Ikonen des DTV-Actionkinos - Teil 2

Van Damme – Ein Melancholiker unter Actionhelden

JCVD
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Die Renaissance des Action-B-Movies ist in direktem Zusammenhang mit dem Altern seiner Actionstars zu betrachten, und Jean-Claude Van Damme ist vielleicht derjenige unter den altgedienten Recken des Bewegungskinos, der am meisten von den Jahren profitiert, die sich ihm von Film zu Film unübersehbarer ins Gesicht furchen. Einen weiten Weg hat der Belgier mit uns zurückgelegt in den vergangenen drei Dekaden – oder, nun gut: größtenteils mit uns: wie auch bei den anderen großen Actiondarstellern seiner Generation gab es da einmal so ein paar Jahre zwischendurch, in denen man eigentlich nicht mehr so recht sehen wollte, was diese zunehmend preisgünstig und mäßig inspiriert auf den Markt pumpten. Zeiten aber, die längst vergangen sind. Jean-Claude Van Damme heute: Das ist ein Bewegungskino-Künstler in der Blüte seines Schaffens, der seit Jahren kleine Wunderwerke wie am Fließband für cinephile Videothekare kreiert – kleine, poetische Genre-Meisterwerke, eines schöner als das andere.

Wie auch für Dolph Lundgren freilich war für Van Damme die Rolle als Sympathieträger etwas, was er sich zuerst erkämpfen musste, denn auch der Karate-Champion trat in die Welt des Kinos ein – das ging wohl für einen jungen Kampfsportler mit schauspielerischen Ambitionen in den 1980er Jahren nicht anders – in einer Rolle als böser Russe. Als Ivan Kraschinsky in Karate Tiger von Corey Yuen trat er gegen den (sicher nicht zufällig als eine Art Karate Kid angelegten) Protagonisten Jason Stillwell an und wurde schließlich, in einer Art spiritistischem asiatisch-amerikanischem Bündnisschluss, von diesem und dem über allem schwebenden, allerdings sehr weltlich und pragmatisch Dojo-Trainingstips verteilenden Geist von Bruce Lee vermöbelt.

Aber auch wenn Jean-Claude Van Damme in diesem etwas absurden, aber wunderbar leichtfüßigen 1980er-Jahre-Jungstraum einen charismatischen Schurken mimte – eine Rolle, die er in Red Hunter – Kampf der Giganten von Eric Karson noch einmal wiederholte und dann (von den schizophrenen Aufspaltungen seiner gelegentlichen Doppelrollen einmal abgesehen) erst jüngst in The Expendables 2 von Simon West mit spürbarer Spielfreude wieder aufnehmen durfte –, zog es ihn doch schnell auf die andere, die gute Seite des Martial-Arts-Kinos. Der frühe Van Damme steht vor allem für einen jungenhaften Charme, der mitunter – in Bloodsport – Eine wahre Geschichte von Newt Arnold oder Karate Tiger 3 – Der Kickboxer von Mark DiSalle und David Worth – fast an einen gewalttätigen Gene Kelly denken lässt.

Aber diese Rollen als mitunter etwas unbedarfter, aber gerade darin unbedingter Sympathieträger genügten dem ambitionierten jungen Actionstar nicht. Der Major-Deal, den er nach dem Erfolg von Kickboxer unterschrieb, war für JCVD nicht bloß Bestätigung, seine noch junge, aber im Erfolg bereits bewährte Action-Persona nun einfach in größerem Stil auf die Leinwand zu bringen. Das Gegenteil war der Fall: Jean-Claude Van Damme strebte nach einer Erweiterung seines darstellerischen Profils – und letztlich nach einer Profilierung als Charakterdarsteller im Actiongenre. Bereits im wunderbaren Leon von Sheldon Lettich klingt diese Ambition an, die unter den Actionstars der beginnenden 1990er Jahren tatsächlich eine Art Alleinstellungsmerkmal ist – und voll ausgeprägt erstrahlt sie dann in jenem JCVD-Streifen aus dieser Phase, der wohl am dringendsten der Wiederentdeckung und Neubewertung bedarf.

