Wie dreht man eine Marvel-Serie in einem McDonald's? Loki-Regisseur Dan DeLeeuw im Interview

16.10.2023 - 16:00 UhrVor 4 Monaten aktualisiert
Sophia Di Martino als Sylvie in Loki Staffel 2
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Sophia Di Martino als Sylvie in Loki Staffel 2
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Ohne ihn wäre das Finale von Avengers: Endgame nicht möglich gewesen. Jetzt führt er bei Loki Regie. Wir haben Marvel-Veteran Dan DeLeeuw zum Interview getroffen.

Seit zehn Jahren ist Dan DeLeeuw ein Teil des Marvel Cinematic Universe. Trotzdem ist er vielen Fans des erfolgreichen Superhelden-Universums kein Begriff. Anders als Marvel-Chef Kevin Feige, dem oft die Planung des Mega-Franchise zugesprochen wird, steht DeLeeuw selten im Scheinwerferlicht. Seit Iron Man 3 war er jedoch in die Entstehung der wichtigsten Filme involviert. Jetzt erzählt er Lokis Geschichte bei Disney+.

Loki-Regisseur Dan DeLeeuw im Interview über seine Marvel-Karriere, McDonald's und den perfekten Song für Sylvie

DeLeeuw ist seit Anfang der 1990er Jahre in Hollywood als Filmtechniker unterwegs und hat sich auf die Arbeit mit visuellen Effekten spezialisiert. Von The Rock über Armageddon bis Nachts im Museum: DeLeeuw weiß, wie Spektakel in Hollywood-Filmen aussieht. Kein Wunder, dass er eines Tages seinen Weg ins MCU gefunden und dort Mega-Blockbuster wie Avengers: Infinity War und Avengers: Endgame mitgestaltet hat.

Im Rahmen der 2. Staffel von Loki liefert er nun seine erste eigene Marvel-Episode ab. Ein großer Schritt: DeLeeuw hat die Inszenierung der 2. Folge übernommen, in der es um die Suche nach Sylvie (Sophia Di Martino) geht, ehe wir uns in einem McDonald's im Jahr 1982 wiederfinden. Doch wie dreht man eine Marvel-Serie in einem McDonalds? Darüber und mehr habe ich mit DeLeeuw im Interview gesprochen.

Moviepilot: Dich verbindet inzwischen eine lange Geschichte mit Marvel. Wie hat das alles angefangen?

Dan DeLeeuw: Schon als Kind war ich ein großer Fan der Comics. Als Erwachsener hat mich dann sehr beeindruckt, was sie [mit dem Marvel Cinematic Universe] gemacht haben, sodass ich mich bei Iron Man 3 als Second Unit Visual Effects Supervisor beworben habe. Eigentlich hatte ich davor bei mehreren Produktionen in der First Unit gearbeitet, aber ich wollte einen Schritt zurücktreten, um mich richtig in dem Universum einzufinden. Danach ging es für mich bei Winter Soldier in der First Unit weiter. Mit [den Regisseuren Joe und Anthony Russo] hatte ich die Zeit meines Lebens. Zusammen haben wir Winter Soldier, Civil War, Infinity War und Endgame gemacht.

Tom Hiddleston als Loki in Loki Staffel 2

Wie bist du von visuelle Effekten zur Regie gekommen?

Im Grunde hat es bei den letzten Avengers-Filmen angefangen. Wir haben Infinity War und Endgame direkt hintereinander gedreht. Aufgrund der Postproduktion von Infinity War konnten wir den Dreh von Endgame nicht beenden und mussten eine Pause einlegen. Diese Zeit haben wir auch genutzt, um an der Prävisualisierung der finalen Schlacht von Endgame zu arbeiten. Als Joe mich fragte, ob ich Teile davon selbst drehen will, sagte ich: "Das wäre großartig!" Daraufhin haben wir uns wie beim Tischtennis den Ball hin- und hergespielt. Ich habe einen Teil der Schlacht gedreht und Joe und Anthony haben einen Teil gedreht. Das war der Beginn meiner Karriere als Second Unit Director. Und jetzt bin ich als Regisseur bei Loki dabei.

Auf welche Szene, die du bei Endgame gedreht hast, bist du besonders stolz?

Ich meine, wir haben alle daran gearbeitet, aber ich würde den Moment nehmen, in dem Iron Man, Thor und Captain America gegen Thanos kämpfen und Captain America am Ende Thors Hammer fängt.

Was ist das Wertvollste, das du als Regisseur von den Russos gelernt hast?

Die Russos besitzen unglaubliches Wissen und Voraussicht. Sie haben von Anfang an verstanden, wie groß und komplex diese Filme sind, und waren für alle Ideen offen. Die gesamte Crew konnte Input geben, angefangen bei der Prävisualisierung bis hin zu den Stunts. Am Ende zählt immer die beste Idee. Was du also bei der Schlacht in Endgame siehst, ist die Summe davon. Ohne die Offenheit der Russos wäre das nicht möglich gewesen. Genau diese Einstellung versuche ich, als Regisseur zu übernehmen.

