Was auch eine treffende Zusammenfassung des Phänomens Nicolas Cage wäre.

The Trust erscheint am 29. April 2016 auf DVD, Blu-ray und VOD.

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