Wie Josh Brolins abseitige Männlichkeit das Kino bereichert

Josh Brolin
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Josh Brolin
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You want it darker, we kill the flame.

Josh Brolin ist vor wenigen Monaten 50 Jahre alt geworden und überrollt das Blockbusterkino momentan wie kaum ein Zweiter: Als übermächtiger Schurke Thanos macht er Marvels Avengers Beine, demnächst lässt er es in Deadpool 2 an der Seite von Ryan Reynolds ordentlich krachen. Gestern lief hierzulande das Feuerwehr-Drama No Way Out - Gegen die Flammen an, ein Film, dessen Helden keinem Comic, sondern dem wahren Leben entspringen. Natürlich wartet auch noch das düstere Thriller-Sequel Sicario 2 auf seine Veröffentlichung, in dem Josh Brolin die Rolle des Flip Flops tragenden Regierungsbeauftragten Matt Graver erneut aufnimmt. Seit der Darsteller vor über 30 Jahren als Mitglied der Goonies für Furore sorgt, ist ohne Zweifel eine Menge passiert, unter anderem der entscheidende Wandel zum Leading Man. Aktuell scheint sein Gesicht allgegenwärtig, doch es ist kein Gesicht, dessen wir schnell überdrüssig werden. Brolins schmale dunkle Augen künden von Härte und Unnahbarkeit, doch seine besten Rollen jonglieren mit jener Vermutung wie mit einem Gummiball. Als Mensch hinter dem Star wiederum verspricht er nichts, was er nicht halten kann und macht es uns damit leicht, ihn gern zu haben.

Der lange Weg zum Charakterdarsteller

Wenn Josh Brolin in Interviews seine Karriere Revue passieren lässt, mutet es beinahe so an, als habe diese erst 2007 mit No Country for Old Men begonnen. Die Zusammenarbeit mit den Coens bringe Filme hervor, auf die er stolz sein könne, wogegen er zuvor jeden Job angenommen habe. Tatsächlich waren es die berühmten Regie-Brüder, die an den Charakterdarsteller Brolin glaubten und ihn nach zahlreichen Nebenrollen (darunter in Planet Terror) zu Höherem berufen sahen. Damals griffen für den Schauspieler alle Räder ineinander: Unterstützung bei seiner Bewerbung erhielt er von Quentin Tarantino, denn niemand Geringeres als der Kultregisseur hielt Brolins Vorsprechen für den Part des Antihelden Llewelyn Moss mit der Kamera fest.

Sowohl vor (American Gangster) als auch nach (True Grit) dem oscarprämierten Neo-Western trat Josh Brolin auf der großen Leinwand mehrmals als Antagonist in Erscheinung, was die Sonderstellung von No Country For Old Men innerhalb seiner Filmographie umso mehr festigt. In der coen'schen Schicksalsfarce verkörpert er einen ziemlich gewöhnlichen Kerl, der, als er durch eine vermeintlich glückliche Fügung 2 Millionen Dollar findet, genau das tut, was wohl die meisten Menschen tun würden: das Geld mitnehmen in der Hoffnung, sich und seiner Familie damit ein besseres Dasein zu bereiten. Dumm nur, dass die Situation ausgerechnet in dem Moment zu eskalieren beginnt, als Moss an den Fundort zurückkehrt, um einen Verwundeten mit Wasser zu versorgen. Am Ende sollte es Javier Bardem sein, der mit seiner Darstellung des abgründigen Anton Chigurh offene Münder provoziert. Sein Co-Star wirkt demgegenüber unauffälliger, was indes trügt. Brolins Schauspiel nämlich ist eine Meisterleistung in Sachen Minimalismus und insofern oft kennzeichnend für ihn. Keine einzige überflüssige Geste verrät die Ausweglosigkeit hinter Moss' waghalsigem und zugleich doch alternativlosem Fluchtplan, während jene ultimative Maskulinität, die Brolins Schnauzbart dem Zuschauer verspricht, zusehends verpufft.

Mittlerweile ist Josh Brolin ein Liebling diverser US-amerikanischer Autorenfilmer, die ihn nur allzu gerne mit gewichtigen Aufgaben betrauen. So wissen beispielsweise auch Woody Allen (Melinda und Melinda, Ich sehe den Mann deiner Träume), Paul Thomas Anderson (Inherent Vice - Natürliche Mängel) und Oliver Stone, was sie an dem 50-Jährigen haben. Eine Marke setzte Brolin insbesondere in Stones launigem Biopic W - Ein missverstandenes Leben rund um den ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush. Hier spielt er über die fehlende optische Ähnlichkeit zu dem umstrittenen Politiker einfach hinweg, während der Zuschauer herzhaft lachen und die ganze (Lebens-)Geschichte obendrein auch maximal tragisch finden darf. Genau wie Bush weiß Brolin übrigens, was es bedeutet, in die Fußstapfen eines berühmten Vaters zu treten: Bei ihm handelt es sich schließlich um den Sohn des Schauspielers James Brolin (Westworld).

Das Klischee wankt und fällt

Was also lauert hinter diesem grimmigen Gesicht, das wir so lieben? In vielen seiner Filme erleben wir Josh Brolin als ein Sinnbild trügerischer Männlichkeit, die in verschiedenen Formen auftritt und sich mitunter sogar selbst verhandelt. Dabei schreckt der gebürtige Kalifornier auch vor drastischeren Aufgaben nicht zurück wie zum Beispiel seinem Part in Gus van Sants Milk. Hier spielt er einen homophoben Politiker, von dem angedeutet wird, dass er selbst schwul sein könnte. Gerne stellen wir uns Brolin als Cowboy vor, mit einer Zigarette im Mundwinkel der Sonne entgegen reitend. Bei näherer Betrachtung hingegen fällt das romantische Klischee des lässigen Einzelgängers nicht selten in sich zusammen. Besonders aufschlussreich ist mit Blick darauf gerade Brolins einziger Liebesfilm Labor Day über einen entflohenen Sträfling, der in den Armen einer alleinerziehenden Hausfrau landet.

Josh Brolin steckt voller Überraschungen und lässt sich weder von beruflichen noch privaten Rückschlägen unterkriegen: Neujahr 2013 verbrachte er noch in einer Ausnüchterungszelle, jetzt ist er im Kino so gefragt wie nie. Vereinzelte Flops wie Jonah Hex können ihm offenbar nichts anhaben und seine Zukunft als kantiger Mutant Cable in der Deadpool-Reihe ist gesichert, dabei mag Brolin das Konzept von Franchises angeblich gar nicht. In No Way Out dürfen wir ihn nach seinem Gastspiel als junge Version des Alienjägers K. in Men in Black 3 auch mal wieder als Held bewundern. Das ist zwar eine kleine Umgewöhnung, aber womöglich kein Bild für die Dauer. Wie Brolin es schafft, einfach die coole Socke von nebenan zu bleiben, ist derweil weiterhin sein Geheimnis.

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