Toni Erdmann - Das sagen die Kritiker zum Cannes-Liebling

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Toni Erdmann
14.07.2016 - 10:55 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Heute läuft der deutsche Cannes-Durchstarter Toni Erdmann in den deutschen Kinos an. Wir haben einen kleinen Überblick über die Kritiken zur Tragikomödie von Maden Ade zusammengestellt.

Regisseurin Maren Ade punktete schon mit ihren Vorgängerfilmen Alle Anderen und Der Wald vor lauter Bäumen bei der Kritik. Toni Erdmann ist ihre dritte Regiearbeit, mit der sie als erster deutscher Beitrag seit acht Jahren beim Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes teilnahm.

Winfried Conradi (Peter Simonischek) ist ein ruhiger und einsamer Mensch. Seine einzige Tochter Ines (Sandra Hüller) besucht ihn nur noch selten und hängt auch dann die meiste Zeit aus geschäftlichen Gründen am Telefon. Als sie auf eine Geschäftsreise nach Rumänien fährt, folgt ihr Vater ihr. In der Zeit des unangenehmen Aufeinanderhockens wird die Diskrepanz zwischen den beiden Individuen immer deutlicher. Bei einem Zwischenstopp in einem Wellnessbad fällt die Frage danach, was Glück ist, die weder Winfried noch Ines beantworten können. Nach seiner vermeintlichen Abreise taucht Winfried mit falschem Gebiss und einer Perücke als sein Alter Ego Toni Erdmann wieder auf. Die damit anonymen Treffen entwickeln sich zu einer distanzierten Aufarbeitung einer erkalteten Vater-Tochter-Beziehung.

Lest nun, was die internationale Kritik zum deutschen Cannes-Beitrag sagt und wie der Film in seinem Heimatland abschneidet.

Wie immer zuerst die harten Fakten zu Toni Erdmann:

  • 15 Kritiker-Bewertungen mit einem Durchschnittswert von 8,2
  • 37 Community-Bewertungen mit einem Durchschnittswert von 8,5
  • 12 Kritiken und 10 Kommentare
  • 308 Vormerkungen, 3 sind nicht interessiert


Das sagen die englischsprachigen Kritiker zu Toni Erdmann:

Leslie Felperin vom Hollywood Reporter  stellt die eigensinnige und vielschichtige Zeichnung der Charaktere heraus:

[...] Ade spielt ein gekonntes Spiel, indem sie die Sympathie der Zuschauer gegenüber den irritierenden, vielleicht sogar anfangs sehr unausstehlichen Charakteren durch komplex geschichtete Leistungen von Simonischek und Hüller manipuliert und begünstigt, die über den Film hinweg ihre weichen Seiten zeigen. Hinter Winfrieds Albernheit steckt ein gutes Herz und eine aufrichtige Neugier für die Welt um ihn herum.

Eric Kohn greift diesen Aspekt in seiner Kritik auf IndieWire  auf und setzt ihn in Kontrast mit der immensen Lauflänge des Films:

Trotzdem ist der Film nicht immer erfolgreich darin, sein Gewicht zu rechtfertigen, wenn er die Reibungsflächen seiner Vater-Tochter-Beziehung unzählige Male durchspielt, bevor die beiden Figuren endlich eine Entwicklung durchmachen. Nur dank der unglaublichen Authentizität der beiden Schauspieler funktioniert der Film so lange.

Giovanni Marchini Camia von The Film Stage  lobt die bewusste Abwendung von typischen Feel-Good-Mustern:

Wäre dies eine Hollywood-Feel-Good-Komödie - auf dem Papier könnte der Film durchaus so durchkommen - würde [Ines] sich schnell besinnen, ihre Sachen packen, nach Hause fahren und sich mit ihrem Vater vertragen. Aber so ist es nicht - hinsichtlich dessen könnte Toni Erdmann sich gar nicht deutscher anfühlen - und wie [Maren] Ade bereits in jedem ihrer Spielfilme deutlich gemacht hat, ist sie nicht an solch einfachen Lösungen interessiert, auch wenn Toni Erdmann manchmal so scheint, als genieße sie es, sich dieser Richtung kurzzeitig auch hinzugeben. Ines' Entwicklung wird lang, schmerzvoll und auch am Ende weit von einer Lösung entfernt sein.