Bei Loki Staffel 2 bist du einer von vier Regisseuren. Justin Benson und Aaron Moorhead haben die Episoden 1, 4, 5 und 6 gedreht. Kasra Farahani hat Episode 3 und du Episode 2 übernommen. Wie funktioniert da die Zusammenarbeit?

Bei Loki kannte ich mich gut aus, weil ich der Visual Effects Supervisor von Staffel 1 war. Als ich bei Staffel 2 als Regisseur an Bord kam, konnten wir auf das System zurückgreifen, das wir während der Vorproduktion von Staffel 1 etabliert hatten. Wir kommen alle im Writers' Room zusammen und arbeiten an der groben Geschichte. Sobald die Drehbücher einigermaßen in Form sind, kommen die Schauspieler dazu und jeder kann seine Ideen beitragen. Es ist wie bei den Russos. Ich arbeite nicht allein an meiner Episode. Stattdessen haben wir die gesamte Staffel im Blick. Das ist wichtig, wenn es zum Beispiel um die Zeitreise-Regeln geht. Am Ende des Tages haben wir ein Drehbuch mit allen Ideen und einen genauen Plan, wie wir dieses umsetzen wollen.

War von Anfang an klar, dass du Episode 2 übernimmst?

Ich glaube, sie haben uns die Episoden bewusst nach unseren Stärken zugeteilt. Justin [Benson] und Aaron [Moorhead] sind ein brillantes Duo und haben einen Großteil der Hauptgeschichte übernommen. Kasra [Farahani] ist für Episode 3 verantwortlich, die während der Weltausstellung 1893 spielt. Da hat es sehr viel Sinn ergeben, dass er als Produktionsdesigner der Serie auch die Inszenierung übernimmt. Mich hat es direkt zu den Verfolgungsjagden in Episode 2 hingezogen. Das ist mein Spezialgebiet. Ich hatte aber auch sehr viel Spaß bei den dramatischen Szenen mit dem Cast.

Sophia Di Martino als Sylvie in Loki Staffel 2

Welche Szene war die größte Herausforderung für dich?

Alle Szenen, die wir in einer Episode drehen, sind bis aufs kleinste Detail durchgeplant. Die Verfolgungsjagd in London war trotzdem eine besondere Herausforderung, weil wir viele Nachtszenen im Sommer drehen mussten – also bei nur viereinhalb Stunden kompletter Dunkelheit. Tagsüber haben wir so viel vorbereitet, wie wir konnten. Sobald unser Kameramann grünes Licht gegeben hat, haben wir die Szenen so schnell wie möglich gedreht. An manchen Tagen haben wir es aber nicht geschafft. Trotz der ersten Sonnenstrahlen haben wir versucht, es wie Nacht aussehen zu lassen.

Eine besondere Location in Episode 2 ist der McDonald's im Oklahoma, wo Sylvie – zumindest für eine kurze Zeit – ihren Frieden findet. Wie kam das zustande? Habt ihr wirklich in einem McDonald's gedreht?

Zuerst haben einen passenden Ort für diesen Teil der Geschichte gesucht. McDonald's schien eine gute Wahl zu sein, weil mit diesem Ort eine gewisse Nostalgie verbunden wird und er sehr sinnbildlich für das Amerika der 1980er Jahre steht. Daraufhin haben wir uns an McDonald's gewandt und unsere Idee vorgestellt. Die haben uns mit allen möglichen Informationen versorgt, wie damals ein typischer McDonald's ausgesehen hat. Von der Tapete an der Wand über die Zusammensetzung der Hamburger bis hin zu dem Geräusch beim Öffnen einer Kasse: In den Archiven haben wir viele hilfreiche Referenzen gefunden, um unseren eigenen McDonald's zu bauen. Eingerichtet haben wir das alles in einem alten Curry-Restaurant, das davor ein Jahr lang nicht genutzt wurde. Das Art Department hat den Ort komplett umgewandelt.

Die Episode endet mit einem schönen Musik-Moment, der die Stimmung und Sylvies Gefühle perfekt einfängt. Kozmic Blues von Janis Joplin – wie seid ihr auf den Song gekommen?

Wir sind sehr viele Songs durchgegangen und haben überlegt, welcher am besten passt. Angefangen haben wir mit Songs aus den 80ern, weil die Handlung dort spielt. Inspiriert wurden wir u.a. von der Szene aus Teen Lover, in der John Cusack den Radiorecorder hochhält und sich die Kamera auf ihn zu bewegt. Das wollten wir auch mit Sylvie machen. Die Songs aus den 80ern funktionierten aber nicht. Also haben wir uns gefragt, welche Musik die Figur hören würde, und sind bei Kozmic Blues gelandet. Als wir [Sylvie-Darstellerin] Sophia [Di Martino] davon erzählt haben, verriet sie uns, dass sie sich eine Playlist zusammengestellt hat, um sich in Sylvies Kopf zu versetzen. Auf dieser Liste befand sich auch Kozmic Blues – damit war es entschieden.

Die 2. Staffel von Loki startete am 6. Oktober 2023 bei Disney+ und umfasst insgesamt sechs Episoden. Diese werden jeden Freitag einzeln veröffentlicht.

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