Warum der Rausschmiss von James Gunn konsequent ist

Trauer um James Gunn
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Meint es gut mit den Menschen.

Marvel-Fans traf es wie ein Schlag: James Gunn ist nicht mehr der Regisseur von Guardians of the Galaxy 3. Zum Verhängnis wurden dem Autor und Filmemacher zahlreiche Tweets mit Witzen über Pädophilie und Vergewaltigung, die bis ins Jahr 2008 zurückreichen - verbreitet hatte sie der Männerrechtler und Trump-Unterstützer Mike Cernovich Ende letzter Woche (via Polygon). Cernovich ist bekannt für seine Versuche, eigene Themen möglichst aggressiv in die Twitter- und YouTube-Trends zu manövrieren. Im US-Wahlkampf 2016 war er entscheidend an der Popularisierung der Pizzagate-Verschwörungstheorie beteiligt, die dem Team um Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton unterstellte, es betreibe in einer Pizzeria in Washington, D.C. einen Kindersexring. Die ausgekramten Tweets des Trump-Kritikers James Gunn passen demnach ins Bild, das Cernovich gern von angeblich pädophilen Demokraten und Liberalen zeichnet. Beim Pizzagate nahm ein Mann diese Verleumdungen so ernst, dass er schwer bewaffnet den fraglichen Imbiss stürmte, um vermeintlich dort festgehaltene Kinder zu retten. Im Vergleich dazu ist die Aufkündigung des Arbeitsverhältnisses zwischen Disney und James Gunn harmlos.

I. Disney und die Firmenlogik

Über den Vorgang lässt sich trotzdem spekulieren. Er wirft die Frage auf, ob der Konzern von den Provokationen seines Schützlings wusste und nur auf Druck der Alt-Right-Aktivisten um Cernovich handelte. Wahrscheinlich ist er für Verschwörungstheorien gut, die nicht in Pizzaläden, sondern höchste Hollywoodetagen führen. Und man kann auch die verlotterten Tweets anschauen und sinnfrei diskutieren, ob sie noch humor- oder schon gefahrenvoll sind. All das führt jedoch nirgendwo hin. Eine innere, aus sich heraus begründete und der Angelegenheit dienliche Logik hat der vorgebliche Skandal nicht - er ist vielmehr reine Formsache: Was dem Ansehen der Firma schadet, muss entfernt werden. Ein Unterhaltung für Kinder produzierendes Unternehmen hat kein Interesse daran, mit Pädophiliewitzen assoziiert zu werden. Zwar könnte es den Fall in einen Kontext setzen und offensichtliche Ambivalenzen herausstellen, doch schlimmstenfalls verräterisch anmutende Mühen möchte offenbar gerade Disney nicht auf sich nehmen. Jede Debatte, die einzelne Aspekte abwägt, läuft der Corporate Identity zuwider, Imageschäden sind nicht verhandelbar. Bei der Causa James Gunn geht es um Ökonomie, deshalb hat sie eine schlichte Konsequenz.

Seit jeher scheint die familienfreundlich apostrophierte Walt Disney Company darum bemüht, auch sich selbst als Familie zu präsentieren. Möglicherweise soll der Franchise-Gedanke, die Wiederholung des ewig Gleichen, ein Vertrauen herstellen, das ständige Schöpfen vom Markenbesitz also Geborgenheit schenken. Die Verpflichtung eigenwilliger Talente wie James Gunn, von Querköpfen und Problemkindern gewissermaßen, wäre als gutmütige Aufnahme in diese Familie zu verstehen - und individuelles Künstlertum hätte sogar in der seriellen Filmproduktion seinen Platz. Allerdings erweisen sich vormalige Independentfilmemacher ausgerechnet dann als anpassungsschwierig, wenn sie jene außerplanmäßigen Ideen und Experimente (wie freilich auch Unerfahrenheiten) einbringen, die sie für Disneys Blockbuster-Jobs qualifizierten (das prominenteste Beispiel ist der Rauswurf von Phil Lord und Christopher Miller, den ursprünglichen Regisseuren des Han-Solo-Films). James Gunn arbeitete jahrelang im Hause Troma Entertainment. Wo für viele der Spaß aufhört, etwa bei Witzen über vergewaltigte Kinder, fängt er dort erst an. Der Troma-Humor war seine Disney-Bewerbung. Und er bekam den Zuschlag.

