Es ist schwer, ein Gott zu sein

Ein Meisterwerk aus Schlamm und Scheiße

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02.09.2015 - 09:00 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Das in monströsen Bildern erzählte Science-Fiction-Ungestüm Es ist schwer, ein Gott zu sein ist die filmische Grenzerfahrung des Jahres. Es reizt die ästhetischen Möglichkeiten des Kinos auf so faszinierende wie unangenehme Art aus.

Es ist schwer, ein Gott zu sein. Und es ist schwer, diesen Film zu ertragen. Was nicht heißt, dass es keine lohnenswerte Erfahrung wäre, ihn zu sehen. Ganz im Gegenteil: Man sollte unbedingt eintauchen in diesen Scheißhaufen von Welt, den der 2013 noch vor Vollendung seines Mammutwerks verstorbene russische Filmemacher Aleksei German uns hier mit garstigen Bildern zerfetzter Leiber hinterlassen hat. Ein künstlerisches Vermächtnis, das vor Abscheulichkeiten überquirlt – und doch hochsinnliches Kino ist: Als bis in kleinste Details der insbesondere logistisch beeindruckenden Nachempfindung mittelalterlichen Lebens, einerseits. Und als eine Idee vom Kino, das wir nicht verstehen, sondern zuvorderst erleben müssen. Irgendwo zwischen Andrei Tarkowski und Béla Tarr, Die Teufel und Der silberne Planet. Aber eben doch ganz ohnegleichen.

Das tolle Unbehagen beginnt schon mit der Frage, was dieser Film eigentlich erzählt – und ob das überhaupt eine Rolle spielt. Liest man sich jedenfalls Inhaltsangaben über ihn durch, wird man spätestens im Kino (wo er jetzt endlich auch hierzulande zu sehen ist) feststellen müssen, dass sie kaum etwas mit den dort vermittelten Handlungsinformationen gemein haben. Entweder nämlich orientieren sie sich allesamt am englischsprachigen Wikipedia-Eintrag , der mindestens eine freie Interpretation des Plots wiedergibt. Oder aber sie beziehen ihr Wissen aus der literarischen Vorlage, dem gleichnamigen Science-Fiction-Roman der Brüder Arkadi und Boris Strugazki (1964), der schon einmal unter dem Titel Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein von Peter Fleischmann (und mit Werner Herzog in einer kleinen Nebenrolle) fürs Kino adaptiert wurde.

Im Film indes verortet lediglich eine (auch nicht ganz unwichtig: unzuverlässige) Stimme aus dem Off das Geschehen zeitlich und geographisch einigermaßen konkret: Nicht auf der Erde, aber einem erdähnlichen Planeten würden wir uns befinden, heißt es. Weil die Renaissance dort nicht stattgefunden habe, hinke die gesellschaftliche Entwicklung etwa 800 Jahre zurück. Eine Gruppe von Wissenschaftlern sei auf den Planeten geschickt worden, um ihn zu studieren. Und angeführt wird – beziehungsweise: wurde – diese Gruppe offenbar von einem Mann, den wir nun als Don Rumata kennen lernen (eigentlich: gerade nicht kennen lernen). Darüber hinaus handelt es sich hierbei möglicherweise um eine Scheinidentität, die die Mission und tatsächliche Herkunft des Erdbewohners während seiner Untersuchungen in der Stadt Arkanar verschleiern soll.

Den offiziellen Inhaltsangaben lässt sich entnehmen, dass dieser Don Rumata (der wohl mal Anton hieß und eine sehr markante Erscheinung ist) als nobler Nachfahre einstiger Götter auftritt, um gegen den hiesigen Sicherheitsminister Don Reba und dessen brutale Armee einen Coup zu planen – obwohl er sich eigentlich nicht in die feudalen Belange des fremden Planeten einmischen dürfe. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob man das den durchweg rätselhaften Dialogfetzen des Films tatsächlich entnehmen kann, oder ob es nicht viel eher bewusst uneindeutig bleibt. Denn auf der Leinwand torkelt da erstmal nur ein wirrer Mann durch Schlamm und Scheiße, vorbei an gruseligen Gestalten, übel zugerichteten Leichen und allerhand aufgescheuchtem Getier.

Uns Zuschauern bleibt letztlich nichts anderes übrig, als Don Rumata auf seinem Weg zu begleiten. Und dabei viele unappetitliche Eindrücke von einer Welt zu gewinnen, die Aleksei German synästhetisch eingehender vermittelt, als einem wahrscheinlich lieb sein kann. Überall wimmelt es vor aufgerissenen Körpern, aus denen sichtbar dampfend Blut und Gedärm, nicht selten allerdings auch andere menschliche Substanzen tropfen. Von Decken hängen geschlachtete Kaninchen, ins Bild schieben sich abgehackte Schweineköpfe, durch die Luft wirbeln umher geworfene tote Fische. Man könnte sagen, die einzig relevante Geschichte erzählen sowohl das komplexe Produktionsdesign, als auch die währenddessen fast pausenlos in Bewegung versetzte Kamera – welche man als eine, wenn nicht gar die wesentlichste Figur des Films begreifen muss.

Sie ist mehr oder weniger subjektiviert, aber keiner konkreten Person zuzuordnen; überaus neugierig, doch stets auf Distanz. Anders: Sie kreiert unmittelbare Bilder und wendet sich gleichzeitig von ihnen ab. In der ersten Verfilmung aus dem Jahr 1989 wurde dem irdischen Protagonisten eine Kamera implantiert, die seine Eindrücke auf das Raumschiff der Menschen überträgt. Auch bei Aleksei German meint man die photographische Perspektive anfangs noch klar identifizieren zu können, doch schon nach wenigen Minuten verabschiedet er sich von unmissverständlichen Point-of-View-Shots, um die Kamera stattdessen einem mysteriösen Souverän zu überantworten. Vor eine weitere Herausforderung stellt er uns zudem, wenn die Menschen von Arkanar unvermittelt mit dieser Perspektive zu interagieren beginnen.

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