Umwerfend komische Filme

This filthy world! Happy Birthday, John Waters

John Waters
© Dreamland
John Waters

Angesichts der bedauerlichen Tatsache, dass sich der Name John Waters trotz seit Jahrzehnten zelebrierten Kults unter seinen Anhängern nie wirklich im Kollektivgedächtnis des allgemeinen Filmkonsumenten hat festsetzen können, gilt es an dieser Stelle kurz zu umreißen, wem hier gehuldigt und natürlich gratuliert werden soll: Eben jenem großen Filmemacher, der seinem Baltimore so viele Denkmäler gesetzt hat, der Weihnachten und Zeitschriften-Abonnements vergöttert, als Präsident eine lesbische Freiwilligen-Armee einführen würde, und überhaupt eines der skurillsten, aufregendsten und schönsten Schaffenswerke überhaupt vorgelegt hat.

Der Film mit der Hundekacke
Stichwort Pink Flamingos: Fast unausweichlich begegnet man zu Beginn jeder einschlägigen Recherche über den amerikanischen Regisseur dem Titel „Pope of Trash“, und leider verstellt eben jene Behauptung vielerorts noch immer den Blick und verhindert eine weitere Auseinandersetzung. Waters selbst hat viel und oft mit seiner Liebe zum vermeidlichen „Schundfilm“ kokettiert, hat die Lieblinge der selbsterklärten Cine-Bohème Woody Allen und Ingmar Bergman verschämt den persönlichen guilty pleasures zugeordnet. Ihn selbst oder auch nur sein Frühwerk auf den Slogan „exercise in bad taste“ zu reduzieren, würde ihm jedoch keinesfalls gerecht werden. So verlockend es ist, in Pink Flamingos, Female Trouble und Desperate Living einzig Tabubruch und Exzess, Minimalbudget, Hühnchen-Beischlaf und ein hysterisches Ensemble unter Führung von Drag-Queen Divine (was für sich alleine betrachtet ja schon toll wäre) zu sehen: Zwischen Wellblechhüten und Wohnwägen hat Waters bereits in seinen ersten Arbeiten eine grundsympathische Liebeserklärung ans Anderssein, an die Außenseiter in einer normierten Welt formuliert, und damit das Leitmotiv aller späteren Arbeiten vorweg genommen.

Good Morning, Baltimore!
Die Trash-Trilogie machte Waters und sein Dreamlander-Ensemble zum festen Bestandteil des Mitternachtskinos; größere Resonanz sollte er jedoch erst Jahre später mit Hairspray bekommen, eben jenem bunten Tanzspektakel, das auf den ersten Blick wie eine Abkehr von allem bisherigen wirken musste und deshalb nicht wenige Fans der ersten Stunde über „Ausverkauf“ und Co philosophieren ließ. Behände (und: mit Recht) hat der Regisseur all diesen Vorwürfen immer wieder entgegen gehalten, dass die Geschichte von der dicklichen Teenagerin Tracy Turnblad und der Corny-Collins-Show sein wohl wichtigster Film gewesen sei: Vordergründig unschuldig und quietschfidel thematisiert Hairspray den problematischen Umgang Amerikas mit seinen Minderheiten und bringt das universelle waters’sche Plädoyer für Toleranz und Verständnis bis „hinein in die Wohnzimmer der Republikaner“.

Nach dem folgenden, fast schon versöhnlichen Musical-Ulk Cry-Baby, in dem Johnny Depp als mit Lederjacke und Pomade in den Haaren gegen das Establishment anträllern durfte und sowohl Elvis-Parodie als auch eine ganz und gar klassische Waters-Figur verkörperte, sollte es vier Jahre dauern, bis das enfant terrible alle aufkommenden Gerüchte einer Zähmung widerlegen sollte: Auf den ersten Blick konventionell erzählt, erweist sich die scharfzüngige Abrechnung Serial Mom – Warum läßt Mama das Morden nicht? mit der dauerfluchenden Kathleen Turner in der Hauptrolle als Paradebeispiel dafür, wie geschickt John Waters es über die Jahre hinweg immer wieder verstanden hat, seine kleinen und großen Bosheiten vom Bahnhofs-Kino ins Abendprogramm zu schmuggeln. Mit der Kritik am Herzen der Angepasstheit – der US-Vorstadt und ihrer trügerischen Gartenzaun-Idylle – nimmt der Film nicht nur in Teilen den späteren Oscar-Gewinner American Beauty vorweg, sondern schließt auch den Kreis zum eigenen Frühwerk: Eben jene amerikanische Show-Mentalität die Divine dort einst zur Killerin werden ließ, öffnet hier Teilzeit-Maniac Kathleen Turner die Türen der Gerichte. Der american way of life in seiner pervertierten Form.

Death to mainstream cinema
Dass John Waters dabei nie primär von Abtrünnigen, sondern vor allem von Personen erzählt hat, die sich voll und ganz ihrer jeweiligen Obsession verschrieben haben und diese ohne Kompromisse und Rücksicht auf gesellschaftliche Normen auszuleben bereit sind, tritt in seinen (bislang) letzten Filmen deutlicher denn je zutage: Während Pecker noch von einem jungen Fotographen auf der anstrengenden Suche nach dem perfekten Bild und der großen Karriere in den Metropolen dieser Welt erzählt, lässt der anschließende Cecil B. als geistige Fortsetzung keine solchen Kompromisse mehr zu – Kino muss nicht inszeniert, sondern gelebt werden. Der Regisseur, ein Märtyrer.

Auf dieses flammende Bekenntnis zur Kunst konnte eigentlich nur noch eines folgen: Eine Rückbesinnung auf den Exzess mit dem einst alles begann: A Dirty Shame zelebriert in einer, in dieser Form fast schon vergessenen Zügellosigkeit die Übernahme eines braven Vororts durch sexbesessene Fetisch-Jünger unter Führung von eben jenem Johnny Knoxville, der sich als Mastermind des anarchistischen Comedy-Formats Jackass: The Movie als einer der möglichen Waters-Erben verdient gemacht hat. A Dirty Shame ist so etwas wie die ultimative Liebeserklärung, eine Art universelles Abschlussplädoyer geworden: Für die Triebe, für den Spaß, für das Leben.

In diesem Sinne: Danke und alles Gute, Mister Waters!


Dieser Text stammt von unserem User Hitmanski. Er heißt eigentlich Sebastian Büttner, studiert irgendwas ohne Medien, und schaut seit Jahren kreuz und quer nahezu alles, was sich interessant anhört. Da ihm persönliches Engagement und Ambition bei Filmemachern wichtiger als kubrick’sche Perfektion sind, er William Castle mag und jener bekanntlich zu Waters‘ Vorbildern zählt, kam er irgendwann einfach nicht mehr an dem Mann aus Baltimore vorbei.

moviepilot Team
Ines W. Ines Walk
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"Was die Oberflächen zeigen ist nur ein Teil der Wahrheit. Darunter steckt das, was mich am Leben interessiert: die Dunkelheit, das Ungewisse, das Erschreckende, die Krankheiten." (David Lynch)
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