Ekstatische (Un)Wahrheiten

Werner Herzog an den Grenzen & jenseits von Kinski

Werner Herzog auf der Suche nach ekstatischen (Un)Wahrheiten
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Werner Herzog auf der Suche nach ekstatischen (Un)Wahrheiten
moviepilot Team
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Wenngleich Werner Herzogs Präsenz in Deutschland in den vergangenen Jahren wieder deutlich zugenommen hat (so feierte beispielsweise sein jüngstes Werk, Königin der Wüste, auf der Berlinale 2015 seine Premiere), ist er in der allgemeinen Wahrnehmung immer noch der Wahnsinnige, der einst mit Klaus Kinski drehte. Fünf Filme haben die beiden gemeinsam realisiert und eine Dokumentation über diese zweifellos außergewöhnlichen Kollaborationen gehört bis heute zu Werner Herzogs erfolgreichsten Filmen im eigenen Heimatland. Ein Resümee, das stutzig macht, beweist sich Werner Herzog doch mit unglaublicher Produktivität als einer der vielseitigsten Filmschaffenden überhaupt. Die Essay-Sammlung Werner Herzog - An den Grenzen, herausgegeben von Kristina Jaspers und Rüdiger Zill, beschäftigt sich daher mit den Teilaspekten seines Schaffens, die vor allem hierzulande bisher nur bedingt Gehör gefunden haben.

Grenzüberschreitungen auf der Suche nach ekstatischer Wahrheit

Mitte der 1990er Jahre verließ Werner Herzog Deutschland und fasste zuerst in San Francisco und später in Los Angeles Fuß. Während seine Popularität in den USA stetig wuchs, drohte seine Präsenz in der deutschen Kinolandschaft gänzlich zu verblassen, sodass international gefeierte Werke wie Grizzly Man oder Begegnungen am Ende der Welt nicht einmal in hiesigen Lichtspielhäusern ausgewertet wurden. Im Interview gibt er dennoch ein selbstbewusstes "Ich war nie weg" zu Protokoll. Und vielleicht hat er recht: Königin der Wüste ist weiterhin im Programm vereinzelter Kinos zu finden, obwohl der Kinostart bereits zwei Monate zurückliegt. Trotzdem gibt es "zahlreiche neue Aspekte in Herzogs Werk zu entdecken", wie es im Vorwort zu Werner Herzog - An den Grenzen heißt. Der bombastische Ausflug ins Leben von Gertrude Bell gehört in seiner Eigenschaft als Werner Herzogs erstes großes "Hollywood-Opus" sicherlich dazu - genauso wie das wiederkehrende Motiv der "ekstatischen Wahrheit".

Immer wieder kommen die Texte der verschiedenen Autoren (elf an der Zahl), die einen Beitrag zu Werner Herzog - An den Grenzen beigesteuert haben, auf die "ekstatische Wahrheit" zurück. Wie ein roter Faden zieht sich der Begriff durch die 208 Seiten und umschreibt damit das, was Werner Herzog am Ende seiner Reisen zu finden hofft. Stets befindet er sich auf der Suche nach den Grenzen der Welt und den Menschen, die jene Grenzen überwinden, wenn er es nicht gleich selbst tut. Eine ganz besondere Grenze überwindet er zu Beispiel in seiner Trilogie Fata Morgana, Lektionen in Finsternis und The Wild Blue Yonder: Alle drei Filme beherbergen unfassbare Bilder - und die Tatsache, dass sie aus der Sicht eines Außerirdischen gefilmt sind. Kristina Jaspers, ihres Zeichens Kuratorin der deutschen Kinemathek in Berlin, sieht hier "Poesie und Pathos" verschmelzen, ähnlich wie Filmwissenschaftler Chris Wahl, der im Kapitel zuvor diese "neuen" Bildern ergründet und zu dem Entschluss kommt, dass der Regisseur ein "Kind des Aufbruchs" im Kino ist.

