Kippenfreie Kinderhelden

Warum Disneys Rauchverbot Unsinn ist

Lebemensch Pinocchio: 1940 war das Rauchen in Disney-Filmen noch nicht verpönt
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Lebemensch Pinocchio: 1940 war das Rauchen in Disney-Filmen noch nicht verpönt

Star Wars: Episode VIII hat nun einen Starttermin, das Spin-off Rogue One ist beschlossene Sache, Frozen 2 wird offiziell kommen – was die Disney Company vergangene Woche auf der alljährlichen Zusammenkunft ihrer Anteilseigner verlautbaren ließ, war so schrecklich relevant, dass ein tatsächlich interessantes Detail fast unterging. Eher nebenbei kündigte Bob Iger, Vorstandsvorsitzender und Unternehmenschef des Multimilliardendollarkonzerns, eine Verschärfung der firmeneigenen Nichtraucherverordnung an. Diese besteht zwar schon seit 2007 und ist auf der Disney-Homepage auch einigermaßen akribisch dokumentiert, wurde aber nicht immer ganz rigoros eingehalten. Iger versicherte daher, er werde das Rauchen in allen Disney-Produktionen künftig persönlich "vollständig unterbinden"; ferner habe er die entsprechenden Richtlinien auf die Disney-Marken Lucasfilm, Marvel und Pixar ausgeweitet (via).

Nicht betroffen seien lediglich R-Rated-Filme (derer es bei Disney eine überschaubare Menge gibt) sowie Biographien zeithistorischer Persönlichkeiten, bei denen das Rauchen als ein "sachbezogener" Teil der Darstellung gewertet werden müsse (Bob Iger verwies auf einen geplanten Disney-Film über Abraham Lincoln). Allerdings neigt das Studio offenbar auch in diesen Fällen zu besonderer Vorsicht: Über die Nikotinabhängigkeit des an Lungenkrebs verstorbenen Kettenrauchers Walt Disney schwieg sich das auch sonst reichlich schöngefärbte Biopic Saving Mr. Banks großzügig aus – lediglich eine einzige Szene deutete den Tabakkonsum der Produzentenlegende verschämt an, rückte aber weder Fluppe noch Fluppenqualm ins Bild. Der Vorbildfunktion längst dahingeschiedener Persönlichkeiten muss sich die abgebildete Wirklichkeit zwingend fügen.

Früher war alles besser. In Pinocchio machte der holzige Titelheld auf einer Vergnügungsinsel allzu menschliche Erfahrungen und erfreute sich an Glücksspielen, Alkohol und Zigarren. Peter Pan rauchte bei den amerikanischen Ureinwohnern genüsslich eine Friedenspfeife, an der auch Wendys kleiner Bruder Klaus ziehen durfte. Und die nach Hundepelzen gierende Cruella De Vil schmökte ihre Kippen in 101 Dalmatiner sogar betont stilvoll mit Zigarettenspitze. Dann aber folgte eine Erkenntnis, aus der nicht allein Disney Konsequenzen zog. Der oberste US-Mediziner Luther Terry veröffentlichte 1964 seinen berühmten Raucher-Report, der Zusammenhänge zwischen Tabakkonsum und schweren Erkrankungen zweifelsfrei belegte. Es war der Beginn einer langen Reihe äußerst restriktiver Nichtraucherschutzgesetze, die Glimmstängelgebrauch nicht nur erheblich abwerteten, sondern tatsächlich zu einem Umdenken führten: In den USA ist der Anteil erwachsener Raucher von seinerzeit 42,4 auf heute 18,1 Prozent gesunken.

Rauchen also ist schlecht für die Gesundheit. Das mag gemeinhin zwar auch für Alkoholmissbrauch, Verkehrsunfälle oder Waffengewalt gelten, scheint in diesen Fällen aber nicht des kategorischen Verbannens aus dem Kino würdig. Im Gegenteil, die Fressen ihrer Gegner sollen Superhelden nach Herzenslust polieren, nur zur Zigarette greifen dürfen sie nicht. Großstädte in Schutt und Asche zu legen ist unbedingt super, Rauchen allerdings eher uncool. Der Zigarre paffende Wolverine kann demnach froh sein, dass die X-Men-Filmrechte bei 20th Century Fox statt bei Marvel liegen, andernfalls dürfte er seine Klauen wahrscheinlich nur noch rauch-, sprich kinder- und jugendfrei durch Körper bohren.

Disney möchte diese Verordnung natürlich dennoch im schützenden Sinne seines minderjährigen Publikums verstanden wissen, um dessen gesundheitliches Wohlergehen es hochbesorgt ist. Die Filme des Studios dürften keine falschen Signale aussenden, man wolle jüngere Zuschauer nicht zum Rauchen animieren – schon gar nicht mithilfe populärer Comichelden, ehrenvoller Jedi-Ritter oder niedlicher Trickfiguren. Am besten lässt sich dieses Ziel verwirklichen, wenn daher künftig einfach überhaupt niemand mehr in Disney-Filmen raucht, weder vermeintliche Vorbilder noch deren gegnerische Bösewichte. Es schauen schließlich Kinder zu, wenn in hauseigenen Actionorgien wie Captain America 2: The Return of the First Avenger oder Lone Ranger um die Wette geballert wird.

Dies sind nicht allein moralische, es sind systematische Widersprüche. Vor einigen Jahren verschärfte die Motion Picture Association of America jene Bewertungskriterien ihrer berüchtigten Altersempfehlungen (Ratings), die in den USA schon mal über die Wirtschaftlichkeit eines Films entscheiden können. Bei der Beurteilung werde seit 2007 verstärkt darauf geachtet, ob ein Film ohne "strafmildernden historischen Kontext" übermäßigen Tabakkonsum beinhalte oder gar glorifiziere. Zuvor hatten Nichtraucherverbände und Zusammenschlüsse von Staatsanwälten gefordert, dass grundsätzlich jeder Film ein R-Rating erhalten solle (was bedeutet, dass Jugendlichen unter 17 Jahren ohne erwachsene Begleitung der Zutritt verwehrt wird), wenn er rauchende Menschen zeigt.

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moviepilot Team
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