Das sagen die deutschsprachigen Kritiker zu Toni Erdmann:

Wenke Husmann von der Zeit  setzt thematisch sogar noch ein Stück früher an und sieht neben der gegenwärtigen Vater-Tochter-Beziehung ein universelles Eltern-Kind-Verhältnis:

In ihrem dritten Spielfilm hat sich die Filmemacherin Maren Ade in jenes Gefühl zurückgegruselt, das Eltern in einem ausgelöst haben, als auf dem Schulfest keiner am Tisch ihren Witz lustig fand. Um dieser beklemmenden Mischung aus Scham und Ausgeliefertsein nach dem Auszug zu entkommen, redet man sich gerne ein, dass man nichts mit den eigenen Eltern gemein habe außer zufällig den Genen. Freunde, heißt es dann, seien die wichtigen Beziehungen. Oder, wie im Leben von Ines, eben Kollegen oder Kunden. Über diese moderne Halluzination beugt sich Ade mit ihrem menschenfreundlichen und herrlich komischen Blick und dröselt auf: Bukarest hin oder her, das Muster, nach dem Ines gestrickt ist, stammt aus Remchingen.

Tom Dorow von Indiekino  sieht im Humor eine ehrliche Annäherung an die Figuren und die nüchterne Erkenntnis, die am Schluss ihrer Reise steht:

Toni Erdmann ist unglaublich komisch, auch wenn Winfrieds Witze als Toni nur mittelmäßig sind, und er sich oft genug dafür entschuldigt: war doch nur Spaß. Der Humor liegt in einer verzögerten Situationskomik, in den Reaktionen, Unsicherheiten, auch von Winfried selbst. Das ist kein Fremdschämen, weil Ade ihre Figuren nicht denunziert. Außerdem ist die Situation so verzweifelt, dass nur ein hilfloser Humor sie halbwegs – natürlich nicht ganz – retten kann. [...] Wo Mike Leighs Happy-Go-Lucky vor acht Jahren den Humor und das Herumalbern als Überlebensstrategie in einer beängstigenden Welt verteidigte, ist TONI ERDMANN ein sehr komischer und trauriger Film darüber, dass das nicht reicht, um die Finsternis zu besiegen. Der Humor ist hier am ehesten noch ein Weg, die gemeinsame Traurigkeit zu erkennen.

Auf Critic.de  sieht Frédéric Jaeger darüber hinaus eine nüchterne Systemkritik, die so beiläufig wie aufrüttelnd ist:

„I like countries with a middle class, they relax me.“ Bei einem gemeinsamen Drink mit dem Kunden und seiner neuen Ehefrau kommt alles zusammen, was Toni Erdmann ohne Ressentiment, aber bissig diagnostiziert: die oftmals unauffälligen Perversionen einer patriarchal organisierten Wirtschaft und wie sich Frauen darin positionieren können. Nebenbei wird das erzählt, ohne großes Aufheben darum zu machen, als ein Milieu, das ist, das sich aber nicht erst beweisen muss, das nicht ausgestellt zu werden braucht. Die Hoffnung, die die Geschichte antreibt, ist keine der Aufklärung, sondern der Liebe.
Fazit zu Toni Erdmann:

Es ist schwer, negative Worte zu Toni Erdmann zu finden. Die kritischen Stimmen beschränken sich dabei meist auf die Laufzeit oder die etwas biedere Optik des Films. Ansonsten kommt Toni Erdmann hierzulande sowie im Ausland überragend weg. Bei den Filmfestspielen in Cannes bekam Maren Ades Film Ovationen, auch wenn er die Goldene Palme nicht für sich gewinnen konnte. Das nuancierte, gefühlvolle, komische und authentische Vater-Tochter-Drama bleibt den Leuten im Kopf. Es scheint, als müsste man das deutsche Kino gar nicht unbedingt neu erfinden, um es zu retten.

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