Titanen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren

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Es gibt einen ganz großartigen, ja göttlichen Kampf der Titanen da draußen, in der in alle Richtungen vor sich hin mäandernden Filmgeschichte. Die Götter des Zelluloids lächelten auf dieses Meisterwerk hinab und sämtliche Musen bekränzten sein Haupt, noch heute von Ray Harryhausens Errungenschaften singend ... Es gibt aber auch noch einen anderen, der sich beim Sehen anfühlt, als würde einem die Leber weggepickt - was umso ärgerlicher ist, denn ist er doch alles andere als den Göttern gestohlenes Feuer ...

Lauschet den weisen Worten, die Filmkenner77 euch widmet! Haltet euch fern von diesem verlorenen Kampf! Und solltet ihr zu den vielen unglücklich verirrten Seelen gehören, die damals im Labyrinth der möglichen Zerstreuungen falsch abgebogen sind und diesem miserablen Minotauros gegenüberstanden: Dieser zweite und gänzlich unnötige Kampf der Titanen ist die beschwerliche Reise in die Unterwelt wert - denn um dieses filmische Ärgernis zu verdrängen, bedarf es der Wasser des Vergessens!

Der Kommentar der Woche von Filmkenner77 zu Kampf der Titanen

Was habe ich diesen Film geliebt und wie liebe ich ihn noch: Große Stars wie Laurence Olivier, Maggie Smith oder Claire Bloom, herrliche, liebevoll gestaltete Tricks, reichlich Atmosphäre und Ideen, Spannung und tolle Monster. Ein Film, eigentlich für das Jahr 1981, aus der Zeit gefallen. Als ich den Film damals als Kind sah, beeindruckte mich die Stop-Motion-Technik eines Ray Harryhausen, dessen Karriere als Meister dieser Technik mit Kampf der Titanen zu Ende ging. Mit wie viel Enthusiasmus musste jemand am Werk sein, der mit solchem Aufwand Monster ohne die heute in solchen Produktionen üblichen Computer erschuf? Noch heute halte ich Kampf der Titanen für einen der Höhepunkte und Referenzbeispiele für gelungene Stop-Motion-Technik.
Spätestens mit Beginn des CGI-Zeitalters (Das Geheimnis des verborgenen Tempels, 1985) ist diese Technik aber ein Relikt aus der Vergangenheit und kommt heute nur noch in einigen Animationsfilmen zum Tragen. Kampf der Titanen wirkte 1981 wie ein verspäteter Nachzügler von Filmen wie Sindbads siebente Reise (1958) oder Jason und die Argonauten (1963) und optisch wähnt man sich tatsächlich in einem Film aus den 60er Jahren. Man folgte dem ungewollten Helden Perseus auf seiner Odyssee zu finstersten, geheimnisvollsten Orten der griechischen Mythologie. Wenngleich natürlich auch das Original stark vereinfacht oder gar verfälscht und sicherlich nicht ohne Schwächen ist, so merkt der Zuschauer doch in jeder Phase, dass dort ein Film mit sprichwörtlichem Herzblut gemacht wurde.

Und hier nun folgt der Übergang zum gleichnamigen Werk, dem so genannten Remake, von 2010. Die einzige Liebe, die man hier verspürt, ist die Liebe zum schnöden Mammon, was alleine durch die Tatsache einer nachträglichen, vollkommen misslungenen 3D-Konvertierung dokumentiert wird, die hier nicht weiter behandelt werden soll. Viel mehr interessiere ich mich für die Figurenzeichnung und die Story. Nun ja, interessieren ist vielleicht ein wenig zu viel des Guten, denn interessieren kann man sich ja eigentlich nur für etwas, was tatsächlich vorhanden ist...

Beginnen wir mit einem Beispiel für die Figurenzeichnung anhand von Calibos. Im Original ist Calibos der „Herr des Moores“, der durch einen Fluch schrecklich entstellt wurde und Prinzessin Andromeda, seiner ehemaligen Verlobten, das Glück durch immer neue, tödliche Rätsel für ihre zahlreichen Verehrer verwehrt. Im Remake wird aus König Akrisios, der im Original nur zu Beginn einen Kurzauftritt hat, der gehörnte Calibos. Zeus verführte einst seine Frau, woraufhin Akrisios seine Frau und den neugeborenen Halbgott Perseus auf dem Meer aussetzte und schließlich von den Göttern für seine Tat mit Entstellung bestraft wurde.
Während im Original eine beinahe tragische Figur geschaffen wurde, die ausgestoßen von der menschlichen Gemeinschaft in den Tiefen des Moores ihr trauriges Dasein fristet, wird die Geschichte des Calibos im Remake in ein oder zwei Szenen abgehandelt. Danach hat dieser noch zwei unspektakuläre Auftritte, trägt aber zum Fortlauf der Handlung im Gegensatz zum Original nichts bei. Somit verkommt eine der wichtigsten Figuren des Originals zu einer enttäuschenden Randfigur ohne echte Funktion.

Natürlich kann man jetzt insistieren, dass man keine 1:1 Neuverfilmung wollte, aber leider muss ich darauf erwidern, dass die Neuerungen gegenüber dem Original allesamt total misslungen sind und die Dinge, die man aus dem Original übernommen hat, schlecht kopiert wurden. Zu den Neuerungen: Was zum Teufel soll ein schwarzer Pegasus? Ist dies eine sinnstiftende Neuerung? Wenn nein, warum dann diese Änderung? Die Jinns, nichtmenschliche Wüstenmagier, sind eine weitere Neuerung, die eigentlich nicht Not tut. Warum man sie in die Story eingefügt hat, bleibt ein Rätsel.

