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Aus eins mach zwei

Unterliegt Hollywood einem zerstörerischen Teilungswahn?

Mockingjay
© Scholastic Press/moviepilot
Mockingjay
20.11.2014 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Mit Mockingjay Teil 1 läuft heute das finale Kapitel der Hunger Games in den Kinos an. Wie die Eins im Namen vermuten lässt, hat das Studio bei der Romanverfilmung erneut die Schere angesetzt und das Ende in zwei Filme aufgeteilt. Ein Trend, der in Hollywood zunehmend beliebter wird - sollten wir uns Sorgen machen?

Hollywood war schon immer gut darin, uns konstant Anlass zu eifrigen Diskussionen zu liefern. Zuerst waren es die zahlreichen Fortsetzungen, die meist mit absteigender Qualität einhergingen und auf erfolgreiche erste Werke folgten. Dann die omnipräsenten Comicverfilmungen, welche inzwischen zum Alltag eines jeden Cineasten gehören. Zum Start von Die Tribute von Panem - Mockingjay Teil 1 steht in illustrer Runde die kontrovers besprochene Zweiteilung von finalen Franchise-Abenteuern ganz hoch im Kurs. Ein um sich greifender Trend im sonnigen Kalifornien, welchen nun auch die Comic-Giganten Marvel und DC für sich entdeckt haben. In Kürze werden uns deshalb die jeweiligen Superhelden-Ensembles der mächtigen Verlage - The Avengers und The Justice League - gleich zwei Mal die Explosionen fulminant um die Ohren werfen. Eine Entwicklung, die nicht bei jedem Fan auf Gegenliebe stößt. Doch welche Folgen hat dies für das Kino der Zukunft?

Die unstillbare Gier Hollywoods

Gier, unerschöpflicher Geldhunger und schamlose Ausbeutung eines fantastischen Universums wurde den Machern lauthals vorgeworfen. Allerdings gibt es auch hier zwei Seiten der Medaille. Auf der einen Seite ist das Geld natürlich der naheliegendste Gedanke und der erste Impuls bei einer solch hitzigen Diskussion. Dass dieses Argument bei der Entscheidung in den obersten Riegen der Studios wohl auch immer eine Rolle spielt, steht spätestens beim Betrachten der nackten Zahlen außer Frage. Obwohl das zauberhafte Franchise rund um Harry Potter bereits sieben Teile auf der Uhr hatte, entschied sich Warner dafür, das Finale aufzuteilen. Das Ergebnis spricht für sich. Während der erste Teil des letzten Kapitels noch knapp 940 Millionen US-Dollar einspielte, knackte der zweite locker die Milliarden-Marke - ein durchschlagender Erfolg, zumindest an der Kinokasse. Die Frage ist, ob wir den Studios eine solche Denkweise wirklich vorwerfen können. Denn auf der anderen Seite sind gerade große Blockbuster eine verdammt teure Angelegenheit. Dies bewies zuletzt Christopher Nolans Interstellar, der mit knapp 200 Millionen US-Dollar ein imposantes Budget verschlang. Trotz umfangreicher Marktstudien, tollen Statistiken und Erfolgen in der Vergangenheit bleibt auch bei derartigen Projekten zu jeder Zeit ein gewisses Restrisiko. Dass sich deshalb riesige Konzerne wie Warner Bros. oder Disney immer auf die erste Grundregel der BWL berufen und gewinnorientiert denken, verwundert wenig. Zudem bleibt die DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung auch heute noch eine wichtige Stütze der Filmbranche und gewährt bei einer Zweiteilung des Film zusätzliche Sicherheit. Erwähnen wir abschließend noch den immensen Marketingeffekt, den ein erfolgreicher Vorgänger haben kann, bleiben an dem positiven finanziellen Aspekt einer solchen Aufsplittung kaum Zweifel. Viel wichtiger ist aber, was macht diese Entwicklung aus narrativer Sicht mit unserem liebsten Hobby?

Das Kino in der Identitätskrise

Wir können uns wohl sicher sein, dass die aktuellen Pläne der Traumfabrik, die ein oder andere Schweißperle über das angespannte Gesicht der hiesigen Autoren laufen ließ, bricht der Trend doch mit altgewohnten Konventionen. Filme als abgeschlossenes Werk basieren meist auf drei Akten, in welchen der Spannungsbogen unaufhörlich ansteigt, bis im finalen Teil der Höhepunkt mit der anschließenden Auflösung folgt. Ein Konzept, das derzeit immer öfter über den Haufen geworfen wird, um eine länger andauernde Geschichte zu formen. Allerdings muss dies nicht zwingend negativ sein, betrachten wir die umfangreichen Vorlagen. Gerade die ganz großen Fans, welche ein Franchise wirklich leben, sind häufig die größten Kritiker und wünschen sich eine möglichst originalgetreue Umsetzung ihres Favoriten. Dies stellt Filmemacher vor die Wahl, entweder ein sechsstündiges Epos abzudrehen oder die Geschichte in zwei Teilen zu veröffentlichen. Dies bricht zwar mit unseren alteingesessenen Sehgewohnheiten, räumt der Geschichte aber gleichzeitig auch mehr Luft zum Atmen ein. Der abschließende Höhepunkt in Romanen ist häufig wesentlich umfangreicher beschrieben als in einem Skript, da komplexe Handlungsstränge, die über Tausende von Seiten sorgfältig aufgebaut wurden, im finalen Akt zu einem runden Ende geführt werden. Ein Vorgang, der deutlich mehr Zeit zur Entfaltung braucht als maßgeschneiderte Geschichten für Spielfilme. Das Problem dabei ist aber, dass der aufmerksame Zuschauer in den ersten Teilen stets das Gefühl hat, in einem zweistündigen Streifen zu sitzen, der am Ende lediglich als solider Unterbau für eine größere Rahmenhandlung fungiert. Zwar versuchen die Schreiber diesen Umstand zu kaschieren, indem künstlich ausgeschmückte Highlights eine immer noch intakte 3-Akt-Struktur vortäuschen. Während schließlich der Abspann über die Leinwand flimmert, verlässt der Besucher dennoch häufig unbefriedigt den Saal und muss ein weiteres Jahr warten, um das eigentliche Ende doch noch zu Gesicht zu bekommen.

Dabei war genau dies eigentlich immer eine der großen Stärken der Lichtspielhäuser. Nach dem Streifen konnten wir noch stundenlang mit Freunden darüber reden, welch aufregende Reise eben im hektisch projizierten Licht über die Leinwand schoss und wie es der Regisseur geschafft hat, uns mit einem gelungenen Ende eine Botschaft auf den Weg mitzugeben. Heute beginnt oft nur ein schier endloses Warten statt aufgeregter Freude über das Erlebte. Trotz der erzählerischen Vorteile, fürchte ich um die Identität des Kinos. Gerade in Zeiten, in denen erstklassige Serien wie Game of Thrones zeigen, dass großartige Bilder auch auf dem kleinen Bildschirm erfolgreich funktionieren, sollte das Kino mehr auf seine eigenen Stärken bauen, anstatt sich in sinnlosen Bemühungen der erzwungenen Anpassung zu verlieren.

Was haltet ihr von dem Hollywood-Trend, das furiose Finale einer beliebten Reihe in mehrere Teile aufzuteilen?

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