Mein Herz für Serie

Warum Buffys Sidekicks die Helden der Herzen sind

Xander Harris und Willow Rosenberg
© THEWB
Xander Harris und Willow Rosenberg
moviepilot Team
sciencefiction Andrea Wöger
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Es waren einmal eine schüchterne Streberin und ihr tollpatschiger Kumpel, immer schon enge Freunde. Sie lernten in der Schule eine hinzugezogene Ex-Cheerleaderin kennen, die sich jedoch nicht sonderlich für den Popularitätszirkus an der High School in Sunnydale interessierte. Sie wurden schnell zum unzertrennlichen Dreiergespann, da die Neue ihnen ein ganz besonderes Gefühl gab, nämlich wichtig zu sein für andere und vor allem für sich selbst. Sie retteten die Welt, mehrmals. Denn wie sich herausstellte, war die Neue eine Superheldin und ihre Bestimmung war es, sich für die Welt zu opfern und tagtäglich beim Kampf gegen Dämonen dem Tod und - noch schlimmer - dem Determinismus ihres Schicksals als Auserwählte ins Auge zu blicken. Und dabei war sie erst 16.

Daneben sahen die Streberin und der Tollpatsch ziemlich klein aus und doch konnte die Superheldin die Welt niemals ohne die beiden retten, ganz im Gegenteil. Sechs Jahre später war es die Streberin selbst, die kurz davor stand, die Welt zu vernichten und der Tollpatsch war der einzige, der sie davon abhalten konnte. Denn Buffy - Im Bann der Dämonen ist nur zur Hälfte die Geschichte von Sarah Michelle Gellar als Buffy Summers, einer Frau mit einer Mission. Buffys bessere Hälfte sind Nicholas Brendon als Xander Harris und Alyson Hannigan als Willow Rosenberg, Buffys Herz und Buffys Geist.


Buffy - Im Bann der Dämonen ist ein Phänomen in vielerlei Hinsicht. Einigen ist die Serie bloß bekannt aus dem nachmittäglichen Fernsehprogramm als dieses Vampirgedöns mit Sarah Michelle Gellar und dem Typen mit der blonden Gelfrisur, der am Friedhof abhängt. Wer sich jedoch Zeit nimmt, das feministische Fantasyepos Buffy chronologisch von der ersten Folge an zu gucken, wird erkennen, dass Buffy zum einen zahlreiche neuere Serien wie Supernatural mehr als bloß inspirierte und kaum eine andere Serie solch ein Selbstbewusstsein besitzt, über sieben Staffeln hinweg mit Fantasy-Elementen Metaphern für die gesamte Alltagspalette und auch Ausnahmesituationen eines Teenagers und jungen Erwachsenen anzusprechen.

Mobbing, Zukunftsangst, Drogensucht, Tod einer Bezugsperson, Geldsorgen, Arbeitslosigkeit, Minderwertigkeitskomplexe, Selbstüberschätzung, sexuelle Enttäuschung, plötzlich selbst Autoritätsperson zu sein, und das alles mit der Last der Welt auf den Schultern. Mit 16, 17, 18 Jahren geht jeden Tag die Welt unter, die Zukunft ist ungewiss, alles ist intensiv und anstatt das tägliche Drama abzubilden, wandeln Joss Whedon und sein Team in Fantasy um, kehren die inneren Dämonen nach außen zu übernatürlichen Gegnern aus (meist) Fleisch und Blut.


Die 6. Staffel von Buffy ist mein persönlicher Favorit, da sie wie keine zweite Xander und Willow in den Fokus rückt, die sich beide öfter als Sidekicks bezeichnen. Doch warum wirken ausgerechnet diese beiden Seriencharaktere so menschlich und erreichbar? Joss Whedon macht sie greifbar. Sie sind fehlerhaft, bemüht, alles richtig zu machen und doch geht so vieles schief. Auch Buffy hat neben den stetig drohenden Apokalypsen in der 6. Staffel plötzlich mit realen Problemen wie Geldnot zu kämpfen und durchlebt die Hölle auf Erden, hat Depressionen. Hier ist für niemanden ein Happy End vorgesehen. Am Ende zählt nur, sich gegenseitig zu stützen, um nicht auf der Stelle zu treten.

Die 5. Staffel lässt Buffy langsam selbst zur erwachsenen Autoritätsperson werden und bringt uns mit The Body, dem völlig unspektakulären Tod ihrer Mutter, eine der kältesten und unerträglichsten Episoden, die mir je in einer Serie untergekommen sind. Die 6. Staffel zeigt, wie verloren alle in der Welt herumschwimmen, während die finale, die 7. Staffel ein letztes Aufbäumen sondergleichen darstellt. Die Dämonen sind besiegt. Buffy und ihre Freunde sind Erwachsen und müssen nun der nächsten Generation ihre Weisheit lehren.

Vor wenigen Tagen schloss ich die komplette zweite Sichtung der Serie ab und weiß nun, dass das Finale der vorletzten, 6. Staffel, in der die Verlorenheit, Angst, Wut und Hilflosigkeit der Hauptcharaktere gipfelt, mein liebster Moment ist - vielleicht mein liebster Moment aller Serien, die ich sah.


Ich könnte Bücher darüber schreiben, warum Xander und Willow überragende Serienfiguren sind und jeder Drehbuchschreiber etwas von Buffy lernen kann. Am Ende läuft aber alles darauf hinaus, dass Xander und Willow so greifbar und so (über)menschlich sind, eben weil sie im Schatten einer auserwählten Superheldin stehen und Joss Whedon ihnen dennoch ebenso viel Zeit im Rampenlicht gibt, ähnlich wie er es später mit Clark Gregg als Agent Coulson in Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D. macht und mit Jeremy Renner als Hawkeye in Marvel's The Avengers 2: Age of Ultron.

Passend dazu baut Whedon als großer Marvel-Fan die Figur von Xander dazu auf, am Ende der Serie stark an das Herz von S.H.I.E.L.D. zu erinnern, an Nick Fury, in den Filmen gespielt von Samuel L. Jackson. Ein 'Normalo', umgeben von Superhelden, der seine Augen überall hat. Willow hingegen ist anfangs das graue Mäuschen. Ein Computerfreak, der, immer schlauer als die anderen ist, ihre magischen Fähigkeiten, die sie erlernt, unter Kontrolle zu haben glaubt und schließlich süchtig wird danach. Nach einem Zusammenbruch und einem Entzug kommt sie gegen Ende der 6. Staffel wieder mit ihrer Freundin zusammen, die bald darauf erschossen wird. Willows Rückfall kostet Menschenleben. Sie pumpt sich voll mit dunkler Magie und mit ihrer Macht und ihrem Schmerz bringt sie beinahe die ganze Welt zu Fall.

Buffy ist hilflos. Diesen Weltuntergang kann sie nicht verhindern. Willow ist zu mächtig. Buffy ist machtlos. Doch dann ist da Xander, der 'Normalo' und Tollpatsch, mittlerweile Bauarbeiter von Beruf. Und er hält die schönste Rede, meine Lieblingsrede, mein Lieblingsmonolog aus Joss Whedons Feder. Seine Menschlichkeit ist die letzte Bastion der Menschheit. Wo soll er denn schon hin, wenn die Welt untergeht? Natürlich an die Seite seiner besten Freundin. Und wenn seine beste Freundin die Welt zu Fall bringt? Dann liebt er sie trotzdem.




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