Hommage an den Action-Fachmann

Tony Scott - Eine Regie-Karriere in sieben Filmen

Tony Scott und Denzel Washington beim Dreh von Déjà vu
© Buena Vista
Tony Scott und Denzel Washington beim Dreh von Déjà vu

Gestern Morgen erreichte uns die Nachricht, dass Tony Scott sich das Leben genommen hat. Der Regisseur und Produzent war am Sonntag von einer Brücke in San Pedro, Los Angeles gesprungen. Neuen Berichten zufolge, könnte ihn eine schwere Erkrankung dazu veranlasst haben, aus dem Leben zu scheiden. Was auch immer die Motive von Tony Scott waren, Hollywood hat einen seiner kommerziell erfolgreichsten Filmemacher verloren. Filmfans assoziieren den Mann mit der verwitterten roten Mütze und der Zigarre mit geradliniger Genreware. Wenn die Tragödie vom Sonntag eines bewirkt, dann sollte es die Anerkennung eines Regisseurs sein, der dem populären Kino einen ganz eigensinnigen Stempel aufgedrückt hat.

Die folgenden sieben Filme können stellvertretend für seine fast dreißig Jahre andauernde Karriere stehen. Wer Empfehlungen und Neuentdeckungen findet, kann sie gern behalten… und vormerken.

Vampire in New York – Begierde
Es dauerte eine ganze Weile, bis Tony Scott seinen Weg ins Kino fand. Ende 30, längst ein erfahrener Werberegisseur, wurde er schließlich von MGM für den Vampirfilm Begierde engagiert. Das Debüt des jüngeren Bruders von Ridley Scott war ein hausgemachter Flop. Heute genießt das übernatürliche Drama über eine uralte Vampirin (Catherine Deneuve, ihren Lover (David Bowie) und das Frischfleisch (Susan Sarandon) besonders in Gothic-Kreisen Kultstatus. Kein Wunder, bewies Tony Scott schon hier eine Stilsicherheit, welche die erste Hälfte seiner Karriere dominieren sollte: Barocke Dekors, rauchige Bilder und ein ewiges Spätabendlicht, das jede Szene durchzieht. Die düstere Eröffnungssequenz zu den Klängen von Bauhaus’ Bela Lugosi’s Dead wirkt im Nachhinein wie ein Paukenschlag.

The Danger Zone – Top Gun
Trotz des Flops Begierde wurde Tony Scott drei Jahre später von Jerry Bruckheimer und Don Simpson für Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel engagiert. In seinem wohl größten Erfolg beschränkt Tony Scott seine Markenzeichen auf ein konventionelles Maß, das heutzutage, mit Blick auf seine Filme im Neuen Jahrtausend, geradezu langweilig wirkt. Top Gun gehört dank seiner perfektionierten Hochglanzoptik zu seinen uninteressanteren Filmen und wenn es Auftragsarbeiten im Wirken von Tony Scott gibt, dann ist dies eine davon. Seine ursprüngliche Idee, eine Art Apocalypse Now auf einem Flugzeugträger, bleibt leider unserer Fantasie überlassen.

Did I Just Blow Your Mind? – Revenge
Erst im Director’s Cut erweist sich Eine gefährliche Affäre – Revenge aus dem Jahr 1990 als eines der Schlüsselwerke im Schaffen von Tony Scott. Obwohl Kevin Costner kein Schauspieler vom Schlage eines Denzel Washington ist, nimmt sein Rachefeldzug in den Steppen Mexikos wichtige Elemente des Washington-Zyklus’ vorweg, allen voran Mann unter Feuer. Tony Scotts bester Film seit Begierde und eines seiner bis heute herausragenden Werke ist Revenge; ein Traum von einer leidenschaftlichen Affäre, die in einen sprichwörtlich blutroten, heroingeschwängerten Albtraum abgleitet, aus dem es kein Erwachen gibt. Alle, denen die formalen Experimente in späteren Scott-Werken zu weit gehen, finden ihn hier auf der Höhe seiner erfreulich pulpigen Kunst.

