Lost in Syndication

Warum ich froh bin, dass LOST endlich vorbei ist

Frust - Die Serie
© montage moviepilot
Frust - Die Serie

Ich geb zu, ich mochte Lost mal ziemlich gerne. Nach tausend Familienserien und Sitcoms, die halb so lustig sind wie Mario Barth, war LOST eine willkommene Ablenkung. Eine Serie, die mit gewaltigem Aufwand einen wahrlich furiosen Start hinlegte. TV, das wirklich nach Kino aussah und eine Menge Rätsel und scheinbar genial gestreute Hinweise, die alle auf ein mächtigeres, größeres Geheimnis hindeuteten.

Dazu – wie so oft in angelsächischen und so selten in deutschen Serien – eine wirklich talentierte Besetzung, die mehr konnte als nur rumstehen und gut aussehen. Die Idee mit den Flashbacks, die nach und nach Details über die Figuren enthüllten, war ebenso gelungen wie die Infohäppchen, die die Macher den Zuschauern gekonnt servierten. Ein Monster im Wald, vielleicht sogar ein Saurier? Ein Eisbär, der irgendwie mit den vielen Eisbärfiguren in Comics und Rückblenden zusammenhängen musste und ein Cliffhanger am Ende der ersten Staffel, der viel versprach.

Doch gleich eines der ersten Interviews mit dem Lost-Mastermind Damon Lindelof ließ Böses ahnen: Freimütig gab er damals zu, vom Erfolg der Serie überrascht worden zu sein, dass sie einen sehr vagen Handlungsbogen für ca. 3 Staffeln im Kopf hätten und er machte keinen Hehl draus, dass der Fortgang der Handlung eher von den Einschaltquoten und den Buchungen der Werbekunden, denn von einem wirklichen Masterplan abhinge. Den gäbe es nicht.

Ein ziemlicher Schlag ins Gesicht für all jene, die glaubten, aus den Puzzleteilen ließe sich etwas Sinnvolles herauslesen. All die Spekulationen und zum Teil wirklich inspirierten Theorien, die in Foren und Newsgroups gesponnen wurden, waren mit einem Mal für die Katz, eine richtige Lösung gab es nicht, denn keiner der Autoren wusste selbst, was die ganzen Andeutungen bedeuteten. Die Macher entwickelten die Serie im Gehen, was etwa so lustig ist wie mit Bilbo das alte Rätselspiel zu spielen. Was hab ich in meiner Tasche? Keine Ahnung, mein Schatz, ich hab nicht mal Hosen an.

Der unbedingte Zwang Lost entgegen der initialen Erwartung plötzlich für eine lange Laufzeit fit zu machen, führte zu einer desaströsen zweiten Staffel, in der etwa zwei Folgen tatsächlich relevante Handlung auf über 20 Episoden gestreckt wurden. Es passierte einfach nichts mehr, nachdem Locke den Hatch entdeckt hatte. Die Flashbacks wurden zu öden Pflichtübungen, die nichts substantiell Neues enthüllten, sondern in epischer Breite das wiederholten, was wir im Endeffekt doch schon wussten. Dazwischen gab es die Expedition der Woche, in der irgendwer aus dem Hatch auszog, um am Ende wieder zurückzukehren. Raus aussem Hatch, rinn innen Hatch. Das alte Rein-Raus-Spiel, wie Kollege Alex wohl sagen würde.

Alles zog sich wie Schmelzkäse, uninteressante Nebenfiguren, die für die Handlung völlig irrelevant waren, wurden ausführlichst durchdekliniert und auch gern mal aus der Serie geschrieben, weil ihre Schauspieler besoffen Auto fuhren und ihnen danach die Einreise nach Hawaii versagt blieb. War aber egal, denn sie spielten ja eh keine Rolle. Schwere Kindheit in Afrika, Drogendeals in Takatukaland, Walt quatscht rückwärts und Locke driftete in den religiösen Wahn ab – alles irgendwie egal. Warum passierten die Dinge? Darum. Es ging nicht mehr darum, eine gute spannende Story zu erzählen und eine in sich schlüssige Dramaturgie zu entwickeln, es galt Strecke zu machen. Im Zweifel erzählte man halt irgendetwas in einem Flashback, warf ein paar kryptische Momente in den Topf und vertraute darauf, dass die Zuschauer das schon fressen würden. Ohh…. so mysteriös. Oh so geheimnisvoll, was mag das alles nur bedeuten?

