Aktion Lieblingsfilm

Mind Game erweitert deinen Horizont

25.07.2011 - 08:52 Uhr
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Aktion Lieblingsfilm: Mind Game
© Asmik Ace
Aktion Lieblingsfilm: Mind Game
Die Aktion Lieblingsfilm gibt euch die Möglichkeit, der Community darzulegen, welches euer Lieblingsfilm ist und vor allem auch warum. Diesmal beschreibt ein User seinen cineastischen Orgasmus mit Mind Game.

Irgendwann gibt es wohl für jeden Filmeliebhaber den Moment, in dem er glaubt, dass er nie wieder eine Filmerfahrung machen wird, die ihn so überwältigen und erfüllen wird wie seine All-Time-Favoriten, die er unterbewusst stets in seinem Hinterkopf mit sich trägt, wohin er auch immer geht, sie ihm einst beschert haben.

Irgendwann denkt man: Es wird keinen Moment mehr geben, in dem ich am liebsten mitten in einer Szene klatschen würde, auch wenn ich alleine im Dunkeln vor einem flackernden Bildschirm sitze, und es wird keinen cineastischen Orgasmus mehr geben, was das auch sein soll – dass man schon einmal einen erlebt hat, da ist man sich sicher, bei all den Filmen, die man gesehen hat.

Auch ich dachte das vor gar nicht allzu langer Zeit – die absolute Erfüllung erlebte ich vor Jahren in Fight Club, als ich am Ende plötzlich wusste, wie sich wahre Euphorie anfühlt, den absoluten Rausch fand ich in Enter the Void, spätestens als ich nach ihm auf die Straße trat und die Welt plötzlich mit anderen Augen sah.

Der Menschlichkeit begegnete ich in Stalker, tiefgründiger als ich es zuvor geahnt haben könnte, und die Nichtigkeit des eigenen Wesens und die Größe der eigenen Gedanken wurden in Irreversibel so präzise porträtiert, dass ich bis heute nicht ohne Gänsehaut daran denken kann.

Mehr geht nicht – dachte ich.

Dann kam Mind Game und ich hatte eine neue Definition von „mehr geht nicht“ – eine, die mich über einige verquerte Umwege in einen Strudel aus Emotionen, Selbstübertreffungswahnsinn und dem Kampf gegen die Unmöglichkeit eines Ausbruchs warf, aus dem ich wie wiedergeboren an die Oberfläche des Films und auch meines Bewusstseins gelangte. Nein, ich hatte bis dahin keine cineastischen Orgasmen, aber Mind Game war so brutal und freundlich, mich dieser Unschuld zu berauben.

Der Film dreht sich um Nishi, für den an einem Abend mehrere Welten zusammenbrechen: Zunächst begegnet er seiner Sandkastenliebe Myon, welche allerdings bald einen gutaussehenden, sportlichen Kerl heiraten möchte, anschließend werden alle von cholerischen Yakuzas angegriffen, wobei Nishi in erbärmlichster Haltung erschossen wird, und selbst nachdem er sich aus dem Jenseits zurückgekämpft hat, ist die Irrfahrt nicht vorbei, sondern führt alle mitten in den Bauch eines Riesenwales, aus dem es kein Entrinnen gibt. Zwar weiß der Mann, der dort seit dreißig Jahren haust, wie man selbst in dieser Lage Spaß am Leben haben kann, dennoch gibt Nishi den Gedanken an eine Flucht zurück ins Leben nicht auf…

Es geht letzten Endes um Selbstbestimmung und Selbstrespekt, um das JA zum Leben, egal, wie widrig die Umstände dazu sind – doch diese kitschig und altbekannt wirkende Aussage bekommt in Mind Game eine Verpackung, die sie zu keinem Zeitpunkt kitschig und altbekannt wirken lässt. Der Film ist ein Amoklauf von Ideen, der sich um visuelle, schnitttechnische und erzählerische Konventionen nicht im Geringsten schert: Es wechselt zwischen Emotionscollagen, die innerhalb von Millisekunden mehr Empathie erlauben als manche anderen Filme innerhalb ihrer gesamten Laufzeit, und surrealen Überhöhungen, zwischen melancholischer Einsicht und unsterblichen Hoffnungen, zwischen comicverzerrten Realgesichtern und Momenten mehr als pechschwarzer, grotesker Komik.

Wie Nishi die Erbärmlichkeit seines eigenen Todes immer wieder bewusst gemacht wird, wie er sich gegen Gottes Befehl, ins Verschwinden zu übergehen, wehrt, wie er anschließend zurück im Leben dieses nach allen Regeln der (Film-)Kunst aufmischt, das ist trotz des überzogenen Charakters in seinem Grundsatz unheimlich menschlich und Nishis Wandel vom zitternden Feigling zu selbst vor wahnwitzigsten Real-Actionfilmzitaten nicht zurückschreckenden (Anti-)Helden ist sympathisch und hintersinnig zugleich. Zudem ist die Darstellung Gottes womöglich beispiellos – visuell ein wechselhaftes Potpourri aus verschiedensten verrückten Vorstellungen tritt er charakterlich vermeintlich zynisch und abwertend auf, doch gerade dadurch führt er Nishi letzten Endes zu seiner eigentlichen Menschlichkeit zurück.

Und obwohl ich bereits vor längerer Zeit die These aufgestellt hatte, dass das Essentielle an einem Anime meistens die unvermeidliche und kompromisslose Eskalation zum Schluss ist, war der Showdown genau der Schlag durchs Gehirn, welchen man stets erhofft, doch rational nie erwartet: Wie der Film plötzlich visuelle und emotionale Superlativen in einen hemmungslosen Kampf, nein, eher Krieg gegeneinander schickt und dabei jeden Gedanken der Sorte „So, jetzt kann es definitiv nicht mehr krasser werden!“ in der nächsten Sekunde auslacht und die Wucht wie den Wahnsinn auf eine noch höhere Ebene hebt, ist nicht mehr bloß großes Kino, es ist größte Kunst, weil sie zu einem keine Grenzen akzeptierenden Bewusstseinsstrom wird.

Ich könnte gewiss noch viel mehr schreiben – von den rauschhaften Musikeinlagen, von der quirligen Story-in-der-Story oder von einer der außergewöhnlichsten Sexszenen, die ich je in einem Film erblicken durfte – doch letzten Endes würden auch mehr Worte meine Empfindung am Schluss dieser Achterbahnfahrt von einem Film kaum würdig erfassen können. Deswegen betone ich nur noch ein letztes Mal: Mind Game ist einer der zynischsten und zugleich optimistischsten, einer der hemmungslosesten, wildesten, erfüllendsten, wahnwitzigsten und schlichtweg bewusstseinszerfetzendsten Filme aller Zeiten. Deswegen – und weil er mich in meiner pessimistischen Haltung eines Besseren belehrte – verdient er in seiner unaufhaltsamen Wucht die Bezeichnung „Lieblingsfilm“.


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