Stealing, Cheating, Killing – True Romance
Dass Tony Scott mit dialogstarken Drehbüchern umzugehen weiß, bewies er zwei Jahre zuvor in Last Boy Scout, auch bekannt als Quelle diverser Oneliner. In True Romance aber verschmolz die skurrile Brillanz eines Quentin Tarantino mit der unprätentiösen, aber stilsicheren Genreaffinität des Regisseurs. True Romance verblasst neben Tarantinos Eigenproduktionen. Mit einigen zu Klassikern avancierten Szenen und deren Vorliebe für die exzentrischeren Bewohner des nordamerikanischen Kontinents schmiegt sich der Fan-Favorit erstaunlich sanft ein ins Gesamtwerk von Tony Scott.

Gladiator in Mexico City – Mann unter Feuer
Der Staatsfeind Nr. 1 und Spy Game – Der finale Countdown markierten einen einschneidenden stilistischen Wandel im Werk von Tony Scott. Die Schnittrate nahm zu, das Spiel mit den Verschlusszeiten, den Farbfiltern und Mehrfachbelichtungen rückte in den Vordergrund. Nicht wenige entfremdete diese stilistische Evolution und das vielleicht zurecht. In Mann unter Feuer feierte sie ihren ersten Höhepunkt. Denzel Washington watet durch eine von Betrug und Gewalt verzerrte Hauptstadt Mexikos, um ein kleines Mädchen und seine eigene Seele zu retten. Tony Scott, den es, im Gegensatz zu seinem Bruder, stets in die (urbane) Gegenwart zog, verankert seinen Film einmal mehr in den Lebensadern einer Stadt. Zum Fegefeuer Mexikos gesellen sich später das traumatisierte New Orleans (Déjà Vu – Wettlauf gegen die Zeit) und das unbeugsame New York (Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3).

Leben und Sterben in L.A. – Domino
Noch so eine Hommage an eine Stadt. Basierend auf einem Drehbuch von Richard Kelly liefert Tony Scott in seinem abstraktesten Film Domino eine radikale Ergänzung von Der Staatsfeind Nr. 1. Die Überwachungstechnik wird durch Reality TV-Kameras ersetzt. Der ätzende, im Zeitalter der Kardashians noch immer aktuelle Kommentar zur US-Medienwelt verliert sich wie seine Protagonisten in seinem eigenen Gepose, bleibt am Ende filmischer Rock’n’Roll, der sich an seiner eigenen ziellosen Wildheit aufgeilt. Domino schreit nach Hass oder Liebe, einen Mittelweg gibt es bei diesem Stolperstein von einem Film nicht.

Workingman’s Life – Unstoppable
Unstoppable – Außer Kontrolle, der letzte Film von Tony Scott. Das muss der Fan erst einmal sacken lassen. Nach den Experimenten im frühen Washington-Zyklus wirkt Unstoppable nahezu besonnen für einen Tony Scott-Film. Nahezu. Knietief im Dreck und mit hochgekrempelten Ärmeln singt Unstoppable eine Ode an den Mann aus einfachem Hause, der seinen Job tut. Viele Helden Tony Scotts teilen diesen sozialen Hintergrund, aber keiner seiner Filme erreicht die energiegeladene Bodenständigkeit von Unstoppable. Das fängt bei Denzel Washingtons Zugführer an, der einem Jungspund ein paar (letzte) Lehrstunden geben will. Der Hauptdarsteller, ein tonnenschwerer Zug, braust derweil via effektiver Montage und Tongestaltung mit unaufhaltsamer Kraft durch den Kinosaal. Diese Dynamik durchzieht Tony Scotts Filmografie. Unstoppable sind keinerlei Symptome von Erschöpfung anzumerken.

Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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