Wo andere Serien wenigstens pro Staffel einen B-Arc boten, der aufgelöst wurde, türmten sich bei Lost nur Andeutungen auf Andeutungen, bis auch gutwillige Zuschauer langsam entnervt reagierten. Schon 2006 beklagte sich MSN-Journalist Raoul Mowatt in einem lesenswerten Offenen Brief bei den Machern:

“1. Löst mehr Rätsel. Wir können euch schon hören, wie ihr sagt: “Aber wir haben den Leuten doch erzählt, was in dem Bunker ist und zeigten, dass dieses Knopfgedrücke zu was nütze ist.” Super, Leute. Klasse.

Nach zwei Staffeln wissen wir immer noch nichts über Rousseau.
Oder warum die “Anderen” Kinder entführen. Wir wissen nicht, warum viele der Gestrandeten sich vorher über den Weg gelaufen sind, bevor sie auf Flug 815 eingecheckt sind. Wir wissen nicht, was mit der Leiche von Jacks Vater geschehen ist. Wir wissen nicht, was es mit Walts speziellen Kräften auf sich hat. Wir wissen nichts über die Dinge, die urplötzlich auftauchen. Wir wissen nicht, was dieses Rauchmonster ist. Wir wissen nicht, wie Locke paralysiert wurde. Und so weiter und so fort."

Zwar wurden immer mal wieder ein paar auch der oben genannten Rätsel angesprochen, aber die Serie ergötzte sich weiterhin an ihrem andeutungsschwangeren Gebruddel, anstatt wirklich mal irgendwo einen Schlussstrich zu ziehen. Und ich muss zugeben: Das Rauchmonster war einer der LOST-Momente, in denen zwischen mir und der Serie etwas zerbrochen ist. Was am Anfang ein echtes Monster, ein Saurier, ein ID-Wesen, King Kongs schwuler Schwager oder Godzillas Schwiegermutter hätte sein können, entpuppte sich als lausig getrickster dummer Rauch.

Ich meine, WTF? Als Serie, die als Kino im TV anfing, hätte es LOST nicht schlimmer treffen können. Wimmelte die erste Staffel von großen Bildern und aufwendigen Sets – etwa das gestrandete Piratenschiff – wurde die Serie immer kleiner und kleiner. Den Höhepunkt bildeten die dutzende Folgen in Staffel 3, die nur noch in eindeutig als solche zu erkennenden Studiosets stattfanden. Das war mehr Hogans Heroes als Jurassic Park. Boredom at the Backlot, wie ich diese Folgen nannte, wenn man stundenlang nichts Besseres zu tun hatte als Sawyer und Kate im Käfig zuzusehen und Jack, der in irgendeinem Dampfkochtopf saß. Dazu waren die Charaktere jetzt je nach Folge und Situation völlig unterschiedlich disponiert. Locke hatte sich von einem smarten, humorvollen Gung-Ho-Typen zu einem schizoiden Fanatiker entwickelt, der wenig Raum für eine glaubwürdige Charakterentwicklung ließ – und das, obwohl Terry O’Quinn ein wirklich toller Schauspieler ist. Wenn er jetzt stirbt und als Jakobs Bruder aka wandelnde Rauchbombe wieder aufersteht und nebenher noch die Zeitreisevariante von Kain und Abel nachgespielt wird, hört es bei mir irgendwo auf.

Die Macher versuchen seit einer Weile diese Konzeptlosigkeit als “Der Weg ist das Ziel” zu rechtfertigen und wenn gewisse essentielle Rätsel, auf die ewig Zeit verschwendet wurde, mal eben im Vorbeigehen als Nichtigkeit (“Jakob has a thing for numbers…”) entlarvt werden, dann ist für mich der Bogen zur böswilligen Zuschauerverarsche lange überspannt. Wenn ich das wollte, könnte ich mir auch in der U-Bahn singend mit einem Gummiehuhn auf den Kopf hauen – das würd vermutlich mehr Spaß machen.

Wenn also nach diesem Wochenende für Lost der letzte Vorhang fällt – wahrscheinlich mit genug mysteriösen Andeutungen, um auch kommende Spielfilme und TV-Specials offen zu lassen – dann bleibt mir nur ein erleichtertes: Endlich.

Denn nichts ist schlimmer als verlorene Zeit.

Ich schau dann weiter Doctor Who.

Deine Meinung zum Artikel Warum ich froh bin, dass LOST endlich vorbei ist