Für Regisseur Robert Harmon, der zuvor mit Hitcher, der Highway Killer die schönste schwule Coming-Out-Geschichte erzählte, die sich im Splatterfilm der 1980er Jahre nur denken lässt, geht Van Damme in Ohne Ausweg als entflohener Sträfling Sam Gillen irgendwo im Mittleren Westen auf die Jagd nach „pink flamingos“ und stolpert dabei unversehens in die Heldenrolle einer eigenartigen, durch den Spielbergianismus des zuvorigen Jahrzehnts gechannelten Reimagination des klassisch-messianischen Westernszenarios von Mein großer Freund Shane von George Stevens. Auch wenn sich Ohne Ausweg, beinahe entschuldigend, an einer Reihe kleinerer, fast unspektakulär in Szene gesetzter Handgreiflichkeiten entlang hangelt, ist in ihm doch bereits der Wille zur großen melodramatischen Geste zu spüren, die dann jedoch erst der gealterte Van Damme des Spätwerks zur vollen Blüte bringen durfte.

Wie bei Dolph Lundgren mit The Mechanik gibt es auch in der Filmografie Van Dammes ein spezifisches Kippmoment, das als Wendepunkt einer zuvor eher brachliegenden Karriere gelten muss. (Und das, angesichts einer ganzen Reihe bemerkenswerter Arbeiten insbesondere mit den Hongkonger Regisseuren Ringo Lam und Hark Tsui – hervorgehoben sei etwa Tsuis begnadet durchgeknallte Cartoon-Phantasmagorie Knock Off –, auch zum Startpunkt einer großenteils noch ausstehenden Neubewertung des Van Damme’schen Œuvres werden müsste.) In Wake of Death – Rache ist alles was ihm blieb von Philippe Martinez knallte da plötzlich ein Van Damme von der Leinwand, wie man ihn nicht (mehr) erwartet hatte: ein melancholischer, von Dämonen getriebener Schmerzensmann, der in glitzernden, urbanen Lichterhöllen den Mord an seiner Familie rächt.

Seither ist die Emphase, die Jean-Claude Van Damme auf das Melodramatische legt, nicht mehr zu übersehen. Der korrupte Cop, der nach dem Erwachen aus dem Koma seinen wahren Widersacher im eigenen, vergangenen Selbst entdeckt, in Until Death von Simon Fellows. Der Söldner, der eine unauslöschliche Schuld mit sich herumträgt, in Six Bullets von Ernie Barbarash. Dann, sicher nicht zuletzt, das schmerzhafte Bloßlegen der eigenen Biografie in jener unvergesslichen Sequenz, in der JCVD von Mabrouk El Mechri für Minuten die vierte Wand niederreißt und da ein künstlerisch längt Rehabilitierter, aber persönlich in mancher Hinsicht Gescheiterter in die Kamera und zu uns spricht vom Schmerz seines Daseins, von Schuld und Sühne.

Und, natürlich, die zwei großen, alles überragenden Meisterwerke des späten Van Damme, die Regisseur John Hyams aus gänzlich unerwarteter Richtung ins Gegenwartskino krachen ließ. Die Universal Soldier-Filme. Zuerst Universal Soldier: Regeneration, der für JCVD die wohl größte, tragischste, komplexeste Rolle seiner Karriere bereit hielt. Die Kampfmaschine Luc Devereaux, die bereits in Universal Soldier von Roland Emmerich – dem bis heute vielleicht interessantesten Film des deutschen Blockbuster-Manufakteurs – immer ein wenig zu simpel angelegt war und hinter dem weitaus komplexeren Bösewicht Andrew Scott (Dolph Lundgren) zurückstehen musste, bekommt hier urplötzlich und wie aus dem Nichts eine Fallhöhe, eine persönliche Tragödie untergeschoben, die sich im Moment der Menschwerdung und ihres zwangsläufigen, in den Strukturen des Krieges selbst begründeten Scheiterns manifestiert. Im vollends zerschossenen, der Avantgarde entgegen strebenden Meisterwerk Universal Soldier: Day of Reckoning bleibt dann gar nichts mehr übrig von dieser Figur als ein Haufen von Spiegelscherben, in denen sich die Tragik der Menschlichkeit im Krieg immer wieder aufs Neue reflektiert. Und bricht.


Und nächste Woche beschäftigt sich der Autor mit Steven Seagal, dem großen alten (dicken) Mann des Bewegungskinos.
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Jochen Werner lebt in Berlin und schreibt über das Kino, dessen Poesie er noch an den entlegensten Orten sucht und findet. Sein Lieblingsregisseur ist Michelangelo Antonioni, sein Lieblingsschauspieler Steven Seagal, und er findet es schade, dass beide nie einen Film zusammen gedreht haben. Wenn er nicht hier schreibt, schreibt er für die Kinokolumne des perlentaucher, für critic und anderen Filmmagazinen.

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