Die Ungewissheit zwischen Wahrheit und Täuschung

Spannend ist die Auseinandersetzung mit Werner Herzog und seiner "ekstatischen Wahrheit" in Werner Herzog - An den Grenzen deswegen, weil sie aus so vielen unterschiedlichen Perspektiven entsteht. Abwechselnd spielen sich Distanz und Bewunderung in den Vordergrund, so etwa, wenn Bernd Kiefer "von einem, der auszog, um uns fremd zu bleiben", berichtet und dabei Werner Herzogs Image im Lauf der Zeit näher beleuchtet. Auf einmal wird aus dem Filmemacher Werner Herzog eine popkulturelle Persönlichkeit, um die sich gleichermaßen Legenden ranken, wie sie gezielt von ihm gestreut werden. Auch das ist Bestandteil der "ekstatischen Wahrheit", die insbesondere durch die Vorzüge bewusster Manipulation bzw. Inszenierung seitens Werner Herzog als Gegenstück zum Cinéma vérité, das er so verachtet, entworfen wurde. Dadurch wird ebenfalls betont, dass es mittlerweile fast unmöglich ist, einen geraden Strich zwischen Wahrheit und Unwahrheit in seinem Werk zu ziehen.

Grizzly Man, Begegnungen am Ende der Welt, The White Diamond und Die Höhle der vergessenen Träume tauchen in diesem Kontext häufig auf. Obgleich ihrer Eigenschaft als Dokumentarfilme gibt es immer wieder Momente, in denen der Begriff der Wahrheit ein dehnbarer ist. Aufnahmen vom Innenleben einer Höhle enthält Werner Herzog seinem Publikum vor, ebenso die Aufzeichnungen von Timothy Treadwells Tod. Im Off-Kommentar begründet er diese Entscheidungen damit, dass er sich in erster Linie als Geschichtenerzähler und nicht als Archivar versteht. So beschreibt auch Filmkritiker Daniel Kothenschulte im Kapitel "Kunst als Kunstvermittlung" äußerst aufschlussreich und detailliert die Installation Hearsay of the Soul, in der Werner Herzog die Bilderwelten des niederländischen Malers und Radierers Hercules Seghers mit Cellist Ernst Reijseger zu neuem Leben erweckt und nicht bloß mit Projektoren an die kalten Wände eines Museums wirft.

Grenzüberschreitung in den Abgrund des Menschen

Ernst Reijseger hat auch die Musik zu Ein fürsorglicher Sohn komponiert und dieser Film bildet ein wunderbares Double-Feature mit Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen, wie Kunstkritikerin Esther Buss herausstellt. In beiden Filmen finden sich vergleichbare Motive, so zum Beispiel das der Täuschung, welches wiederum ein entscheidendes Element auf der Suche nach "ekstatischer Wahrheit" ist. Nur ein einziges Mal scheint Werner Herzog sich in diesem manipulativen Punkt zurückzunehmen, nämlich dann, wenn er sich direkt in den Todestrakt begibt. Tod in Texas und die Serie On Death Row beherbergen Gespräche mit Menschen, die zum Tode verurteilt wurden. Valérie Carré wirft einen umfangreichen Blick auf dieses monströse Projekt von Werner Herzog, der sich auf den letzten Seite des Buches in Form eines transkribierten Publikumsgesprächs, das im Oktober 2012 im Kino Arsenal stattgefunden hat, zu diesem Thema selbst zu Wort melden darf. In Kombination sind das die interessantesten Teile von Werner Herzog - An den Grenzen.

Insgesamt richtet sich das Buch an eine Leserschaft, die ein gewisses Grundwissen hinsichtlich Werner Herzogs früher Arbeiten mitbringen, denn auf diesen wird aufgebaut. Sehr schön ist die Verknüpfung zwischen den verschiedenen Schaffensphasen, als einziger Kollateralschaden entpuppt sich dabei die Wiederholung: Oftmals fangen die Autoren ganz vorne an und bahnen sich erst langsam ihren Weg zum eigentlichen Knackpunkt ihres Textes, sodass regelmäßig ein Status quo etabliert wird, der längst bekannt ist. Andererseits ist es nicht ganz unspannend zu lesen, wie die einzelnen Autoren in diesen Passagen Werner Herzog gegenüberstehen. Besonders emotional fällt die Annäherung zum Beispiel im Rahmen der abgedruckten Laudatio aus, die Edgar Reitz anlässlich des Kulturelleren Ehrenpreises Anfang des Jahres in München gehalten hat. Vielleicht liegt es gerade an diesen vielen unterschiedlichen Perspektiven und der vorherrschenden Themenvielfalt, dass Werner Herzog - An den Grenzen so lesenswert ist.

Werner Herzog - An den Grenzen ist im Bertz + Fischer-Verlag erschienen.

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