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Battle Royale – Nach Indizierung wieder erhältlich

Battle Royale
© Capelight
Battle Royale
moviepilot Team
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Meint es gut mit den Menschen.

Im Kino der jüngeren Vergangenheit genießt Japans als leistungsfähig bekanntes Bildungssystem einen eher zweifelhaften Ruf, gleich mehrfach entwarfen einige Filmemacher Schreckensbilder von schulischen Milieus. Shion Sono erzählte in Suicide Circle von adoleszenter Todessehnsucht unter anderem durch Teenager, die sich während der Mittagspause vom Schuldach stürzen, und ließ in Tag blutrünstige Winde (!) sowie bewaffnete Lehrkräfte auf Schülerinnen los. Takashi Miike inszenierte mit Lesson of the Evil und As the Gods Will zwei Filme über Interdisziplinarität der etwas anderen, nämlich hemmungslos gewalttätigen Art. Im einen nutzt ein Englischlehrer den gemeinsamen Projektabend, um seine Schutzbefohlenen umzubringen, im anderen jagen spielwütige Monsterpuppen Schüler durch Klassenzimmer und Turnhallen. Begründete Skepsis gegenüber vermeintlich pädagogischen Autoritäten weckte nicht zuletzt Geständnisse, in dem eine rachsüchtige Lehrerin ihren Zöglingen HIV-infizierte Schulmilch verabreicht – die perfide weitergedachte Idee jenes Films vielleicht, dessen erwachsene Furcht vor jugendlichem Kontrollverlust buchstäblich Schule machte: Battle Royale, eine negative Utopie über juvenile Delinquenten, die sich unter Aufsicht ihres Lehrers (gespielt von Takeshi Kitano) gegenseitig abschlachten müssen.

Die letzte Arbeit des zur Entstehungszeit bereits 70-jährigen Kinji Fukasaku verhalf dem Regisseur zu spätem internationalen Ruhm, löste in Japan aber auch eine bis in höchste parlamentarische Kreise reichende Diskussion über filmische Gewaltdarstellungen und deren mögliche Nachahmungseffekte aus. Mit der Geschichte über notgedrungen mörderische Schüler, deren erbitterter Überlebenskampf keinen Raum für dystopische Young-Adult-Romantik lässt, verhandelt Battle Royale das vor dem Hintergrund schulischer Amokläufe besonders heikle Motiv der Menschenjagd als Variante staatlich verordneter Teenager-Todesspiele ("BR-Gesetz"). Kinji Fukasaku findet dafür kontroverse und angemessen unverdauliche Bilder, die vielerorts zu einer Zensur seines Films führten. Hierzulande wurde er von vornherein marginalisiert. Eine FSK-Freigabe gab es selbst für die stark gekürzte und zügig auf den Index gesetzte Verleihversion nicht, die ungeprüfte Originalfassung war zeitweise sogar bundesweit beschlagnahmt. Solche Restriktionsmaßnahmen befinden sich in Deutschland glücklicherweise auf dem Rückzug, zunehmend gelingt auch kleineren Labels die Rehabilitation vermeintlicher "Skandalwerke". Battle Royale ist der nächste einer Reihe ehemals schwer bis gar nicht zugänglich gemachter Filme, die nun unangetastet freigegeben und damit so zu sehen sind, wie sie gedacht waren.