II. Die Empörungskultur des Internets

Von schlichter Konsequenz ist Disneys Vorgehen noch auf zweiter Ebene. Zugrunde liegt ihm eine Idee der Bestrafung, die das Unhaltbarmachen bestimmter Personen zum Ziel hat: Wer sich unüberlegt äußert oder etwas Dummes sagt, wer geschmacklose Tweets aufsetzt oder kränkende Postings schreibt, wer schlechte Gags macht oder tatsächlich etwas nicht besser weiß, der muss öffentlich büßen und mindestens seinen Job verlieren. Verrückterweise ist diese Idee zumindest in ihrer Online-Variante linken Ursprungs: Sie verschafft sich Ausdruck als Empörungskultur voll von virtuellen Bestrafungsfantasien und denunziatorischen Druckmitteln, die nicht zufällig an selbstorganisierte Kontrollen westlicher Universitäten erinnern ("Uni-Watches"), mit denen Professoren und Studierenden auf die Finger geschaut wird, falls sie Mikroaggressionen aussenden oder unangenehme Gefühle triggern. Die dort kultivierte Aufhebung des Unterschieds zwischen Wort und Tat - jede sprachliche Beleidigung ist immer schon ein Über- und Angriff - stößt in der kapitalistischen Firmenlogik auf fruchtbaren Boden. Was könnte dem Image zuträglicher sein als ein symbolpolitisches Ende des Arbeitsverhältnisses, das keine Grenzüberschreitung ungesühnt lässt.

"Unsensible Bemerkungen" sind folglich zum respektierten Kündigungsgrund geworden. Nach ihrem rassistischen Tweet war Roseanne Barr trotz mehrfacher Entschuldigungen und Erklärungen, die bis zur Selbsterniedrigung reichten, für Disneys Tochtersender ABC nicht mehr haltbar. Vergangene Woche wurde die Chefin von Paramount-TV aus ähnlichen Gründen gefeuert, zuvor trennte sich Netflix von seinem Kommunikationsleiter. Natürlich ist diese Logik abwärtskompatibel, auch nicht-prominente Menschen und Geringverdiener können von ihr betroffen sein. Im Hollywood Reporter schreibt Kareem Abdul-Jabbar, es sei wichtig, dass Firmen "kein rassistisches, homophobes oder frauenfeindliches Verhalten" duldeten. Eine Null-Toleranz-Politik, die "individuelle Umstände unberücksichtigt lässt", dürfe es deshalb aber nicht geben. Wenn sich nun jene liberalen Stimmen für den Verbleib von James Gunn im sogenannten Marvel Cinematic Universe einsetzen, die keinem unliebsamen Hollywood-Kollegen vergleichbare Äußerungen durchgehen lassen würden, ist das selbstverständlich heuchlerisch. Der buchstäbliche Gunn-Fall hat ja auch deshalb etwas Delikates, weil sich die mobilisierte Rechte bei ihm allzu vertrauter Mittel bediente. Weckruf leider unwahrscheinlich.

III. Wie lautet die Alternative?

James Gunn nicht zu feuern oder Roseanne Barr eine zweite Chance zu geben, hieße erstmal nur Unangenehmes auszuhalten. Solange alle Branchendebatten von #OscarsSoWhite bis #MeToo nicht fähig scheinen, Widersprüche zuzulassen, legitimiert die Rigorosität der Argumentation auch reaktionäre Firmenpolitiken. Wie anschlussfähig die Disney-Konzernstrategien an liberale Bedürfnisse sind, zeigte zuletzt Marvels Black Panther, der schon im Vorfeld zum Meilenstein erklärt wurde, ohne die Instrumentalisierung von Vielfalt kritisch zu thematisieren (Diversity als Verkaufsschlager). Stattdessen sind vermutlich auch Disneys geschichtskittende Eingriffe in Katalogtitel willkommen, handelt es sich hier doch ebenfalls um eine schlichte Konsequenz – in diesem Fall eine der so beliebten Triggerwarnungen: Problematische Titel werden nachträglich gekürzt (Fantasia), digital bearbeitet (Aladdin) oder in den Giftschrank verbannt (Onkel Remus' Wunderland), sogar das studioeigene Rauchverbot übertrug Disney auf die Lebensgeschichte seines dauerqualmenden Gründers (Saving Mr. Banks). Am Ende mögen die Filme heutigen Anforderungen an politische Korrektheit genügen, sind aber auch um jeden Hinweis auf lehrreiche Kontexte bereinigt.

Vielleicht ist es ganz einfach. Es kann keine Alternative zur Ausrichtung unserer Empfindlichkeitsgrenzen an der Vernunft geben. Weder für das Kino noch für die Welt.

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