Warum Tim Burton's Corpse Bride dem Geist von Halloween entspricht

Tim Burton's Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche - Trailer (Deutsch)
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© Warner
Tim Burtons Corpse Bride
30.10.2016 - 09:00 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Heute ist Halloween eine Goldgrube für Horrorfilmer und Süßwarenhersteller. Früher bedeutete es aber das Ende der Sommerzeit, zu der die Wand zwischen Dies- und Jenseits verblasst. Ganz im Sinne der alten Traditionen steht Tim Burtons kleines Meisterwerk Corpse Bride.

Halloween war nicht immer die Kommerz-Schlacht, die es heute ist. Vielmehr geht das Fest auf das heidnische Samhain zurück, das den Beginn der dunklen Jahreszeit markierte. Zum Ende der Erntezeit verwischte für die Kelten die Grenze zwischen Menschen- und Geisterwelt. Im christlichen Glauben wurde das Ganze zum All Hallow's Eve am 31. Oktober und der 1. November zum Totengedenktag Allerheiligen. Die Botschaft dieses Gedenkens ist in einem kleinen Stop-Motion-Meisterwerk von Tim Burton perfekt porträtiert: Tim Burton's Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche mit Johnny Depp und Helena Bonham Carter in den Haupt-Sprechrollen.

In der verqueren Welt, mit der wir es hier zu tun haben, lebt eigentlich kaum ein Mensch so recht. Alles, was hier Handlungen und Worte umfasst, geht höchstens als „existieren“ oder „funktionieren“ durch. Ausbrüche aus der geregelten Monotonie werden nicht geduldet. Vor allem nicht für die einzig hoffnungsvollen Figuren Victor (Johnny Depp) und Victoria (Emily Watson), die sich in einem Heiratsarrangement ihrer Eltern wiederfinden. Sie hätten so glücklich miteinander werden können, verlieben sie sich doch tatsächlich ineinander. Hätte Victor nur nicht versehentlich eine Leiche (Helena Bonham Carter) geheiratet. Damit nimmt eine ungewöhnliche Lehrstunde ihren Lauf. Burton schlägt eine Brücke zwischen Geistergrusel und Erinnerung daran, dass uns Halloween einmal Respekt vor den Toten und der Vergänglichkeit lehrte. In einer Zeit, zu der das Erschrecken zum Selbstzweck geworden ist, verdreht er die Perspektiven. Durch den Tausch der Attribute von Lebenden und Toten zeigt er eindrucksvoll, wie gruselig unsere eigene Welt sein kann und dass "am Leben sein" nicht gleich "lebendig sein" ist.

Kopfstand auf allen Ebenen

Massiv fallen die kontrastierenden Eigenschaften von Lebenden- und Totenwelt im gewohnt burtonesquen Design des Films auf. Während die Welt über der Erde farbenfroh und stimmungsvoll bunt sein sollte, ist sie eher das Gegenteil. Die Lebenden sind buchstäblich farblos, die Gesichter aschfahl, entweder eingefallen oder leichenhaft aufgedunsen. Ein Stockwerk tiefer dagegen gibt es schrill bunte Akzente, von den blauen oder grünen Gesichtern der meisten Leichen bis hin zur Beleuchtung. Im Gegensatz zum ordentlichen, schwarzweißen Städtchen oben ist unten alles chaotisch und die Stimmung kocht.

Victors Ankunft in Victorias Haus (oben) und in der Totenwelt (unten)

Selbst die Kleidung unterscheidet sich strikt: In der Oberwelt ist fast alles steif, förmlich und zumeist heiter mausgrau. Die Toten dagegen sind vogelwild unterwegs. Besonders schön lassen sich die beiden Bräute vergleichen: Victoria trägt brav ihr bis unters Kinn geschlossenes Kleidchen und wird für ihr Hochzeitskleid in ein enges Korsett gezwängt. Emily dagegen zeigt Haut (und Knochen) mit Herzausschnitt und fast schon empörend weit geschlitztem Rock.

Tim Burtons ewiger Verbündeter Danny Elfman wiederum schafft einen herrlich gegensätzlichen Soundtrack. In der Lebendenwelt herrscht der ewig gleiche monotone Rhythmus vor. Die Lieder der Sterblichen drehen sich um den großen Plan und warten mit seltsam unheilvollen Harmonien auf. Orgel und Cembalo herrschen als verstaubte Instrumente vor. Natürlich sieht es bei den Toten wieder ganz anders aus. Hier gibt es verruchten Barjazz mit wilden Soli, Bläserensemble und frei interpretierten Rhythmen. Dazu ein Sänger (gesungen von Danny Elfman persönlich), der ebenso improvisiert wie der Rest der Bande. Im Wedding Song wechseln Takt und Melodie, je nach singender Partei, und so wird von den gefallenen Soldaten schon mal ein freudiges „Hurra!“ geschmettert. Emilys Klagelied ist gefühlvoll und leidenschaftlich. Insgesamt wird unten deutlich mehr gesungen als oben.

Corpse Bride - Clip Hochzeit (Deutsch)
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Leben ist nicht gleich lebendig sein

Im Grunde genommen ist das Problem der Lebenden aus Corpse Bride simpel. In dieser Gesellschaft herrscht vor allem eins: Zeit. Schließlich ist unser aller Zeit auf Erden begrenzt, woran uns Halloween und Allerheiligen in gewisser Weise erinnern sollen. Doch irgendwie hat sich der Fokus in Corpse Bride von "Carpe Diem" hin zur Devise "Zeit ist Geld" verschoben. Die Menschen verschenken kostbare Augenblicke aus Gier nach Ruhm und Reichtum. Darüber vergessen sie aber, dass Zeit einen ganz anderen Wert hat. Aus dieser Gier heraus wollen Victors und Victorias Eltern die zwei verheiraten, genau wie sie es von sich selbst kennen. Aus derselben Motivation heraus handelt der eigentliche Bösewicht des Films, Lord Barkis.

Die Toten dagegen haben kein Geld und keine Zeit mehr zu verlieren. Sie können ihre Form des Lebens in vollen Zügen genießen und führen vor Augen, wie es gemacht werden sollte. Als die Toten die Welt der Menschen betreten, wird aber klar, was trotz ihrer Fröhlichkeit unumstößlich bleibt: Wer tot ist, entkommt zwar den Zwängen des Lebens, doch er verliert auch alles, was ihn ursprünglich ausmachte. Seine Liebsten, sein eigentliches Zuhause und ein Sinn im Dasein. Ein Lebensziel und seine Erfüllung erreichen, kann man eben nur innerhalb der Zeit, die einem auf Erden gegeben ist. Im Land unten sind die lebenden Leichen stehengeblieben, können sich nicht mehr weiterentwickeln. In dieser Zwischenwelt hängen sie fest, bis sie ihre Erlösung finden. Erst, wer seinen Frieden gemacht hat, kann weitergehen, woran Emilys tragisches Schicksal schmerzhaft erinnert. Mit der Auflösung ihrer Geschichte endet auch Burtons Lehrstunde.

Guckt ihr Corpse Bride an Halloween?

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