Von Gladiator zu Game of Thrones: Der fragliche Einfluss eines Oscar-Gewinners

05.05.2020 - 10:45 UhrVor 22 Tagen aktualisiert
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Russell Crowe in GladiatorAbspielen
© Universal
Russell Crowe in Gladiator
Vor genau 20 Jahren verhalf Ridley Scott dem Sandalenfilm zur digitalen Renaissance. Sein pompöser Gladiator wurde ein Klassiker mit fraglichem Erbe.

Hände, die über Kornfelder streichen. Sand, der vom Boden aufgenommen wird. Und Tore nach Elysium, immer wieder Elysium: Das Eiland der Seligen, in dem Frauen lächeln und Kinder herumtollen. Mit solchen Instant-Klischeebildern wollte Ridley Scott den Monumentalfilm als Poperzählung neu erfinden. Gereicht hat es immerhin zum Meilenstein in der Karriere von Ralf Moeller.

20 Jahre sind vergangen, seit Gladiator ein Kolosseum aus dem Computer errichtete. Damals war das bahnbrechend. Nicht ein- und nicht zwei-, sondern dreimal fährt die Kamera an diesem Wunderwerk der Rechenkunst auf und ab. Es ist Kino, das über sich selbst staunt, noch wahrlich kein Hollywood-Film glaubte derart immens, die alte Welt wiederauferstehen lassen zu können. Ästhetischer Cäsarenwahnsinn.

Gladiator: Alles für das pure Erleben

Geschichte wurde da zur Nebensache, in zweierlei Weise. Auf Tatsachen pfiff Ridley Scott genauso wie auf erzählerische Ambition, es genügte – sympathischerweise – erstmal nur der Kitsch. Ein Römisches Reich als totale Kinoidee, mit Macht und Intrigen, Inzest und Zwietracht, mit Schlachtszenen in Zeitlupe, Vietnam-Anleihen, Riefenstahl-Zitaten, "Kampf und Ehre"-Gebrüll, Auferstehung, Vergebung, kurzum: mit gewissermaßen allem.

Gladiator: Staunen über die digitale Pracht

Das Rom von Gladiator ist, wie Georg Seeßlen  zum Kinostart schrieb, "ein bisschen Antike, ein bisschen US-Amerika, ein bisschen Fantasy" (und somit "beinahe vielversprechend"). Was Seeßlen nicht schrieb, weil er dafür zu intelligent ist, aber Ridley Scott vielleicht wollte, dass es über seinen Film geschrieben wird: Das Rom von Gladiator hat auch eine medienpolitische Ebene, auf der Sportevents und Reality-TV irgendwie Brot und Zirkusspiele sind.

Der deutsche Trailer zu Gladiator

Gladiator - Trailer 2 (Deutsch)
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"Are you not entertained?", ruft der von Russell Crowe gespielte Sklave Maximus den jubelnden Blutgaffern zu, als könne die Prächtigkeit der Inszenierung ernstlich das Gegenteil glauben lassen. Die Shutter-Effekte, mit denen Gladiator seine im geringen Verschlusswinkel gefilmten Schlachtszenen auf Spielberg-Niveau zu bringen versucht (nämlich auf den Beginn von Der Soldat James Ryan), wollen ja gerade das pure Erleben schaffen.

Hans Zimmer und das Gladiator-Recycling

Auf pures Erleben zielt auch der Soundtrack von Hans Zimmer ab. Gemeinsam mit Sängerin Lisa Gerrard und Protegé Klaus Badelt suchte der Star-Komponist bei Gustav Holst (Planeten-Suite) und Richard Wagner (Nibelungen-Tetralogie) nach passenden Melodien für einen Gefühlskleister, dessen ätherische Klänge sich in den Folgejahren zum filmmusikalischen Klischee schlechthin entwickelten.

Gladiator-Star Ralf Moeller und Russell Crowe

Dabei besticht die Gladiator-Tonsammlung nicht allein durch kompositorische Einfältigkeit (pseudomajestätisches Orchester-Gestampfe, das Maximus zum römischen Jack Sparrow macht), sondern auch ihre besondere Vehemenz. Als reine Gebrauchsmusik sind die Gladiator-Themen entweder von Hans Zimmer selbst (King Arthur) oder Günstlingen wie Steve Jablonsky (Die Insel, Transformers) endlos recycelt worden.

Wegweisend sollte dieser Bilder- und Musik-Pomp werden. Der erste Kinohit des neuen Jahrtausends stand am Beginn eines Blockbuster-Zeitalters volldigitaler Effektspektakel und Colorgrading-Exzesse, von Megalomanie und megalomaner Normalität. In Gladiator noch war der aufwändig am Computer reanimierte Oliver Reed eine kleine Sensation, jetzt sind verjüngte oder wieder auferstandene Schauspielgrößen Film- und Fernsehalltag.

Von Gladiator zu Game of Thrones: Epos auf Fernsehgröße

Zu den unmittelbaren Folgen der Gladiator-Manie gehörte vor allem eine Renaissance des Kino-Epos, das neue Ästhetik mit Rückbesinnung verknüpfte. Während Bibel-, Ritter- und Sandalenfilme wie Alexander, Troja oder der RTL-Superquatsch Held der Gladiatoren die Albernheiten ihres Vorbildes noch unterstrichen, bemühte sich Ridley Scott mit Königreich der Himmel - Kingdom of Heaven und Robin Hood um eine Selbstverwaltung des eigenen Erbes.

Game of Thrones: König Joffrey auf den Spuren von Kaiser Commodus

Vergleichbar umarmt hatten Kritik und Publikum keinen dieser Filme, weshalb das monumentale Format schließlich auf Fernsehgröße eingeschrumpft wurde. Rome (2005-2007), Spartacus (2010-2013) und Vikings (seit 2013) setzten das archaische Pathos ebenso als Seifenopern fort wie die HBO-Serie Game of Thrones, deren inzestuöser Königssprössling sogar ganz offiziell  der Gladiator-Bösewichtsrolle von Joaquin Phoenix huldigte.

Kinogeschichtlich reichen solche Echos weit zurück. Der Bezug auf etwas, das selbst schon Bezug war, verhalf Gladiator überhaupt erst zu dessen postmodernem Erfolg. Vordergründig inspiriert von Ben Hur (1959) und Der Untergang des Römischen Reiches (1964), kombinierte er im Kern (a)historisches Spektakel und Melodram nach Vorbild des großen Kinoepikers David Lean.

Gegen die Leinwandpanoramen derartiger Schwergewichte jedoch schien Ridley Scotts Pixel-Rom geradezu tollkühn provinziell. Weder in den Vorläufern noch Epigonen waren die Gesten so hohl, die Dialoge so einsilbig und Bilder so kraftlos wie in seinem Gladiator. Dass er 2001 den Oscar als bester Film gewann, ist heute ein gern erzählter Treppenwitz der Academy-Geschichte.

Seine Premiere feierte Gladiator feierte am 5. Mai 2000 in Los Angeles. Zu sehen ist der Film aktuell unter anderem bei Amazon Prime und Sky. Die Kinofassung sowie Extended-Version sind auf DVD, Blu-ray und 4K Ultra-HD-Blu-ray erhältlich.

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