Mein Herz für Klassiker

Ich, Dr. Seltsam und der lustigste Atomkrieg

11.06.2011 - 15:50 Uhr
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Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben
© Columbia/moviepilot
Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben
Der Kalte Krieg ist längst vorbei. Das ändert allerdings nichts an Unterhaltungspotenzial und Zeitlosigkeit von Stanley Kubricks brillanter Satire Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben.

Manche nennen ihn den ersten wahren Kubrick, andere eine der besten Satiren aller Zeiten. Wie auch immer das schlussendliche Urteil ausfällt: Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben ist ein verdammt komischer Film, in dem Improvisation und Drehbuch, Schauspieltalent und Regie perfekt miteinander harmonieren. Mein Herz für Klassiker geht deswegen an die beißend schwarzhumorige Satire von Stanley Kubrick mit Peter Sellers und George C. Scott.

Warum ich Dr. Seltsam mein Herz schenkte
Peter Sellers war einer der besten Schauspieler, die das letzte Jahrhundert zu bieten hatte und neben Willkommen Mr. Chance dürfte Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben seine Glanzleistung sein. Denn in Dr. Seltsam spielt Peter Sellers immerhin drei grundverschiedene Figuren. Da ist zum einen der extrem britische Captain Lionel Mandrake, der seinen verrückt gewordenen Vorgesetzten General Jack D. Ripper (Sterling Hayden) davon abhalten muss, die Welt in den Atomkrieg zu stürzen. Zum anderen spielt Peter Sellers den schwächlichen amerikanischen Präsidenten mit dem hübschen Namen Merkin Muffley, der seinen General Buck Turgidson davon abhalten muss, die Welt in den Atomkrieg zu stürzen. Die berühmteste Rolle des Peter Sellers ist hier natürlich der Titel"held" Dr. Seltsam (bzw. Strangelove), den die Vorstellung die Welt in den Atomkrieg zu stürzen, so richtig anmacht.

Warum auch andere Dr. Seltsam lieben werden
Peter Sellers ist aber nicht der einzige Grund, Dr. Seltsam ins Herz zu schließen. Alle, die bisher dachten, Stanley Kubrick hätte einen echt kranken Humor, werden hier… in ihrer Meinung bestätigt. Für eine richig gute Satire braucht es eine konsequente Härte gegenüber den Figuren. In eben jener Disziplin war Stanley Kubrick ein Meister. Deshalb war wohl kein anderer Regisseur in der Lage, den Atomkrieg ausgerechnet vor dem Hintergrund der Kubakrise so schwarzhumorig und unbarmherzig auf’s Korn zu nehmen. Dabei lebt Dr. Seltsam nicht nur von den Referenzen zu tatsächlich existierenden Persönlichkeiten wie Wernher von Braun und Edward Teller. Zeitlos ist Dr. Seltsam, weil Kriegstreiberei, Machtphantasien und Inkompetenz in Regierungskreisen auch nach dem Untergang der Sowjetunion nicht ausgestorben sind.

Warum Dr. Seltsam einzigartig ist
Stanley Kubrick hat in so gut wie jedem Genre sein Können bewiesen, doch mit Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben hat er tatsächlich einen Höhepunkt unter den Satiren geschaffen. Zusammen mit dem sowieso schon abgedrehten Terry Southern gelang ihm ein beißendes Drehbuch, das stets zwischen Zoten (hier heißt schließlich jemand Major T. J. “King” Kong!) und subtilen Gags zu manövrieren weiß. Hinzu kamen beim Dreh die schlichtweg genialen Improvisationen von Peter Sellers. Allein das Telefongespräch mit dem sowjetischen Premier hat Sellers am zehn Minuten langen Stück aus dem Arm geschüttelt. Der Rollstuhl fahrende Dr. Seltsam mit seinen blonden Haaren, dem schwarzen Handschuh und dem eigensinnigen rechten Arm ist ebenfalls aus spontanen Eingebungen entstanden. Nach der “Übung” Lolita ist Dr. Seltsam gewissermaßen die Kür des kongenialen Teams Kubrick-Sellers.

Doch nicht nur die beiden verwandeln Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben in eine ikonische Komödie der 60er Jahre. George C. Scott als dümmlich machohafter Militär zeigt hier eine seiner ungewöhnlichsten, weil übertriebensten Leistungen. Hinzu kommt das Set des War Rooms von Ken Adam, das noch heute Stoff für visuelle Zitate bietet, etwa in Watchmen – Die Wächter. Die Kombination des düster ausgeleuchteten Pentagon-Bunkers mit der umkämpften Militärbasis und dem umherirrenden Bomber mit dem tödlichen Gepäck sorgt dafür, dass die Spannung stets in die Höhe getrieben wird.

Warum Dr. Seltsam die Jahrzehnte überdauert
Sicherlich ist Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben zunächst eine treffende Bloßlegung des Irrwitzes nuklearer Abschreckung. An seiner Bissigkeit hat der Film dank der eiskalten Noir-Inszenierung von Stanley Kubrick sowie dem Drehbuch trotzdem nicht verloren. Dabei arbeiten die Pointen weniger mit zeitgeschichtlichen Referenzen, sondern vor allem mit der Absurdität des gesamten “militärisch-industriellen Komplexes”, vor dem einst Präsident Eisenhower warnte. So ähnelt Dr. Seltsam eher Monty Python als Hot Shots! – Die Mutter aller Filme und macht bis heute das, was Satire sich zum Ziel setzen sollte: Die Mächtigen ihrer Lächerlichkeit preiszugeben.

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