Ironischer- wie bezeichnenderweise blieb die eigentliche Brutalität des Films durch Kürzungen seiner insgesamt überschaubaren Splatterszenen ohnehin unberührt. Verstörend sind in Battle Royale nicht unbedingt aus Hälsen schießende Blutfontänen, sondern die dargestellten und oft auch nur angedeuteten Unterdrückungsstrukturen der heranwachsenden Figuren. Sie haben zwar etwas mit der Art zu tun, wie diese Jugendlichen auf ihre Extremsituation reagieren, ob sie den erzwungenen Kampf gegen die Schulkameraden aufnehmen oder das Spiel ganz einfach nicht mitspielen (etwa durch Freitod gleich zu Beginn). Doch wird der Zusammenhang von Ausgrenzungserfahrungen und schließlich vereinzelt ausgelebten Allmachtsfantasien andererseits nicht überstrapaziert: Statt die Teenager zu psychologisieren und ihr Verhalten unbedingt begreifbar zu machen, vermittelt Kinji Fukasaku lediglich eine Ahnung der nun doppelt und dreifach durcheinander geratenen Gefühle. So gerinnen Dinge, die nicht nur in einem bestimmten Alter die Welt bedeuten können (Gruppenbildung, Liebeleien und Eifersüchte, elterliche Vernachlässigung), zum Antriebsmotor drastischer Bewegungen, ohne moralischen Einfluss auf die teils irrationalen und gerade deshalb glaubwürdigen Handlungen der Figuren zu nehmen. Battle Royale meint es ernst mit sich und ihnen, mit seiner Geschichte und dem Publikum.

Ein verstörender Film also, in sehr eigener Weise unheimlich. Die Menschenjagd-Thematik, auf die sich das Kino seit Richard Connells Kurzgeschichte Das grausamste Spiel und ihrer Verfilmung Graf Zaroff - Genie des Bösen wiederholt bezieht, wirkt in seiner mit 15-jährigen Schülern durchgespielten Abwandlung besonders finster. Organisiert werden die rituellen Teenagermorde von einem System, das gerade nicht glaubt, alles Zivilisatorische aufzugeben, sondern das Abschlachten zum Spiel von Recht und Ordnung erhebt (während Takeshi Kitano als geradezu tiefenentspannter "Spielleiter" tut, was dieses System ihm eben aufträgt). Die grausam-schlüssige Logik solcher Zukunftszerrbilder entwirft ein faschistisches System, das militärisch und medial so effizient durchorganisiert ist, dass es aller Widersprüchlichkeit zum Trotz hochentwickelt erscheint. Vielleicht wurde Battle Royale deshalb oft Satire genannt, wurde mit bemühten Zustandsbeschreibungen und unkonkreten Begriffen wie Gesellschafts- und Sozialkritik als Gegenwartsmetapher gedeutet. Dem liegt ein verständlicher Reflex zugrunde, der intelligentem Genrekino, das weder seine Pulp-Ursprünge noch B-Movie-Anleihen kaschiert, große Bedeutung verleihen und auch das etwas schuldige Vergnügen daran legitimieren soll – zu schnell wird einem Film wie Battle Royale bekanntlich das Stigma dämlicher Exploitation angeheftet.

Wozu Überhöhungen solcher Themen hingegen auch führen können, demonstrierte die gründlich missratene Fortsetzung Battle Royale 2, in der die zum "heldenhaften" Widerstand formierten Schüler plötzlich wie islamistische Terrormilizen gegen eine kapitalistische Übermacht kämpfen. Betrachtet man den ungleich weniger infantilen Vorgänger auf einer Ebene, die zu verlassen Kinji Fukasaku selbst vermeidet, die seiner perspektivisch eingeschränkten Figuren nämlich, offenbart er sich als unerwartet intimes Actiondrama: Jugendliche ohne äußere Bezugspunkte und nicht die falsche Epik des größeren politischen Entwurfs stehen im Mittelpunkt. Damit unterscheidet sich Battle Royale zugleich deutlich von Die Tribute von Panem - The Hunger Games, seinem vergleichsweise keimfreien Hollywoodpendant. Anders als die auf einer populären Jugendbuchreihe basierende Kinoserie arbeitet er nicht mit leichtfertigen Identifikationsangeboten und braucht auch keine Helden- oder Liebesgeschichte. Wo The Hunger Games die zum Töten gebrachten Jugendlichen mit Skizzierungen durchaus mordlustiger Spielantagonisten nur in Gegensätzen zu denken versteht (Mitfiebern statt Ausharren), erweist sich der einzige tatsächliche Bösewicht in Battle Royale als Überlebender einer früheren Schlacht. Dieses Monster haben ganz allein die Erwachsenen erschaffen.

Battle Royale erscheint am 28. April 2017 als DVD und Blu-ray-Steelbook. Zur Verlosung geht es auf der nächsten Seite.

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