Die Reise führt Perseus zu den stygischen Hexen. Im Original wird eine herrlich skurril-gruselige Atmosphäre bei den Menschen fressenden, blinden Schwestern entfacht - im Remake ist das Ganze belanglos am Rande zur Lächerlichkeit.

Schließlich der Höhepunkt der Films: Die Fahrt auf dem Styx in die Unterwelt, zur Höhle der Medusa und der anschließende Kampf gegen die Gorgone. Ein Highlight in der Schaffensphase von Harryhausen ist die Gestaltung der Medusa. Die Minuten im Tempel der Medusa zählen zweifellos zu den eindrucksvollsten und spannendsten des 81er-Originals. Im Remake legte man auf das schreckliche Äußere der Gorgone keinen großen Wert und projizierte einfach das Gesicht eines Calvin-Klein-Modells auf den Körper der Medusa. Das Ergebnis ist schlichtweg erbärmlich. Der Höhepunkt des Films verkommt zu einer viel zu hektisch geschnittenen Effektorgie ohne jegliche Spannung. Im Original entschied man sich gegen diese Dynamik heuchelnde Maßnahme und setzte auf betonte Langsamkeit, die jedoch dazu führte, dass sich Atmosphäre und Spannung auf den Punkt genau entwickeln konnten.

Der Kampf gegen das Seeungeheuer reiht sich nahtlos in das enttäuschende Machwerk ein. Tricktechnisch mag dies alles in Ordnung sein (wobei das Monster eine gewisse Ähnlichkeit mit einem der Monster aus „Warlords of Atlantis“ aufweist - Kenner dieses Films werden wissen, was ich meine), aber auch hier scheint der Regisseur nach der Devise zu handeln: „Wenn ich den Film deutlich unter zwei Stunden Lauflänge halte, wird mir ein Bonus gewährt."

Alles in diesem Werk wirkt lieblos aneinandergeklatscht. Die Übergänge sind teilweise miserabel, die Figuren an Oberflächlichkeit kaum noch zu überbieten. Keiner einzigen Figur wird Raum für Entfaltung gegeben. Die großen Momente der Story werden nicht ausgekostet, sondern in 08/15-Manier abgehandelt, als ob Perseus zum Abendessen wieder pünktlich daheim sein müsste.

Zu den Stars: Liam Neeson hat als Zeus wenig Screentime, macht aber noch das Beste aus der flachen Rolle. Ralph Fiennes als Hades, nun ja, eine Rolle, die es im Original nicht gab und die eigentlich verzichtbar ist. Aber Fiennes wird wohl mehr auf den Scheck, denn auf die Rolle geschaut haben, die nicht viel hergibt. Sam Worthington ist hoffentlich ein besserer Schauspieler, als er hier zu zeigen im Stande ist. Sein Perseus bleibt, wie alle anderen Protagonisten blass und ohne jedes Charisma.

Zum Schluss noch ein Wort zum Regisseur: Wer auf die Idee gekommen ist, den Dilettanten Louis Leterrier für ein Remake von „Kampf der Titanen“ zu verpflichten, muss schon sehr verzweifelt oder ahnungslos gewesen sein. Seine „eindruckvolle“ Vita umfasst Filme wie Transporter 1+2, die aber auch keinerlei Berührungspunkte mit diesem Genre und der Art, wie man solche Filme dreht, besitzen. Die Hektik dieser Filme, im modernen Actiongenre vielleicht angemessen, überträgt er 1:1 auf einen monumentalen Fantasyfilm. Damit beweist Leterrier, dass er weder ein Gespür für Stoffe, noch für Timing besitzt.
Und da Jonathan Liebesman diese Fähigkeiten auch nicht sein Eigen nennt, darf bei der in diesen Tagen anlaufenden Fortsetzung Zorn der Titanen davon ausgegangen werden, dass sich dieser in seiner Machart kaum grundlegend von Kampf der Titanen unterscheiden wird. Warum man etwa einem Wolfgang Petersen, der sich in den Genres auskennt, nicht mit der Regie beauftragt hat, bleibt ein Rätsel. Vermutlich war durch das befürchtete Effektgewitter das Budget für einen anständigen Regisseur ziemlich knapp bemessen, so dass man sich vor dem Büro umschauen musste, welcher arbeitslose Regisseur gerade vorbeikam.

Letztlich bleibt Kampf der Titanen ein Paradebeispiel für einen vollkommen missglückten Blockbuster, der vielleicht tricktechnisch und ausstattungsmäßig halbwegs zu überzeugen vermag und mit einigen großen Stars aufwarten kann - aber im Grunde Hollywoodkino der schlimmsten Sorte darstellt. Sinnfrei, seelenlos, flach und schlichtweg eine Schändung des großartigen Originals. Der Film spielte das Vierfache seiner Produktionskosten von 125 Millionen Dollar ein. Viele Fans werden damals enttäuscht das Kino verlassen haben, denn der Stoff gibt viel mehr her, als Leterrier aus diesem Machwerk herausholt.
Auf den Punkt gebracht: Das Original setzte zumindest rudimentär auf Charakterzeichnung. Mit wenig Geld realisierte man mit Liebe zum Detail und zum Medium Film gute Ideen. Das Remake schuf mit viel Geld mehr oder minder gute, aber vollkommen uncharmante Special-Effects. Somit ist das einzige Monster in „Kampf der Titanen“ ein seelenloses, nämlich der Film selbst.

Den Originalkommentar findet ihr hier.

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